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Deutschland

Ratlos in die Zukunft

Die Grünen werden 30 – und wissen nicht so recht, wohin sie die Zukunft führt. Dabei können sie sich auf immer mehr Stammwähler stützen. Die Grünen, ein ratloses Geburtstagskind, meint Jens Thurau.

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Wer hätte das gedacht: Dass die Partei, die ein bunter Haufen am 13. Januar 1980 in Karlsruhe nach endlosen hitzigen Debatten ins Leben rief, tatsächlich auch nach 30 Jahren noch existiert? Mehr noch: Dass diese Partei eine stabile Kraft im politischen Spektrum des Landes ist, in vielen Bundesländern und sieben Jahre lang sogar im Bund mitregiert hat? Wahrscheinlich hätten das nur die kühnsten Optimisten für möglich gehalten. Und niemand hätte die abenteuerlichen Wandlungen vorhersehen können, die diese Partei in drei Jahrzehnten hinter sich gebracht hat: Von der parlamentskritischen Bewegungsvereinigung von Atomgegnern, Pazifisten und linken Sektierern zu einer bildungsbürgerlichen Mitgliederpartei, die deutsche Soldaten zum Anti-Terror - Kampf nach Afghanistan schickt.

Jens Thurau

Aber: Gemessen am spektakulären Verlauf der bisherigen 30 Lebensjahre feiern die Grünen ihren Geburtstag fast still: Auf den Oppositionsbänken des Bundestages – und ein bisschen ratlos, wie es weitergehen soll. Mit welchem Personal, mit welchen Partnern, mit welchen Themen.

Selbst wegrationalisiert

Und das liegt paradoxerweise daran, dass diese 30 Jahre eigentlich eine Erfolgsgeschichte erzählen, die so geht: 1980 forderten die Grünen besseren Umweltschutz, die Anerkennung alternativer Lebensformen, die Akzeptanz von Schwulen und Lesben, mehr Gleichberechtigung der Geschlechter. Damit standen sie zunächst allein, aber nach und nach schlossen sich viele Menschen diesen Forderungen an, später auch die etablierten Parteien, die Gesellschaft änderte sich – und das führte dazu, dass die bunten Grünen weniger bunt erscheinen. Kann man noch mit dem Image als einzige Umweltpartei punkten, wenn Angela Merkel von der CDU weltweit als Klimaschutzkanzlerin gefeiert wird? Und auch das: Jahrelang haben die Grünen für flächendeckende Kita-Plätze schon für Vorschulkinder gekämpft, jetzt fordern das plötzlich alle - aber wird man für vergangene Verdienste gewählt?

Andere Gründe für die Ratlosigkeit sind hausgemacht: Lange Jahre waren die Grünen festgelegt auf Koalitionen an der Seite der SPD, doch die große alte Volkspartei schwächelt erheblich, und die Grünen wollen sich öffnen, trauen sich aber noch nicht – von Landeskoalitionen wie in Hamburg abgesehen – offen auf die CDU zuzugehen. Und auf einigen inhaltlichen Feldern, wie der Haltung zur Bundeswehr und den Fragen rund um Krieg und Frieden, haben sich ihre Positionen so gewandelt, dass wichtige alte Wurzeln gekappt wurden, etwa zur Friedensbewegung.

Wo ist der neue Joschka?

Wie groß die Ratlosigkeit ist, zeigt sich beim Personal: Die Grünen werden seit Jahren von den Immergleichen geführt: Den Ex-Ministern Künast und Trittin, dem emotionalen Zentrum Claudia Roth, Vertretern der Gründergeneration. Junge Leute wachsen kaum nach oder trauen sich den Generationenwechsel noch nicht zu.

Aber Vorsicht: Die Grünen abzuschreiben, wäre dumm. Einmal, weil das schon oft versucht wurde (und stets falsch war), vor allem aber, weil die Grünen es geschafft haben, eine stabile Stammwählerschaft an sich zu binden: Ein städtisches, gut gebildetes, familiäres Milieu, Menschen, die gute Schulen für ihre Kinder wollen (und sichere Wege dorthin), die wollen, dass sich der Staat kümmert um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Menschen, die sich um die Umwelt sorgen. In vielen großen Städten sind die Grünen auf dem Weg zur Volkspartei. Mitten in der Ratlosigkeit gelang ihnen bei der letzten Bundestagwahl erstmals der Sprung über die 10-Prozent Hürde.

Die ersten 30 Jahre waren turbulent, die nächsten können es werden. Die Grünen brauchen junge Leute und mehr Phantasie bei der Auswahl der Bündnispartner. Und Vertrauen darauf, dass es sich auch weiter auszahlt, auf Zukunftsthemen zu setzen, die die anderen Parteien erst sehr viel später aufgreifen.