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Wirtschaft

Ratingagenturen auch in den USA am Pranger

Schlechte Nachrichten unerwünscht – diese Erfahrung müssen die großen Ratingagenturen häufiger machen: Erst hieß es in Europa, sie würden mit ihren Herabstufungen Staaten in den Ruin treiben – jetzt ziehen die USA nach.

Symbol dreifaches A als hächste Bonitätsnote (Grafik: DW)

Dem einflussreichen demokratischen US-Abgeordneten Dennis Kucinich platzte zuletzt der Kragen: "Keine Agentur hat die Befugnis, den USA die Bedingungen des Handelns zu diktieren", äußerte er laut einem Bericht des Handelsblatts mit drohendem Unterton.

Was war passiert? Bei einer Anhörung vor dem US-Kongress mussten sich Vertreter mehrerer Ratingagenturen zu ihren kritischen Analysen im Zusammenhang mit dem festgefahrenen Schuldenstreit äußern. Sollten sich Demokraten und Republikaner nicht doch noch in letzter Minute auf einen Kompromiss zur Anhebung der Schuldenobergrenze einigen, wären die USA ab dem 2. August zahlungsunfähig.

Und für diesen Fall haben die großen Ratingagenturen mit der Herabstufung der Kreditwürdigkeit der größten Volkswirtschaft der Welt gedroht. Und auch bei einem Kompromiss, der die Schuldenobergrenze nur geringfügig anheben würde, wäre eine Herabstufung unvermeidlich. Das könnte für Chaos auf den weltweiten Finanzmärkten sorgen, weil institutionelle Anleger und Zentralbanken dann automatisch ihre US-Bonds auf den Markt werfen würden.

USA und Europa im Gleichklang

Logos: Moody's, Fitch und Standard & Poor's Grafik: DW)

... wegen ihrer Bewertungen in der Kritik

Mit ihrer Ankündigung rufen die Agenturen auch in den USA eine Kritik auf den Plan, die sie bisher nur aus Europa kannten. Dort mussten sie sich vorwerfen lassen, mit ihren Herabstufungen von Griechenland, Irland und Portugal gezielt gegen Staaten der Eurozone vorzugehen.

Die drei großen Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch sind die absoluten Marktführer der Branche und decken 95 Prozent des weltweiten Geschäfts mit Ratings ab. Zwar ist Fitch mittlerweile in der Hand eines französischen Investors, doch alle drei Agenturen wurden in den USA begründet und haben ihren Hauptsitz in der Finanzmetropole New York. Deshalb wird ihnen gerne von europäischen Politikern unterstellt, mit ihren Bewertungen in Europa aggressiver vorzugehen als in den USA.

Wettbewerb und Haftungspflicht

Bereits Anfang 2010 forderten sie eine europäische Ratingagentur als Gegengewicht zu den etablierten Amerikanern. Der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger kritisierte in diesem Zusammenhang, es gebe weder einen echten Wettbewerb unter den Agenturen noch hafteten sie für ihre Beurteilungen.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (Foto: AP/dapd)

Bundesfinanzminister Schäuble

In der Diskussion um die Rolle der Ratingagenturen in der Schuldenkrise einzelner Euroländer findet Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zusätzlichen Wettbewerb wünschenswert. Die Gründung einer europäischen Ratingagentur als Gegengewicht zu den bestehenden könne jedoch nicht von der Politik verordnet werden, wurde der CDU-Politiker am Donnerstag (28.07.2011) in der der "Passauer Neuen Presse" zitiert. "Eine Neugründung einer europäischen Agentur ist Sache der privaten Wirtschaft", so Schäuble. Der Gesetzgeber selbst habe sich dem Urteil der Ratingagenturen unterworfen, indem er Anlagen sehr stark von deren Bewertung abhängig gemacht habe. "Daran könnte man etwas ändern", sagte Schäuble und riet: "Wir sollten mehr Transparenz festschreiben, um mögliche Interessenkonflikte frühzeitig zu erkennen."

Autor: Klaus Ulrich (dpa, dapd, afp)
Redaktion: Henrik Böhme/ Rolf Breuch

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