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Deutschland

Rauchverbote retten Leben

Ohne Tabakqualm lebt es sich gesünder. Seit der Nichtraucherschutz in Behörden und Gaststätten deutlich verschärft wurde, erkranken weniger Menschen an Herzinfarkten. - Das belegt eine aktuelle Studie.

Rauchen ist eklig © Ralf Gosch #8438666

Symbolbild Rauchen ist eklig

Wer raucht, riskiert schwere Krankheiten. Das belegen zahlreiche Untersuchungen. Der deutsche Gesundheitsforscher Reiner Hanewinkel und sein US-amerikanischer Kollege James Sargent haben sich das Ziel gesetzt, auch das Umgekehrte zu belegen: dass nämlich strengerer Schutz vor Qualm auch das Risiko von Herzerkrankungen senkt.

Weniger Krankenhausaufenthalte

Ein Rauchverbot-Schild an der Eingangstuer eines Einkaufszentrums in Rostock, aufgenommen am Mittwoch, 1. Aug. 2007. Nach langem Ringen treten in Mecklenburg-Vorpommern am Mittwoch die ersten Nichtrauchergesetze in Kraft. So darf in Behoerden, oeffentlichen Einrichtungen, Schulen und Krankenhaeusen nicht mehr geraucht werden. (ddp images/AP Photo/Frank Hormann) ---A sign prohibiting smoking is fixed to the entrance of a big shopping centre in Rostock on Wdnesday, Aug. 1, 2007. (ddp images/AP Photo/Frank Hormann)

Lange umstritten: Rauchverbotsschilder

Es ist - sagen ihre Autoren - die bisher größte Untersuchung zu diesem Thema: Die Forscher haben Daten von 3,7 Millionen Versicherten der Krankenkasse DAK-Gesundheit ausgewertet. Und sie stellten fest, dass die Zahl der Herzkreislauferkrankungen stabil war, bis in deutschen Gaststätten Rauchverbote eingeführt wurden. Aber schon im Jahr danach fiel sie deutlich: Die Zahl der Krankenhausbehandlungen wegen Herzinfarkts sank um 8,6 Prozent, die Fälle der schwächeren Vorstufe Angina pectoris sogar um 13 Prozent. Das werten die Forscher als direkte Auswirkung der zwischen August 2007 und Juli 2008 eingeführten Nichtraucherschutzgesetze.

Um Einschränkungen für Raucher in Gaststätten wurde lange gestritten. Selbst als mehrere andere Länder bereits Rauchverbote erlassen hatten, rangen in Deutschland Befürworter und Gegner noch erbittert um jeden Gesetzesparagraphen. Schließlich preschten einzelne Bundesländer vor, andere zogen nach, allerdings mit kleinen, aber feinen Unterschieden im Kleingedruckten: den Ausnahmeregelungen.

Föderaler Flickenteppich

Ein Raucher zündet sich am 4.11.2003 in Vluyn eine Zigarette der Marke Ernte 23 an einer zu Ende gerauchten Zigarette an (Symbolfoto). Der Frührentner Wolfgang Heine will ab dem 7. November vor dem Arnsberger Landgericht vom Tabakkonzern Reemtsma Schadensersatz und Schmerzensgeld für seine beiden Herzinfarkte und Bypassoperationen erstreiten, weil er sich sicher ist, dass seine Erkrankungen auf seine Nikotinsucht zurückzuführen sind.Wir betreten damit Neuland, sagte sein Anwalt. Denn bisher waren alle Klagen von deutschen Rauchern gegen Tabakkonzerne schon an der Kostenübernahme gescheitert.

Sucht mit schweren gesundheitlichen Folgen

Das Ergebnis ist ein "Flickenteppich des Nichtraucherschutzes", stellt Reiner Hanewinkel fest, Direktor des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel. Denn diese Regelungen kann jedes Bundesland selbst bestimmen. Das föderale Chaos wurde schließlich vom Bundesverfassungsgericht etwas eingedämmt, indem es die Möglichkeiten auf zwei beschränkte: Die meisten Bundesländer erlauben das Rauchen nun in Diskotheken, Bars und Cafés ohne Essensangebot sowie großen Gasthäusern, die abgetrennte Raucherräume einrichten. Nur zwei Bundesländer - das Saarland und Bayern - haben ein komplettes Rauchverbot in der Gastronomie eingeführt.

