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Fußball

Rassismus auf internationaler Bühne

Die Fußballfans in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien sind berüchtigt für diskriminierende Aktionen in den Stadien. In Kroatien oder Serbien werden gegnerische Spieler übel beleidigt. Alles Rassismus, oder?

Der 14. Juni 2012 war ein guter Tag für den kroatischen Fußball. Die Nationalmannschaft lieferte ein solides Spiel gegen starke Italiener bei der Europameisterschaft in Polen. Beim 1:1 gegen den vierfachen Weltmeister eroberten die Kroaten einen wichtigen Punkt.

Der 14. Juni 2012 war aber auch ein schlechter Tag für den kroatischen Fußball. Aus dem Fanblock der "Feurigen" flogen Bananen in Richtung Italiens Mario Balotelli, außerdem wurden rassistische Gesänge gegen den dunkelhäutigen Spieler angestimmt.

Affenlaute bei der EURO

"Es waren meiner Meinung nach eklatante Beispiele der rassistischen Beleidigungen. Es handelte sich dabei nicht um einzelne Täter, Balotelli wurde mit Affenlauten bei jeder Ballberührung verhöhnt", so Sandra Bencic vom Zagreber Zentrum für Friedensstudien. Sie war beim Spiel in Posen dabei, im Auftrag der Europäischen Fußball-Union (UEFA) beobachtete sie das Verhalten der kroatischen Fans bei der Europameisterschaft.

UEFA-Präsident Michel Platini war empört. Er sei nicht glücklich über Kroatien gewesen: "Sie haben ein Team, das guten Fußball spielt, aber wenn du ein paar hundert Arschlöcher im Stadion hast - das ist nicht akzeptabel." Es folgte eine relativ milde Strafe: Die UEFA verurteilte den kroatischen Verband nur zu einer Geldstrafe von 80.000 Euro wegen des "ungebührlichen Verhaltens der Anhänger".

Entgleisungen auf der großen Bühne

TV-Moderator Slavisa Veselinovic (Foto: privat)

TV-Moderator Slavisa Veselinovic

Rassistische Aktionen sind allerdings kein besonderes Merkmal kroatischer Fans. In Serbien sei ein ähnliches Verhalten zu beobachten, sagt der Fußball-Experte Slavisa Veselinovic. Im Kruševac wurde im Herbst 2012 bei einem U21-Länderspiel zwischen Serbien und England der dunkelhäutige englische Spieler Danny Rose von den Zuschauerrängen andauernd rassistisch beleidigt.

Die UEFA leitete ein Disziplinarverfahren ein, der serbische Fußballverband (FSS) wurde zu einer Geldstrafe und zu zwei Begegnungen vor leeren Rängen verurteilt. Veselinovic sagt, es sei kein Zufall, dass die Fans vor allem auf der internationalen Bühne entgleisen: "Sie möchten sich als größtmögliche Hooligans präsentieren. Wenn sie der Meinung sind, dass Rassismus das schlimmste Merkmal der europäischen Hooligans ist, dann sind sie eben rassistisch und wollen so auf sich aufmerksam machen", so der Experte im Gespräch mit der DW.

Als Sportreporter und TV-Kommentator beobachtet er die Fanszene auf dem Balkan seit Jahrzehnten und behauptet entschieden, Rassismus sei in den nationalen Ligen, also "zu Hause" kein großes Problem. In kroatischen oder serbischen Fußball- oder Basketballclubs spielen viele dunkelhäutige Sportler. "Sie wurden noch nie rassistisch beleidigt bei den Begegnungen der nationalen Meisterschaften oder der regionalen Liga", bemerkt Veselinovic.

Dunkelhäutige Fußball-Götter

In den Ligen der Länder Ex-Jugoslawiens sind mittlerweile mehrere hundert schwarzer Sportler tätig. Einige davon sind Idole in Fankreisen. In Split wurde ein gewisser Mass Sarr aus Liberia wie ein Gott verehrt, er spielte bei Hajduk. Allerdings pfiffen die gleichen Fans, die ihn anhimmelten, die dunkelhäutigen Spieler der gegnerischen Mannschaft aufs Übelste aus.

