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Geschichte

Raketen im Dienst der NS-Ideologie

Vor 70 Jahren startete in Peenemünde zum ersten Mal in der Geschichte ein Flugkörper in den Weltraum. Der technische Fortschritt diente allerdings in erster Linie der Kriegsmaschinerie des NS-Regimes.

3. Oktober 1942: In Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom hebt eine sogenannte A4-Rakete zu einem Testflug ab. Mit vierfacher Schallgeschwindigkeit steigt sie in den Himmel, hinauf bis auf 84,5 km. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist ein Flugkörper von der Erde in den Weltraum vorgedrungen. Die A4 gilt heute als Vorläufer aller militärischen und zivilen Trägerraketen.

Entwickelt wurde sie von deutschen Ingenieuren, Physikern und Militärs in der nationalsozialistischen Heeresversuchsanstalt Peenemünde, damals eines der modernsten Technologiezentren der Welt. Heute befindet sich auf dem Gelände das Historisch-Technische Museum Peenemünde (HTM).

Industriedenkmal und Museum

Gleich am Museumseingang steht die zigarrenförmige Rakete mit der technischen Bezeichnung A4, "Aggregat 4", ein beliebtes Fotoobjekt für die Besucher aus aller Welt. Mehr als 200.000 strömen jährlich ins HTM, das größte Industriedenkmal des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern und eines der größten deutschen Museen.

1936 hatte die Nationalsozialisten mit dem Bau der hermetisch abgeschirmten Versuch- und Produktionsstätten auf der Insel Usedom begonnen. Zeitweise waren hier bis zu 15.000 Menschen beschäftigt, vor allem Zwangs- und Fremdarbeiter. Es gab eine eigene Werksbahn, die im Fünf-Minuten-Takt fuhr.

Sowjetische Zwangsarbeiter in Peenemünde (Foto: Bundesarchiv)

Sowjetische Zwangsarbeiter in Peenemünde

Unter der Leitung des Physikers Wernher von Braun entwickelten die deutschen Wissenschaftler ein hochleistungsfähiges Raketentriebwerk, das eine Tonne Sprengstoff transportieren konnte. Hitler ernannte von Braun dafür zum Professor. Den Titel behielt er Zeit seines Lebens. Auch in den USA, wo von Braun 1970 zum stellvertretenden Nasa-Direktor aufstieg und maßgeblich am Apollo-Programm beteiligt war. Historiker Hans Knopp kommentiert das beim Rundgang über das Gelände nicht ohne bittere Ironie: "Spötter sagen, dass er eigentlich Professor h.c. heißen müsste! Aber nicht honoris, sondern hitleris causa!" Also von Hitlers Ehren.

Janusköpfiger Ort des Fortschritts

Die NS-Propaganda nannte die in Peenemünde entwickelte Rakete "Wunderwaffe". Wunder aber hat sie nicht bewirkt, vielmehr Tod und Zerstörung in viele Städte und Länder gebracht. Rund 25.000 Raketen des Typs V1 und V2, Nachfolger-Modelle der A4, gingen in Belgien, England und Frankreich nieder. Den Kriegsverlauf konnten sie nicht beeinflussen. Doch schon bei der Produktion starben mehr als 20.000 Menschen - vor allem Zwangsarbeiter. Damit forderte die Herstellung der Raketen mehr Opfer als ihr Einsatz.

Raketen-Versuchsgelände Peenemünde, Rakete beim Start (Foto: Bundesarchiv)

Raketen-Versuchsgelände Peenemünde

"Peenemünde war das erste Großforschungsprojekt der Welt", sagt Museumskurator Christian Mühldorfer-Vogt. Fernab der Großstädte ließen die Nationalsozialisten Raketen konstruieren und erfolgreich über der Pommersche Bucht testen. Peenemünde sei freilich ein "janusköpfiger Ort des technischen Fortschritts", erklärt der Historiker. Er zeuge gleichermaßen von bis dahin unvorstellbarem technischem Fortschritt, wie von Weltmachtstreben und Menschenverachtung des NS-Regimes.

