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Wirtschaft

Ratingagenturen bleiben in der Kritik

Ratingagenturen sollen mitverantwortlich für die Schuldenkrise europäischer Staaten gewesen sein. Die Einschätzungen von Standard & Poor's und Co. sollen Anleger beeinflusst haben. Was ist dran?

Wenn Manfred Gärtner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität von St. Gallen, über Standard & Poor's (S&P) spricht, lässt er kein gutes Haar an der Ratingagentur: S&P sei zu keinem konstruktiven Dialog in der Lage, verstehe elementare volkswirtschaftliche Konzepte nicht und verbreite "Lügen".

Konzernzentrale von Standard and Poors in New York. Foto: ap/Henny Ray Abrams

Konzernzentrale von Standard and Poors in New York

Moritz Krämer, den Chef für europäische Staaten-Ratings bei S&P, greift er persönlich an: Krämer habe ein "Seriositätsproblem".

Es ist ein öffentlicher Schlagabtausch: Bereits 2012 veröffentlichte Gärtner zusammen mit seinem Kollegen Björn Griesbach eine Studie, die schwere Vorwürfe gegenüber den drei großen Ratingagenturen - Standard & Poor's, Moodys und Fitch - erhebt: Die Herabstufung von Staaten wie Irland oder Griechenland in Folge der Finanzkrise sei weit über das hinausgegangen, was durch die Verschlechterung der Wirtschafts- und Finanzlage dieser Länder tatsächlich gerechtfertigt wäre.

Das habe einen Teufelskreis in Gang gesetzt: Durch eine fehlerhafte Herabstufung sinke das Vertrauen des Marktes in die Bonität des Landes, die Zinssätze stiegen in einem Ausmaß, das die fehlerhafte Herabstufung nachträglich rechtfertige oder gar noch weitere Herabstufung verlange, und die treibe die Zinssätze schließlich noch weiter nach oben. "Am Ende einer solchen Spirale kann dann die Insolvenz eines ursprünglich eigentlich wirtschaftlich und finanziell durchaus soliden Landes stehen", resümiert Gärtner.

Selbst erfüllende Prophezeihung als Teufelskreis

Schild der Ratingagentur Moody's. Foto: sp/Mark Lennihan

Logo der Ratingagentur Moody's

Eine sich selbst erfüllende Prognose sei das. So hat S&P im November 2011 Frankreich versehentlich die Top-Bonität aberkannt, was zum bis dahin schlimmsten Tag für französische Staatsanleihen seit Einführung des Euros beigetragen hat.

In Griechenland hätte die Situation nach der Finanzkrise eine Herabstufung von ein bis zwei Ranking-Stufen gerechtfertigt, argumentiert Gärtner. Statt dessen purzelten die Ratings binnen kürzester Zeit auf Ramschstatus. Für das Land bedeutete das Zinssätze von rund 20 Prozent - eine Rate, die selbst wirtschaftlich solide Länder wie Deutschland oder die Schweiz nicht hätten bedienen können, so Gärtner. "Deswegen ist nicht auszuschließen, dass diese exzessive, nicht nachvollziehbare Herabstufung von Griechenland dazu geführt hat, dass das Land so stark in den Strudel dieser Schuldendynamik geraten ist."

Standard & Poor's konterte damals: "Ratings sind keine sich selbst erfüllenden Prognosen", überschrieb Staatenranking-Chef Moritz Krämer seinen Gastbeitrag in der Wirtschaftswoche. Dem Volkswirt Gärtner warf er vor, Kausalität mit Korrelation zu verwechseln. "Ich hätte von S&P erwartet, dass sie unsere Kritik tatsächlich aufnehmen und versuchen - vielleicht auch zusammen mit der Wissenschaft - nachzuvollziehen, warum sie denn zu diesen Herabstufungen gekommen sind", sagt Gärtner.

Man könne nur durch Untersuchungen Evidenz finden oder Gegenevidenz vorlegen. "Stattdessen stellen sie einfach immer wieder Behauptungen auf." In seiner aktuellen Veröffentlichung - erschienen Mitte Juli - analysiert er die Reaktionen von Standard & Poor's auf seine Studie und checkt sie auf Plausibilität.

Sein Urteil: Sie dokumentierten eine "eklatante Unkenntnis zentraler Bausteine der eigenen Ratingmethodologie", so der Professor, seien gespickt mit "unwahren und irreführenden Behauptungen" und ließen "weder die Bereitschaft noch die Fähigkeit erkennen, sich auf einen wissenschaftlichen Diskurs über die Rolle der Staatenratings in Europas Schuldenkrise einzulassen."

Fehler der Politik?

Ratingagentur Fitch Ratings in New York. Foto: epa/Justin Lane

Fitch Ratings in New York

"Die Politik hat viel zu lange geschlafen", so Gärtner. Jetzt, da sich die europäischen Wirtschaften wieder zu fangen scheinen, verliefen die Bemühungen, der Macht der Ratingagenturen etwas entgegen zu setzen, wieder im Sande.

Zu diesen neuerlichen Vorwürfen will S&P sich gegenüber der Deutschen Welle nicht äußern. Wenn es allerdings nach Gärtner und seinen Kollegen ginge, gehörten Staaten-Ratings in ihrer derzeitigen Form verboten: "Ich halte es für unseriös, die Bonität von Ländern auf einen einzigen Buchstaben zu reduzieren. Und wenn natürlich solche nahe an der Kaffesatzleserei liegende Ratings dann von Dilettanten gemacht werden, die auch mal fünf gerade sein lassen, dann wird es ganz kritisch."

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