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Nahost

Raketen auf Tel Aviv und Luftschläge gegen Gaza

Die Gewalt nimmt kein Ende: Tel Aviv und das Zentrum von Israel sind weiter Ziel von palästinensischen Raketen. Aber auch die Zahl der Opfer des israelischen Militäreinsatzes im Gazastreifen steigt.

Fast im fünf-Minuten Takt bombardiert die israelische Luftwaffe am Dienstagabend den Gazastreifen. Dort wird gerade das tägliche Fasten im Ramadan gebrochen. Schwarze Rauchsäulen schrauben sich in den Himmel über dem abgeriegelten Gebiet. Dann ist wieder Ruhe für eine halbe Stunde. Mehrmals sind auch die Abschüsse von Raketen aus dem Gebiet in Richtung Israel zu sehen.

Ein Hügel am Rande der israelischen Stadt Sderot, nur wenige Kilometer von Gaza entfernt, ist zum Aussichtspunkt geworden. Bewohner der Stadt und aus der Umgebung beobachten von hier aus die Angriffe der israelischen Luftwaffe auf das Palästinensergebiet. Einige haben Klappstühle und sogar eine Wasserpfeife mitgebracht. Die Stimmung hier ist aufgewühlt. "Endlich schlagen wir auch mal zurück", sagt ein junger Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Seit Jahren fühlen sich die Einwohner von Sderot von den Raketen aus Gaza bedroht und hoffen, dass die Regierung diesmal richtig durchgreift. "Damit muss ein für alle mal Schluss sein. Hamas muss man eine Lektion erteilen."

Andere sind skeptisch, ob die Eskalation langfristig etwas verändern wird. "Ich war seit Tagen im Luftschutzkeller, und wollte jetzt einfach mal sehen, was passiert", sagt ein junger Student. "Es ist schwierig, hier mit den Raketen zu leben, aber wenn man sieht, wie die andere Seite so heftig bombardiert wird, dann ist das ein ziemlich zwiespältiges Gefühl." Es ist nicht ungefährlich, hier im Freien auf dem Hügel zu stehen. Eigentlich sind die Einwohner angewiesen, in der Nähe der Schutzräume zu bleiben. 15 Sekunden bleiben dann, um Schutz zu suchen. Das Warnsignal, das vor unmittelbaren Raketenbeschuss warnt, ertönt mehrere Male.

Längere Reichweite der Raketen aus Gaza

Doch an diesem Abend fliegen die meisten abgeschossenen Raketen über die Stadt Sderot hinweg. Dafür heulen in Jerusalem, Tel Aviv und Hadera die Luftschutzsirenen - zum ersten Mal seit der letzten israelischen Gaza-Offensive im November 2012. Nahe Jerusalem werden Einschläge vermeldet. Live-Bilder des israelischen Fernsehens zeigten das Abfangen einer Rakete durch das Abwehrsystem "Eiserner Dom".

Hamas greift auch Tel Aviv und Jerusalem mit Raketen an 8.7.2014

Die Hamas greift mit Raketen auch Tel Aviv und Jerusalem an

Der bewaffnete Arm der Hamas hatte damit gedroht, die Reichweite seiner Raketen zu erhöhen und damit "für Überraschungen zu sorgen." Der Beschuss der mehr als 70 Kilometer vom Gazastreifen entfernten Städte Jerusalem und Tel Aviv bedeutet eine weitere Eskalation in dem Konflikt. Die israelische Armee antwortete mit massiven Angriffen über Nacht. Im Gazastreifen steigt die Zahl der Todesopfer: palästinensische Medien berichten von 24 Toten und über 250 Verletzten.