"Bayern musste ja auch zum Jagen getragen werden", erinnert Hanewinkel im DW-Interview. Erst als Nichtraucherschutzverbände eine Volksabstimmung erzwangen, in der sich die Mehrheit für ein striktes Rauchverbot aussprach, gab die CSU-Landesregierung nach. Seitdem ist selbst die traditionelle jährliche Touristenattraktion, das Oktoberfest, rauchfrei.

"Ganz große Erfolgsstory"

Mittlerweile sind auch die vehement vorgetragenen Bedenken der Gastronomie-Lobby entkräftet: Die Gaststätten verzeichnen seit dem Rauchverbot keineswegs, wie sie befürchtet hatten, Einnahmeeinbußen. Im Gegenteil: Die Kassen klingeln kräftiger denn je.

Es schüttet also nur noch mehr Wasser auf die Mühlen der Nichtraucherschützer, dass sich die gewonnene Rauchfreiheit schon so schnell und deutlich in den Krankheitsstatistiken niederschlägt. Für Hanewinkel ist das lange Ringen um die Rauchverbote in Gaststätten "eine ganz, ganz große Erfolgsstory".

Und die Erfolgsstory hat noch Luft nach oben: Wenn alle Bundesländer so strikte Anti-Raucher-Gesetze durchsetzen wie das Saarland oder Bayern, halten die Gesundheitsforscher es für möglich, dass Herzkreislauferkrankungen noch stärker zurückgehen. Studien in anderen Ländern hätten gezeigt, dass strenge Rauchverbote die Zahl der Herzinfarkte nicht nur um acht, sondern um bis zu 17 Prozent senken können.

Widerspruch der Tabak-Lobby

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) raucht am Mittwoch (29.09.10) in Berlin bei einem Empfang des Springer Verlags nach dem Festakt zur Enthuellung des Denkmals Vaeter der Einheit des franzoesischen Kuenstlers Serge Margin eine Zigarette. Als letzte von drei Buesten aus Bronze wurde am Mittwoch das Portrait des ehemaligen US-Praesidenten George W. Bush sen. enthuellt, das zusammen mit den Portraits von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und des ehemaligen Praesidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, das Kunstwerk Vaeter der Einheit bildet. Foto: Odd Andersen/Pool/dapd

Tolerierter Raucher: Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt

Von derartigen Heilsversprechen hält die Tabakindustrie verständlicherweise nichts: Peter Königsfeld vom Deutschen Zigarettenverband warnt davor, die sinkende Zahl der Krankheitsfälle allein mit den Rauchverboten zu erklären: "Herzinfarkte sind keine Erkrankungen, die auf nur eine einzige Ursache zurückzuführen sind." Ein ebenso wichtiger Grund für den Abwärtsknick in der statistischen Kurve ist laut Königsfeld, dass die Deutschen heute gesünder leben, sich bewusster ernähren und mehr Sport treiben. Franz Peter Marx vom Verband deutscher Rauchtabakindustrie nennt in diesem Zusammenhang noch die gesunkene Feinstaubbelastung in der EU. Die Studie bezeichnet Marx nur als "Momentaufnahme" mit beschränkter Aussagekraft.

Bestätigt sehen sich hingegen die Nichtraucherschutzverbände. Und die DAK-Gesundheit liefert ihnen zusätzlich zur Studie noch eine Umfrage, die zeigt, dass mehr als 80 Prozent der Deutschen die Rauchverbote gut finden. Andreas Zeilinger von der Organisation Pro rauchfrei e.V. fordert darum, die Nichtraucherschutzbestimmungen bundesweit einheitlich zu gestalten - und zwar als sehr striktes Rauchverbot. "In Bayern ist es besser als in anderen Bundesländern", sagt er, "aber auch hier ist es noch nicht ideal."