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Asien

"Ranrobben an die USA"

Deutschland schickt bis zu 850 zusätzliche Soldaten an den Hindukusch. Die künftige Afghanistan-Strategie der Bundesregierung war am Mittwoch zentrales Thema auf den Kommentarseiten der deutschen Tageszeitungen.

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Frankfurter Rundschau:

"Es geht längst nicht mehr um Frieden, Freiheit und Demokratie, sondern darum, dem wachsenden Unmut in den Heimatländern über diesen missglückten Militäreinsatz zu begegnen. Nach den USA und Deutschland werden andere Staaten dem Vorbild folgen, es droht ein Wettlauf nach dem Motto: Der Letzte macht das Licht aus. So richtig es ist, die afghanische Regierung in Kabul daran zu erinnern, dass die ausländischen Truppen nicht ewig im Land bleiben können, so verlogen ist es von der Bundesregierung und der internationalen Staatengemeinschaft, die fragile Karsai-Administration nun vollmundig 'in die Pflicht' zu nehmen für die Durchsetzung dessen, was ihnen mit modernster Militärtechnik und kaum gekanntem finanziellen Aufwand in acht Jahren nicht gelungen ist: Afghanistan nachhaltig zu befrieden."

Die Welt, Berlin:

"Bedenklich stimmt, dass inzwischen in fast allen Staaten des westlichen Bündnisses die Abzugsfrage ganz im Vordergrund steht. Es klingt nach einer letzten Kraftanstrengung, der dann ein zügiges "Raus!" folgen soll - ganz so, als habe der Abzug eigentlich Vorrang vor dem Erfolg. Vielleicht wäre es daher besser, die Regierungen machten noch einmal eine große öffentliche Anstrengung, ihrem jeweiligen Souverän so nüchtern wie möglich und so pathetisch wie zulässig zu erklären, dass ein ergebnisloser Abzug aus Afghanistan eine wahre Katastrophe wäre."

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

"Die Bundesregierung will dem amerikanischen Beispiel - zunächst noch mehr Geld und Soldaten in die Waagschale zu werfen, um in absehbarer Zeit abziehen zu können - folgen. Doch schlägt die Regierung Merkel dafür einen eigenen, den deutschen Weg ein. Berlin, das dem Konzept der "vernetzten Sicherheit" und damit dem Vorrang des zivilen Wiederaufbaus schon huldigte, als die Amerikaner sich noch nicht sonderlich um die Opfer ihrer eigenen Bombenangriffe scherten, verschiebt die Gewichte noch stärker als Washington in Richtung der zivilen Komponente."

tageszeitung, Berlin:

"In mancher Hinsicht begibt sich die Bundesregierung erstmals auf das internationale Niveau der Debatte: etwa dass Zahlen genannt werden - dafür, wie viel Prozent mehr Nordafghanen in vier Jahren Strom und Trinkwasser haben sollen, oder wie viele Kilometer Straßen dann gepflastert sein sollen. Auch das Konzept, mit afghanischen Soldaten das Lager zu verlassen, ist neu - für die Bundeswehr. Doch zeigt das Bemühen, den von den USA vorgegebenen Standard zu erreichen, nur umso deutlicher, dass die Regierung zwischen dem innen- und dem außenpolitischen Druck heillos eingequetscht ist. Sie hat jede Form verloren. (...) Fast ulkig wird es schließlich, wenn Merkel nahelegt, dass die Bundeswehr 2015 abgezogen sein könnte - dies aber bloß dem Willen des afghanischen Präsidenten Karsai entspreche. Sie will mit einem Abzugsdatum Politik machen, ohne sich darauf festzulegen. So typisch, so verlogen.

Westdeutsche Zeitung, Düsseldorf:

"Ein Eingeständnis der Hilflosigkeit - so liest sich der deutsche Strategiewechsel in Afghanistan: Hier 500 zusätzliche aktive Soldaten, dort 350 Mann als flexible Reserve, hier ein paar Ausbilder mehr für Polizei und Armee, dort ein 50-Millionen-Euro-Zuschuss aus Steuergeldern für Taliban, die sich vom Terror abwenden. Das wirkt nicht wie ein durchdachtes Konzept, sondern wie der Versuch, ganz unterschiedliche Klientel zu bedienen - die Nato-Partner, die von Deutschland auf der Truppensteller-Konferenz Zusagen erwarten, die deutsche Bevölkerung, die der Mission weitgehend ablehnend gegenübersteht, und die Opposition, die im Kampf um die Wählergunst in ihrer Afghanistan-Politik eine 180-Grad-Wende hingelegt hat."

Autorin: Esther Broders
Redaktion: Silke Ballweg