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Wissen & Umwelt

Ramsden: "Die Flüssiggastanks kühlen!"

Die größte Gefahr beim Treibstoffterminal-Brand nahe Tripolis sind die Flüssiggastanks, sagt Niall Ramsden, Experte für Treibstoffbrände. Luftverschmutzung sei das geringere Problem.

Brennende Treibstofftanks in Libyen (Foto: Reuters).

Öltanks brennen von der Oberfläche aus langsam ab

Deutsche Welle: Herr

Ramsden

, Sie haben eine langjährige Erfahrung beim Bekämpfen von Bränden in Treibstofflagern, wie jetzt in Libyen. Wie bekämpft man generell solche Brände?

Niall Ramsden: Normalerweise macht man das mit Löschschaum. Entweder mit Hilfe fest installierter Systeme, die es aber in Libyen offensichtlich nicht gibt - oder mit einer mobilen Ausrüstung.

Die konventionellste Methode sind Schaumkanonen. Dabei wird der Schaum auf die Oberfläche des brennenden Treibstoffs geworfen. Dadurch soll verhindert werden, dass die Dämpfe aufsteigen und sich mit Sauerstoff vermischen - denn dann kann kein Feuer entstehen.

Aufgrund der Kämpfe um das brennende Öllager scheinen die Feuerwehrleute wenig tun zu können. Was passiert eigentlich, wenn man das Feuer sich selbst überlässt?

Brandbekämpfungsexperte Niall Ramsden (Foto: Falck/Niall Ramsden.

Niall Ramsden schult Betriebsfeuerwehrleute für Petrochemische Anlagen

Man könnte durchaus ein kontrolliertes Abbrennen durchführen. Ein Tank, der nach anerkannten Standards gebaut wurde, sollte das auch aushalten. Der Tank würde dann, wenn der Treibstoff - wie etwa Benzin - darin abbrennt, sich langsam nach innen zusammenfalten und kollabieren. Es gab weltweit einige Fälle, wo genau das auch so passiert ist.

Vor allem aber geht es darum zu verhindern, dass das Feuer auf andere Tanks überspringt. Oder dass noch Schlimmeres passiert - dass die Brände zum Beispiel Wohngebiete erreichen.

Außerdem gibt es in Libyen auch Drucktanks, die Flüssiggas enthalten. Wenn diese Tanks zu großer Hitze ausgesetzt sind und bersten, entsteht ein gigantischer Feuerball, der Schlimmes anrichten könnte. Will man einen solchen Tank abbrennen lassen, ist eine Priorität, sicherzustellen, dass alles, was dem Feuer ausgesetzt ist, stark gekühlt wird.

Italien soll jetzt mehrere Löschflugzeuge zur Verfügung gestellt haben. Können die Ölbrände überhaupt mit Wasser gelöscht werden?

Es ist eine eher unübliche Taktik beim Bekämpfen von Tankbränden. Es wurde schon hier und da ausprobiert - zum Beispiel nach einem Erdbeben in der Türkei. Dort war es aber nicht reines Wasser, sondern mit Chemikalien versetztes Löschwasser.

Jedenfalls bin ich bin nicht von der Zuverlässigkeit oder Effektivität der Bekämpfung solcher Brände aus Flugzeugen oder Hubschraubern überzeugt. Es hat in der Vergangenheit nicht richtig funktioniert und auch für die Zukunft habe ich da meine Zweifel.

Was passiert, wenn ein Tank bricht?

Der Tank sollte abbrennen, ohne zu kollabieren. Der Treibstoff sollte also drin bleiben und sich nicht in die sogenannte Wanne ergießen. Das ist ein eingedeichter Sicherheitsraum, in dem der Tank steht. Aber es kann auch zu Brüchen im Rohrsystem kommen, sodass Treibstoff in die Wanne austritt. Wenn sie richtig dimensioniert ist, sollte die Wanne genug Raum für den Inhalt eines Treibstofftanks und etwa zehn Prozent mehr für zusätzlichen Löschschaum lassen.

Das ist aber einfacher gesagt als getan. Denn in einer echten Notfallsituation schauen die Brandbekämpfer vielleicht nicht auf diese Berechnungen und setzen mehr Wasser ein. Das war zum Beispiel vor neun Jahren unser Problem beim Feuer im Ölterminal Buncefield. Dort hatten wir mit dem Überlauf der Wanne zu kämpfen, weil zu viel Schaum - der ja im Wesentlichen aus Wasser besteht - auf das Feuer gesprüht wurde. So etwas kann passieren, und es ist noch ein Hinweis mehr darauf, wie wichtig die Expertise der Brandbekämpfer vor Ort für eine erfolgreiche Löschung ist.

Explosion eines Öl-Depots nördlich von London, Leverstock Green (Foto: AP).

Die Buncefield-Katastrophe war das größte Feuer in einem Ölterminal Europas

In Libyen brennen Benzintanks. Welche Unterschiede gibt es zu Bränden bei Rohöl?

