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Brasilien

Rassismus auf dem Rasen

Sie sind Opfer und Idole gleichermaßen: Brasiliens Fußballstars sind vor rassistischen Attacken im Stadion nicht sicher. Nach erneuten Ausschreitungen will das Land die verdeckte Diskriminierung stärker bekämpfen.

Da ist es wieder, das Schreckgespenst des Rassismus. Nur wenige Wochen vor dem Anpfiff der WM in Brasilien zeigt es seine hässliche Fratze. Dass schwarze Torjäger ausgerechnet in der Heimat von Fußballkönig Pelé beschimpft und beleidigt werden, überrascht auch viele Brasilianer.

Anfang März traf es den Mittelfeldspieler Marcos Arouca da Silva vom FC Santos. Während eines Interviews nach der siegreichen Partie gegen den Fußballclub Mogi Mirim beschimpften Fans den 28-Jährigen als "Affen". Der Vorfall trieb Arouca die Tränen in die Augen.

"Geh zurück in den Urwald!"

Auch der brasilianische Schiedsrichter Márcio Chagas da Silva wurde zum Opfer rassistischer Pöbeleien. Während einer Partie der südbrasilianischen Meisterschaft "Campeonato Gaúcho" zwischen den Fußballclubs Esportivo und Veranópolis brüllten Fans von den Rängen: "Dein Platz ist im Zirkus. Geh zurück in den Urwald, du Affe."

"Diese Episode stimmt einfach nur traurig, insbesondere, wenn es im Fußball passiert", kommentiert Dida, Torwart beim FC International aus der südbrasilianischen Stadt Porto Alegre, in der brasilianischen Presse. Er selbst war zwei Tage zuvor bei einer Partie zwischen den Clubs América und Alecrim angegriffen worden.

Torwart Dida (Foto: DPA/ BERND THISSEN)

Torwart Dida wurde kürzlich während einer Partie in der Stadt Natal als "Affe" beschimpft

Die Übergriffe sind keine Einzelfälle. Rassismus auf dem Rasen hat in Brasilien eine lange Tradition. "Es klingt verrückt, aber in den 20er Jahren haben die Staatspräsidenten die jeweiligen Nationaltrainer sogar persönlich angewiesen, keine schwarzen Spieler auf Turniere im Ausland mitzunehmen", sagt der brasilianische Sportjournalist Roberto Asaf. Brasiliens Ruf im Ausland sollte nicht "beschädigt" werden.

Weißer Sport, schwarze Spieler

Als die ursprünglich englische Sportart vor über 100 Jahren nach Brasilien kam, galt sie noch als Elitensport. Die Angst vor der Aristokratie auf den Rängen trieb skurrile Blüten: So ließ der Fußballclub Fluminense in Rio de Janeiro 1914 seinen schwarzen Spieler Carlos Alberto mit Reispuder aufhellen. Als der Schweiß die Schminke offenbarte, wurde er von den weißen Zuschauern auf den Rängen verspottet und verhöhnt.

Genau 100 Jahre später will der fünffache Weltmeister endlich das Tabu der historischen, aber verschwiegenen Diskriminierung brechen. Staatspräsidentin Dilma Rousseff hofft, dass die WM auch eine Plattform gegen Rassismus wird. "Brasilien ist das Land mit der größten schwarzen Bevölkerung außerhalb Afrikas. Rassismus hierzulande ist im Alltag inakzeptabel", stellte sie nach einem Besuch von Schiedsrichter Márcio Chagas und dem Mittelfeldspieler Paulo César Fonseca do Nascimento, genannt Tinga, Mitte März im Regierungspalast in Brasília klar.

Tinga, der von 2006 bis 2009 für Borussia Dortmund spielte, war bei den lateinamerikanischen Clubmeisterschaft Copa Libertadores im Februar 2014 wegen seiner Hautfarbe diskriminiert worden. Bei jeder seiner Ballberührungen hatten die Fans des peruanischen Fußballvereins Real Garcilaso im Stadion Affenlaute ausgestoßen.

Mittlerweile sieht sich auch die Fifa genötigt, aktiv zu werden. Auf ihre Veranlassung hin veranstaltet nun der brasilianische Fußballverband CBF am 14. April in Rio de Janeiro eine Podiumsdiskussion zum Thema "Rassismus im Sport". Den Vortrag hält nicht etwa ein betroffener brasilianischer Spitzensportler, sondern der US-amerikanische Sportjurist Jeremi Duru.

Angst vor Karriere-Einbruch

In Brasilien gilt Rassismus erst seit 1989 als Straftat. Die Zahl der Anzeigen gegen Diskriminierungen und Übergriffe nimmt langsam aber kontinuierlich zu. Auch Schiedsrichter Chagas und die Spieler Arouca, Dida und Tinga trauten sich aus der Defensive und meldeten die Vorfälle der Polizei.

Mittelstürmer Tinga bei der Copa Libertadores 2014 Fluminense Internacional (Foto: EPA//MARCELO SAYAO)

Bei den Klubmeisterschaften 2014 in Peru wurde Mittelfeldspieler Tinga mit Affenlauten verhöhnt

Erfolge lassen weiter auf sich warten. So fiel die Strafe gegen den Club Esportivo, dessen Fans Schiedsrichter Chagas als Affe beschimpft und sein Auto mit Bananen beworfen hatten, auffallend milde aus: Die brasilianische Sportjustiz (TJD) verurteilte den Verein zu einer Geldstrafe von umgerechnet knapp 10.000 Euro und entzog ihm das Recht, die nächsten fünf Partien als Heimspiele im clubeigenen Stadion auszutragen.

Für den Historiker Marcel Diego Tonini, der seine Doktorarbeit über "Schwarze im Fußball" an der Universität São Paulo (USP) geschrieben hat, ist das milde Verdikt ein Beleg dafür, dass Rassismus im Fußball immer noch ein Tabuthema ist. "Die Zahl der schwarzen Spieler auf dem Platz hat sich erhöht, doch unter den Trainern und Club-Managern befinden sich Afrobrasilianer eindeutig in der Minderheit", erklärt Tonini.

Nach Einschätzung des Historikers vermeiden viele schwarze Spieler aus Angst vor einem Karriere-Einbruch eine öffentliche Auseinandersetzung zu dem Thema. "Der Schiedsrichter Chagas hat gesagt, er sei schon über 200 Mal rassistisch angegriffen worden, jetzt aber habe es ihm gereicht und er wolle endlich etwas tun", sagte Tonini.

Für den berühmten brasilianischen Telenovela-Schauspieler Caio Blat war diese Reaktion überfällig. "Wir verdanken alle unsere Erfolge unseren schwarzen Idolen wie Pelé, Ronaldinho und Romário", stellt Blat klar. "Seit der Episode mit dem Reispulver ist der brasilianische Fußball 100-prozentig schwarz."

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