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Wirtschaft

Rahr: "Die Ukraine hat die letzten 25 Jahre völlig verschlafen"

Die Korruption ist Schuld an der Energieabhängigkeit von Russland, sagt Alexander Rahr, Forschungsdirektor des Deutsch-Russischen Forums, im DW-Interview. Die Ukraine brauche dringend Wirtschaftsreformen.

DW: Der deutsche Energieriese RWE hat angekündigt, das Unternehmen würde einspringen, wenn Gazprom die Gaspreise erhöhen sollte. RWE würde dann Gas an die Ukraine liefern. Was halten Sie davon?

Alexander Rahr: RWE hat schon einmal Gas an die Ukraine geliefert, als die Gaspreise aus Russland zu hoch waren. Das Problem wird sein, dass die Ukraine auch die RWE-Preise bezahlen muss. Wenn die Ukraine Zahlungsschwierigkeiten gegenüber Russland hat, dann wird sie die meiner Ansicht nach auch gegenüber der Europäischen Union haben.

Was würde ein Staatsbankrott für die Ukraine bedeuten?

Ein Staatsbankrott wäre eine Katastrophe für die 45 Millionen Ukrainer. Er würde die separatistischen Tendenzen in der Ukraine noch verstärken, er würde die Machtkämpfe in der Ukraine noch weiter ankurbeln. Die Ukraine braucht dringend politische Reformen, das System muss so verändert werden, dass das Parlament und die Regierung mehr Mitspracherecht bekommen. Einen starken Präsidenten braucht dieses Land nicht in dieser Situation. Außerdem braucht die Ukraine ein Wirtschaftssystem, das funktioniert, keine Oligarchen-Herrschaft. Das Geld, das die Europäische Union und die Vereinigten Staaten von Amerika jetzt geben müssen, weil Russland nicht zahlt, darf nicht in schwarze Kanäle abwandern.

Das Problem mit den Oligarchen haben die Russen ja auch. Kann das denn funktionieren, wenn man etwas in der Ukraine verändert und in Russland bleibt es weiter bestehen?

Alle slawischen Länder im postsowjetischen Raum haben dasselbe Problem: Sie haben sich eine künstliche Elite von sehr, sehr Reichen geschaffen, die heute Geld mit Macht verquickt hat. Es wird sehr schwierig sein, diese Systeme sowohl in Russland als auch in der Ukraine zu reformieren, aber es führt kein Weg daran vorbei. Eine Selbstbereicherung von Wenigen wird diese Länder nicht weiterbringen. Die Ukraine - wenn sie Richtung Europa marschiert - darf das nicht nur auf dem Maidan demonstrieren, sondern sie muss realpolitisch die Hebel in die Hand nehmen und die Wirtschaftsreformen durchführen, die andere Länder in Mittel- und Osteuropa wie Polen oder Ungarn schon vor 20 Jahren umgesetzt haben.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland ist enorm. Es ist ja nicht nur die Ost-Ukraine, sondern das gesamte Land, das ohne russische Industrie und russische Lieferungen kaum lebensfähig wäre.

Die Ukraine hat bedauerlicherweise die letzten 25 Jahre völlig verschlafen. Unter den letzten Präsidenten ist keine wirkliche Wirtschaftsreform durchgeführt worden. Vor allem sind die Abhängigkeiten von Russland nicht reduziert worden. Das versteht keiner im Westen. Wieso konnte man diese hundertprozentige Energieabhängigkeit von Russland nicht umgehen? Die Antwort ist einfach: Korruption. Zahlreiche ukrainische Oligarchen haben an dem Gasgeschäft mit Russland mitverdient. Die Ukraine hätte auch alternative Energiequellen entwickeln können. Sie hat das auch versucht. Aber das Land ist viel zu groß, und es ist mit einem Bein noch tief in der sowjetischen Mentalität und der sowjetischen Industriestruktur verankert, jedenfalls im Osten. Deshalb ist eine Transformierung der Wirtschaft nach dem Vorbild der mittel- und osteuropäischen Länder weiterhin noch sehr schwierig.

Alexander Rahr ist Forschungsdirektor des Deutsch-Russischen Forums.

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