Eduardo da Silva

Eduardo da Silva ist der Liebling der kroatischen Fans

Die gleichen Fans, die dunkelhäutige Spieler von Dinamo Zagreb als "Zoo" beschimpften, bejubeln jede Aktion des dunkelhäutigen kroatischen Nationalspielers und gebürtigen Brasilianers Eduardo da Silva.

Der renommierte kroatischer Soziologe Dražen Lalić kennt wohl wie kein anderer die Fankultur auf dem Balkan: In seiner Jugend war er selbst aktives Mitglied der Spliter "Torcida", der ältesten Fangruppe in der Region. Nach jahrelangen Beobachtungen ist er der Ansicht, die Fans auf dem Gebiet Ex-Jugoslawiens seien gar nicht rassistisch: "Wir haben keine Erfahrungen, um Rassisten zu sein! Hier gibt es kaum Menschen anderer Hautfarbe. Das was in den Stadien passiert, sind einfach provokante Rituale der Fan-Gruppen, hierzulande ist Nationalismus ein viel größeres Problem als Rassismus."

Das "mazedonische Paradox"

Nach Beweisen für Lalićs These muss man nicht lange suchen - ein paar Telefongespräche sind genug. In Skopje spricht der erfahrene Sportjournalist Zlatko Kalinski über das "mazedonische Paradox". Bei jedem Spiel der mazedonischen Nationalmannschaft seien anti-albanische Parolen zu hören, Sprechchöre gegen Albanien und die albanische Minderheit in Mazedonien. "Dabei tragen einige ethnische Albaner das Trikot der mazedonischen Mannschaft", so Kalinski.

Mazedonische Fußballnationalmannschaft beim Mannschaftsfoto (Foto: Petr Stojanovski)

In der Nationalmannschaft Mazedoniens spielen einige Albaner

Viele der Fans auf dem Balkan seien arbeitslos, ohne Perspektive und seit den Kriegen in den 1990er Jahren negativ eingestellt gegenüber den Nachbarn, analysiert der Reporter Veselinovic. Dieser Hass sei viel weiter verbreitet als der Rassismus: "Wenn am 22. März dieses Jahres beim WM-Qualifikationsspiel Kroatien gegen Serbien in Zagreb auf dem Spielfeld ein dunkelhäutiger serbischer Nationalspieler auflaufen würde, hätte dieser Spieler viel weniger Probleme als die "echten" Serben im serbischen Trikot. Das Gleiche würde auch beim Rückspiel in Belgrad passieren."

"Ehrenkodex" der Fan-Gruppen

In der Fanszene auf dem Balkan wird über dieses Problem seit Jahren diskutiert. "Für Rassismus gibt es keinen Platz in dem Ehrenkodex unserer Mitglieder", sagte einer der Fan-Anführer von Partizan Belgrad im DW-Gespräch. Er möchte lieber anonym bleiben bei seinem Frontalangriff gegen die Rassisten auf den Tribünen, also auch in den eigenen Reihen: "Das sind Idioten, primitive Menschen. Es gibt in jedem Volk Rassisten, auch in den Fan-Gruppen gibt es Leute, die rassistisch orientiert sind. Nach meinen Erkenntnissen sind das größtenteils Leute, die am Rande der Gesellschaft sind, die ihr Leben nicht mehr unter Kontrolle haben, zum Beispiel Drogenabhängige oder Alkoholiker."

Keine Gelegenheiten für Rassismus?

In den Ländern Ex-Jugoslawiens leben vergleichweise wenige Ausländer, dunkelhäutige Mitbürger sind im Alltag sehr rar. Es gebe einfach nicht so viele Gelegenheiten, um ein rassistisches Verhalten an den Tag zu legen, fasst Sandra Bencic ironisch zusammen. Die Beleidigungen gegenüber den nationalen Minderheiten wurden auf dem Balkan lange toleriert, einige der hochrangigen politischen Akteure in den 1990er Jahren haben das sogar aktiv unterstützt. Mit der Zeit wurden Vorschriften beschlossen, die jegliche Form von rassistischer Ideologie unter Strafe stellen. Das Problem: Diese Vorschriften werden nicht angewendet. Im Jahr 2012 wurden nach offiziellen Angaben in Kroatien lediglich drei Verfahren wegen des Verdachts der Rassendiskriminierung geführt.

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