Rohöl verhält sich ganz anders als raffinierte Treibstoffe, wie Benzin, Diesel oder Kerosin. Solche raffinierten Produkte sollten einfach von der Oberfläche her abbrennen, wenn sie nicht mit anderen Treibstoffen kontaminiert worden sind. Sie brennen mit etwa fünf Millimetern pro Minute ab.

Rohöl reagiert anders, weil es sehr viele verschiedene Materialien enthält, die bei unterschiedlicher Temperatur anfangen zu kochen. Dadurch kann es zum Überkochen des Tanks kommen: Es gibt dann eine sehr heiße Zone von Treibstoff, die mit Wasser am Boden des Tanks in Berührung kommt. In Rohöl gibt es immer etwas natürlich vorkommendes Wasser. Wenn es anfängt zu kochen, gibt es eine massive Ausdehnung von Dämpfen und Gasen und der ganze Inhalt des Tanks wird regelrecht herausgeworfen.

Dadurch besteht ein großes Eskalationsrisiko, weil diese Auswürfe bis zu mehreren Tankdurchmessern weit fliegen können. Gerade in Erdöl produzierenden Ländern, wie Libyen können Rohöltanks Durchmesser von über 100 Metern haben.

Aber ich habe verstanden, dass es an dem Terminal, das in Libyen brennt, kein Rohöl gibt. Also sollten die Tanks theoretisch sauber abbrennen und nicht überkochen.

Tripolis: Brand in Treibstoff-Tanks (Foto: Reuters).

Die Rauchpartikel gelangen hoch in die Atmosphäre und verteilen sich über eine große Fläche

Sie haben auf die Gefahr der Druckbehälter mit Flüssiggas hingewiesen. Was wäre das schlimmste Szenario?

Wenn diese Behälter großer Hitze ausgesetzt sind, können die Tanks bersten. Dann - bei normalem Atmosphärendruck - will die Flüssigkeit, die darin ist, wieder ihren Ausgangszustand als Gas annehmen. Wenn das Gas sich dann entzündet, entwickelt sich ein gewaltiger Feuerball. Das ist zwar nur ein sehr kurzes Ereignis, aber es werden sehr hohe Temperaturen erreicht. Dadurch können weitere Tanks Feuer fangen, die Fragmente der explodierten Tanks fliegen Hunderte Meter weit. Es gab schon Situationen, wo Teile weiter als einen Kilometer geflogen sind.

Also muss man die Umgebung des Tanklagers weiträumig evakuieren - in Libyen ist das gerade mal im Umkreis von drei Kilometern geschehen…

Man muss nicht die ganze Stadt evakuieren, aber die Feuerwehrleute sollten Priorität auf die Kühlung der Gasbehälter legen und sicherstellen, dass sie nass bleiben. Eine Ladung Wasser von einem Flugzeug drauf zu kippen reicht da nicht aus. Man muss die Kühlung aufrechterhalten, um sicherzustellen, dass es nicht so heiß wird, dass der Behälter explodieren kann.

Bis zu einem bestimmten Druck kann ein Überdruckventil damit klarkommen, aber ab einer bestimmten Temperatur eben nicht mehr. Normalerweise passiert das, wenn das Feuer bereits direkt unter dem Behälter brennt. Ich halte das im Moment für das größte Risiko, auch weil es offensichtlich Probleme mit der Wasserversorgung gibt.

Welche Bedrohung geht von den Rauchgasen aus?

Das ist natürlich immer ein Thema: Dicken, schwarzen Rauch sieht niemand gerne. Doch aus Erfahrung wissen wir - auch wenn es erstaunlich klingt: In Bodennähe, in einem vernünftigen Abstand zum Feuer, gibt es keine bemerkenswerten Gesundheitsgefahren für die Menschen. Anders ist es, wenn man direkt in den Rauchgasen steht.

Wie sieht es mit Oberflächenverschmutzungen aus?

Wenn Löschschaum und Öl aus den Sicherheitswannen überfließen, kann es zu schweren Umweltverschmutzungen in der Umgebung kommen. Deshalb müssen die Feuerwehrleute den möglichen Schaden abschätzen, wenn sie sich für eine bestimmte Löschtaktik entscheiden.

Der Physiker und promovierte Ingenieur Niall Ramsden arbeitet als Spezialist und

Ausbilder

für Brandverhütung- und Bekämpfung in Öl-, Gas und petrochemischen Anlagen für die

dänische Brandbekämpfungsfirma Falck

. Sein Arbeitsgebiet umfasst Raffinerien, Treibstoff- und Gasanlagen und –Lager. Er war als eingesetzt bei Europas größtem

Treibstofflagerbrand

in Buncefield/ Großbritannien im Dezember 2005 und begleitete die spätere Ursachenuntersuchung zu der Katastrophe.

Das Interview führte Fabian Schmidt.

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