Mobilisierung von Reservisten

Am Dienstag genehmigte das israelische Kabinett die Mobilisierung von zusätzlichen 40.000 Reservisten. Alle Optionen seien auf dem Tisch - und eine Bodenoffensive sei auch nicht ausgeschlossen, hiess es aus Jerusalem. Ob dies Teil der psychologischen Kriegsführung ist oder eine ernstgemeinte Drohung, ist derzeit nur schwer auszumachen. Während der letzten Offensive "Pillar of Defense" im November 2012 hatte man ebenfalls tausende von Reservisten mobilisiert, letztlich aber keinen Marschbefehl gegeben. Zurzeit spricht man in israelischen Militärkreisen von einer "stufenweise Eskalation" mit massiven Angriffen aus der Luft, von der See und Land sowie gezielte Tötungsaktionen von Militanten. Auch hochrangige Hamas-Politiker könnten Ziel solcher Tötungsaktionen werden, warnen Militärbeobachter.

Israel Vorbereitungen auf Bodenoffensive in Gaza 09.07.2014

Israel bereitet sich auf eine Bodenoffensive vor

Möglicherweise auch aus diesem Grund scheint die politische Führung in Gaza untergetaucht zu sein. Noch am Wochenende hatten sich Politiker der Hamas gesprächsbereit gezeigt. Ägypten habe versucht, eine Waffenruhe zu vermitteln, hiess es aus Gaza. Doch der militärische Arm der Hamas hatte offenbar andere Pläne und griff am Montag mit eigenen Raketenangriffen in das Geschehen ein. Zuvor waren bei einem israelischen Luftangriff mehrere Militante der Organisation getötet worden. "Dafür werde Israel einen hohen Preis zahlen", sagte ein Hamas-Sprecher.

Heftige Bombardierungen in Gaza

In Gaza-Stadt haben in der Nacht zum Mittwoch die wenigsten ein Auge zugetan. Über 160 Ziele griff die israelische Luftwaffe nach eigenen Angaben an. "Diese Nacht war besonders schrecklich, es war fünf Uhr morgens als sechs Sprengköpfe neben meinem Haus einschlugen. Meine Kinder sind aus dem Bett gesprungen, sie sind völlig durcheinander", erzählt Usama Antar aus Gaza-Stadt am Mittwochmorgen am Telefon. "Der Gazastreifen ist sehr dicht besiedelt, die Häuser stehen alle eng beieinander. Wenn eine Rakete in einem Umkreis von 500 Metern einschlägt, wird auch die Nachbarschaft getroffen", sagt der Politologe.

Schutzräume gibt es im Gazastreifen nicht, keiner kann sich hier vor den israelischen Luftangriffen sicher fühlen. Dazu kommen die Ungewissheit und eine gewisse Ratlosigkeit, wie es weitergeht. "Die Hamas befindet sich nicht in einer guten Situation. Sie hat kaum etwas zu verlieren. Offenbar versuchen sie mit den weiterreichenden Raketen, die israelische Regierung unter Druck zu setzen, indem sie Angst in der israelischen Gesellschaft schüren", sagt Antar. Aber es sei keineswegs klar, wie diese Konfrontation zuendegehen wird.

Der bewaffnete Arm der Hamas hatte zuletzt signalisiert, dass man unter bestimmten Bedingungen bereit ist, zur Waffenruhe von 2012 zurückzukehren. Nach der achttägigen Offensive im November 2012 hatte man unter äyptischer Vermittlung eine Waffenruhe mit Israel vereinbart. Viele der Vereinbarungen von damals wurden aber nie umgesetzt. Der ägyptisch-palästinensische Grenzübergang Rafah ist die meiste Zeit geschlossen, die neue ägyptische Regierung zeigt der Hamas die kalte Schulter. Auch der Versöhnungsprozess zwischen Hamas und Fatah hat keine Verbesserung der schwierigen Situation gebracht. "Man kann nicht eine ganze Gesellschaft ständig unter Druck setzen und nur am untersten Limit leben lassen, und sich dann wundern, dass hier alles explodiert", meint ein Beobachter in Gaza. Ohne eine echte politische Lösung werde dies nicht die letzte Eskalation sein. Die Frage ist nur, wie man aus dieser Runde der Gewalt wieder herauskomme.

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