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Amerika

Ratlos nach einem grausamen Jahr

Im Durchschnitt gab es in diesem Jahr an jedem Tag irgendwo in den USA eine Schießerei. Zum Handeln führt diese Statistik jedoch nicht. Vielmehr droht sie die Bestätigung für eine neue Normalität im Land zu werden.

Die Tatsache, dass das Attentat von San Bernardino die meisten Opfer in den USA seit 2012 forderte, ist nur deshalb so außergewöhnlich, weil es in letzter Zeit so viele derartige Taten gab. Gerade einmal zehn Tage zuvor wurden bei einer Schießerei in New Orleans 17 Menschen verletzt, die gemeinsam mit hunderten anderen beim Dreh eines Musikvideos zuschauten. Nur fünf Tage später stürmte ein bewaffneter Mann eine Klinik für Familienplanung und tötete drei Menschen.

Das Attentat von San Bernardino mit 14 Toten war die jüngste der Massenschießereien, die nahezu täglich in den USA stattfinden. Als Massenschießerei gilt ein bewaffnetes Attentat mit mindetsens vier Verletzten. Die Webseite "Gun Violence Archive" hat 310 solcher Vorfälle allein in diesem Jahr gezählt. Rechnet man die Opfer der Vorfälle mit weniger Opfern hinzu, starben in diesem Jahr mehr als 12.000 Menschen in den USA durch Waffengewalt.

Einen wirklichen Druck für eine umfassende Änderung der Politik, um diese Zahlen zu verringern, hat es dennoch bislang nicht gegeben. Und nach San Bernardino ist das ebenfalls unwahrscheinlich.

Texas Colorado Schießerei Planned Parenthood Center

Fünf Tage vor dem Attentat in San Bernardino wurden drei Menschen in einer Klinik für Familienplanung erschossen

Abgestumpft und verwirrt

Ob Massenschießereien in den USA tatsächlich zunehmen ist umstritten. Online- Datenbanken wie das "Gun Violence Archive" gibt es erst seit wenigen Jahren. Aber zweifellos kommt San Bernardino zu einer denkbar schwierigen Zeit für Amerika.

Das Land war noch dabei, die Schießerei in der Klinik für Familienplanung zu verarbeiten. Die widerum fand ausgerechnet im Moment der Trauer, dem Alarmzustand und der Debatte in den USA nach den Anschlägen von Paris statt. Und gleichzeitig läuft im Land die intensive Debatte über tödliche Gewalt von Polizisten gegen Schwarze.

Die Bevölkerung droht angesichts der Gewalt zunehmend abzustumpfen. Hinzu kommt die Verwirrung über ihren Ursprung. Im Gegensatz zu den jüngsten Attacken in Europa, die schnell mit islamistischem Terrorimus in Verbindung gebracht werden konnten, ist bei den vielen Schießereien in Amerika das eine Böse, das bekämpft werden muss, nicht so leicht auszumachen.

"Es gibt persönliche Motive, politische Motive, religiöse Motive, kriminelle Motive oder gar keine Motive", sagte Jeffrey Simon, der Massenschießereien erforscht, in einem Interview mit der New York Times. "Und die Grenzen dazwischen sind oft völlig verwischt."

Tödliche Sackgasse

Waffen scheinen also die einzigen gemeinsamen Nenner dieser Taten zu sein.

Schießplatz Waffentraining Privat USA Arizona Waffenlobby NRA Wüste

Die Waffenlobby und viele Amerikaner lehnen strengere Waffengesetze ab

Während aber die meisten Amerikaner strengere Waffenkontrollen befürworten, spaltet die Frage nach Gesetzen zur Begrenzung der Rechte von Waffenbesitzern die Nation. Bemühungen, umfassende Hintergrundüberprüfungen von Waffenkäufern durchzusetzen, werden von der "National Rifle Association" (NRA) heftig bekämpft. Das Argument der Waffenlobby: Solche Versuche seien eine Verletzung des Grundrechts der Bürger, Waffen zu tragen.

Hinzu kommt laut Untersuchungen des Pew Research Centers die wachsende Auffassung vieler Amerikaner, dass die Kriminalität zunimmt und dass der Besitz einer Waffe mehr Sicherheit verspricht.

Außerdem haben die unterschiedlichen Motive für die Angriffe, die Aufmerksamkeit oft auf andere Spannungen in der Gesellschaft gelenkt und nicht auf die Art der Gewalt selbst. Zum Beispiel sehen viele in dem Mord an neun Menschen in einer Kirche im Juni den Ausdruck von gewalttätigem Rassismus, den es immer noch gibt im Land. Da die Motive der Mörder von San Bernardino bislang unklar sind, es jedoch Beweise gibt, dass die Tat geplant war, stellt sich nun die Frage, ob man sie in erster Linie als Terrorakt oder als eine weitere Massenschießerei wahrnimmt.

"Zur Routine geworden"

Der Frust über den Mangel an Fortschritt wird vermutlich am deutlichsten durch die Statements, die Präsident Barack Obama nach jeder Massenschießerei abgab.

USA Schießerei in einer Kirche in South Carolina Reaktion Obama

Angesichts der vielen Schießereien frustriert: Präsident Obama

Nach einer Reihe von Schießereien zu Beginn seiner Präsidentschaft zeigte er sich entsetzt. Nach dem Mord an 12 Menschen in einem Kino in Colorado vor drei Jahren sagte er: "Wenn es irgendetwas gibt, was wir aus dieser Tragödie lernen können, ist es, dass das Leben sehr zerbrechlich ist."

Doch etwas veränderte sich nach dem Mord an 28 Menschen, die meisten davon Kinder, in einer Grundschule in Connecticut. "Wir haben zu viele dieser Tragödien ertragen müssen in den letzten Jahren", sagte ein mit den Tränen kämpfender Obama und forderte strengere Waffengesetze. Kurze Zeit später wurde ein Gesetzesentwurf in Kongress eingebracht, der Sturmwaffen verbieten und umfassende Hintergrundüberprüfungen einführen sollte. Das Vorhaben scheiterte.

In diesem Jahr wurde der Ton Obamas noch frustrierter. "Ich habe schon zu viele dieser Statements abgeben müssen", sagte er nach der Schießerei in Charleston im Juni. Dann im Oktober: "Das ist irgendwie zur Routine geworden. Die Berichterstattung ist Routine geworden. Meine Antwort ist Routine. Wir stumpfen ab."

Nach der Schießerei in San Bernardino klang der Präsident resigniert. "Es gibt Schritte, die wir ergreifen können,… um die Chancen zu erhöhen, dass dies seltener passiert", sagte er in gemäßigtem Ton.

Es liegt sicherlich nicht an Obama, dass effektivere Waffengesetze im letzten Jahr seiner Amtszeit sehr unwahrscheinlich sind. Der Wahlkampf wird die Polarisierung zu diesem Thema eher noch verstärken, während es keine Zeichen dafür gibt, dass Massenschießereien abnehmen werden.

Die Herausforderung für Amerika ist, sich immer wieder klar zu machen: Man muss mit diesen Schießereien rechnen, aber man darf sie niemals akzeptieren.