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Militär

Rassismus in der Bundeswehr

Soldaten mit Migrationshintergrund sind heute fester Bestandteil des deutschen Militärs. Den Ruf fremdenfeindlich zu sein, konnte die Bundeswehr bisher trotzdem nicht ablegen - auch wenn sie dagegen kämpft.

"Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen." Als der junge Rekrut das Gelöbnis spricht, geht sein Blick ins Leere. Auf dem Betonplatz der Hendrik-de-Wynen-Kaserne fehlt jemand. Seine Mutter, eine Pazifistin. Sie hatte ihn gewarnt, wie alle seine Freunde auch – vor dem Rassismus im deutschen Militär. Es half nichts, Dominik Wullers zog die Bundeswehruniform über und trägt sie bis heute. Ein Jahrzehnt später bereut der 29-Jährige nicht, dass er sich dem Militär verpflichtet hat. Der Deutsche mit kapverdischen Wurzeln ist Offizier.

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Soldaten kämpfen gegen Rassismus

Wullers ist längst kein Sonderfall mehr. Soldaten mit Migrationshintergrund sind inzwischen fester Bestandteil des deutschen Militärs: Die bisher einzige Studie zum Thema, 2009 vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr durchgeführt, geht von etwa 12 Prozent aus. Gleichwohl sieht sich das Militär hierzulande regelmäßig mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert. Erst zu Beginn des Jahres entfachte ein Vorfall die Debatte erneut, nachdem ein Vorgesetzter mit thailändischer Herkunft von seinen Untergebenen angegriffen wurde. Allerdings war kein Rassismus im Spiel, sondern ein persönlicher Racheakt, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Die Gesellschaft misstraut dem Militär

Dennoch: Der Vorwurf lautet in derlei Vorfällen häufig Fremdenfeindlichkeit. Als "Kurzschlussdenken" beschreibt der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, dieses Verhalten und sieht die Ursache in der Unkenntnis sowie einem gesellschaftlichen Misstrauen gegenüber dem Militär. "Die Bundeswehr ist inzwischen zu einer anonymen Organisation geworden, insbesondere seitdem es in den letzten Jahren immer weniger Wehrpflichtige gab und jetzt gar keine mehr gibt." Dies führe dazu, dass die Gesellschaft völlig falsche Vorstellungen davon habe, wie es in der Bundeswehr eigentlich zugeht, so die Erklärung des Wehrbeauftragten.

Tatsächlich nimmt die offizielle Zahl fremdenfeindlicher Übergriffe im Militär seit Jahren tendenziell ab. Für 2012 listet der jährliche Bericht des Wehrbeauftragten 67 solcher Fälle auf, ein Großteil davon so genannte Propagandadelikte wie das Hören rechtsextremer Musik. Eine Einschätzung für dieses Jahr kann Königshaus noch nicht vorlegen.

Hoher Verfolgungsdruck auf Rassisten

Obwohl eine Dunkelziffer fremdenfeindlicher Angriffe nicht auszuschließen sei, so der Wehrbeauftragte Königshaus, bildeten eindeutig rassistische Fälle aber die Ausnahme. Seine Erklärung: Verfehlungen würden von der Dienstaufsicht der Bundeswehr unnachsichtig verfolgt – in schweren Fällen bis hin zur Entlassung. "So entsteht frühzeitig ein hoher Verfolgungsdruck auf potenzielle Täter."

Stefano Toneatto (Foto: DW)

Will das Selbstbewusstsein der Soldaten stärken: Presseoffizier Toneatto

Das deutsche Militär bemüht sich seit Jahren, Fremdenfeindlichkeit in der Truppe entgegenzuwirken, wie Presseoffizier Stefano Toneatto, selbst italienischer Herkunft, mitteilt. Zum einen gehe die Bundeswehr mit einem eigenen Geheimdienst, dem Militärischen Abschirmdienst, massiv gegen rechtsradikale Kameraden vor. Zum anderen setze sie auf erzieherische Maßnahmen: Das Zentrum Innere Führung, zuständig für die Aus- und Weiterbildung in der Bundeswehr, unterrichtet Militärangehörige im Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund – ganz gleich ob Soldat oder Zivilist. Kulturvermittler aus der Privatwirtschaft, meist selbst mit außerdeutschen Wurzeln, geben Integrations-Crashkurse und bilden Soldaten zu Trainern aus, die in ihren jeweiligen Einheiten weiterwirken.

Soldaten müssen sich selbstbewusst gegen Rassismus wehren

"Natürlich gibt es auch Defizite", eröffnet der Presseoffizier trotz aller Bemühungen. "Die liegen allerdings nicht in der Struktur der Bundeswehr begründet, sondern in individuellen Verfehlungen." Die Verantwortung liegt also bei jedem Soldaten selbst? Zumindest gebe es - so Toneatto - stets zwei Seiten zu berücksichtigen. Wie er vorsichtig beschreibt, gibt es jene, die sich in eine Rolle begeben und diejenigen, die sich in eine drängen lassen. "Wir müssen die Soldaten selbstbewusst dafür machen, sich bei rassistischen Angriffen auch wirklich zu beschweren. Wer sich nicht meldet, wird die Verhältnisse niemals ändern."

Omid Nouripour (Foto: dpa)

Glaubt nicht an Selbstregulierung: Grünen-Verteidigungsexperte Nouripour

An den Erfolg einer solchen Selbstregulierung glaubt Omid Nouripour nicht. Als Ursache nennt der Verteidigungsexperte der Grünen die enge Kameradschaft der Soldaten: Es sei schlicht illusorisch zu glauben, dass jede rassistische Bemerkung an den Vorgesetzten herangetragen wird. Auf diese Weise schleichen sich vermeintlich harmlose Umgangstöne ein, die eigentlich nicht tolerierbar sind. "Ich erlebe es immer wieder, dass es da ganz schwer ist, das Schweigen der Soldaten zu brechen."

Integration selbst in die Hand nehmen

Rückendeckung kann dabei laut Nouripour der Verein Deutscher Soldat bieten, ein unabhängiger Zusammenschluss von mehr als einhundert Mitgliedern mit und ohne Migrationsintergrund. Sie werben für Integration in der Truppe wie im Zivilleben. "Sie warten nicht darauf, dass die Bundeswehr etwas für sie tut, sondern nehmen Integration selbst in die Hand – was wiederum richtungweisend in die Armee zurückstrahlt", so der Verteidigungsexperte der Grünen.

Auch Dominik Wullers trat als Soldat mit Migrationshintergrund dem Verein bei. Rassistische Übergriffe in der Kaserne habe er selbst nie erlebt, "spätestens wenn du mit deinen Kameraden im Dreck liegst, interessiert sich keiner mehr für deine Herkunft, dann bist du einfach nur Soldat", sagt er. Der Verein hat ihm vor allem geholfen, seine ausländischen Wurzeln zu akzeptieren. Die hatte er bis dahin verdrängt: "Meine deutsche Identität gab mir die Bundeswehr. Meine kapverdische der Verein", so der Offizier. Heute sitzt Wullers im Vereinsvorstand und kämpft – dafür, dass Menschen mit Migrationshintergrund, ob Soldat oder nicht, die Toleranz erfahren, die ihnen zusteht.

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