Im kollektiven Gedächtnis blieb Peenemünde aber weniger als militärisches Großprojekt präsent denn als erste Station auf dem Weg der Menschheit zum Mond. Noch in den 1990er Jahren hatte die Gemeinde damit geworben, dass hier das Tor zum Weltraum gestanden habe. "Die Wiege der Raketen wurde den Opfern zum Sarg" mahnt heute ein kleines Schild vor der Kapelle gegenüber dem Museumseingang. Eines der wenigen Gebäude, das aus alten Peenemünder Tagen noch erhalten geblieben ist.

Munitionsverseuchtes Gebiet

Die Gedenkstätte Peenemünde (Foto: picture alliance/Bildagentur Huber)

Die Gedenkstätte Peenemünde

Besucher können heute auf einem Rundweg zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Auto 17 Stationen auf dem 25 Quadratkilometer großen Gelände besichtigen. Tafeln informieren über die Bedeutung und die Geschehnisse an den jeweiligen Ortsmarken, darunter das Sauerstoffwerk, das Konzentrationslager Karlshagen 1, Bahnsteige der Werksbahn und Teile des Flugplatzes - Orte, die der Öffentlichkeit lange Zeit nicht zugängig waren. Es dauerte einige Zeit, bis alle Minen und Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg beseitigt waren.

Herzstück des HTM ist die Turbinenhalle des ehemaligen Kraftwerkes. Es wurde zwischen 1939 und 1942 errichtet, um den ungeheuren Energiebedarf der Raketen-Produktion zu decken. Heute beherbergt das gigantische Gebäude eine ständige Ausstellung mit Dokumenten, Filmen und Fundstücken, Rauminszenierungen, Musik- und Intervieweinspielungen. Eindrucksvoll und informativ wird dabei der verhängnisvolle Pakt zwischen nationalsozialistischen Wissenschaftlern und Militärs dokumentiert. Mehrsprachige Audioguides veranschaulichen das unterschiedliche Alltagsleben der Ingenieure und KZ-Häftlinge in der Heeresversuchsanstalt.

Dabei wird deutlich, dass das Raketenprogramm ohne das nationalsozialistische KZ-System überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Nachdem 1943 alliierte Bomber die Produktionsstätten in Peenemünde beschädigt hatten, wurde die Fertigung der V1 und V2 in das Außenlager Dora-Mit­telbau bei Nordhausen in Thüringen verlegt. Dort starben in unterirdischen Stollen Tausende Häftlinge unter unvorstellbar grausamen Bedingungen.

Wernher von Braun (Foto: dpa)

Von Peenemünde zur NASA: Wernher von Braun

Die verantwortlichen Wissenschaftler wussten dies, nahmen daran jedoch keinen Anstoß. Wernher von Braun und andere waren opportunistisch, geblendet von den Möglichkeiten, die ihnen das NS-Regime bot. Wie es dazu kommen konnte, dass sich schließlich sogar die alliierten Siegermächte skrupellos der deutschen Ingenieure um von Braun und ihrer Arbeiten bemächtigten, thematisiert die Ausstellung ebenfalls.

Faszination und Gewalt

Die Faszination, die von Peenemünde ausgeht, sei ungebrochen erzählt Kurator Mühldorfer-Vogt. Ein Publikumsmagnet, ein Mythos, aber auch ein Lernort mit ganz besonderen Herausforderungen. Es gehe nicht darum, eine Technik zu glorifizieren. "Wir haben einen Bildungsauftrag und dass heißt, wir wollen keine Sensationshascherei betreiben", erklärt Mühldorfer-Vogt.

Am Ende der Ausstellung betritt der Besucher einen fast völlig dunklen Raum. In der Mitte liegen unter einem Lichtkegel Schutt, Bomben- und Raketenteile. Der Raum symbolisiere, dass der Krieg nach Deutschland und Peenemünde zurückgekehrt sei, sagt Museumsführer Knopp: "Was wir am Anfang der Ausstellung gezeigt haben, war die Zerstörung Londons oder anderer Städte durch die V2. Bei Kriegsende liegen auch die deutschen Städte in Schutt und Asche. Auch von Peenemünde ist nichts anderes übriggeblieben als diese Trümmer. Das moralische Prinzip hat hier in Peenemünde am meisten gelitten."

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