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Nahost

Rafik Schami: "Demokratie verpflichtet"

Er liebt Damaskus, darf seine Heimat aber seit mehr als 40 Jahren nicht mehr betreten: Schriftsteller Rafik Schami im DW-WORLD.DE-Gespräch über die Proteste in Syrien und seine Erwartungen an die deutschen Politiker.

Rafik Schami (Foto: DW-TV)

DW.WORLD.DE: Zurzeit hören wir viel von "der" Opposition gegen das syrische Regime. Wer genau steckt dahinter?

Rafik Schami: Der Aufstand kam aus der Masse der Menschen, die die Nase voll haben. Wer zu den oppositionellen Gruppen zählt? Alle, die mit demonstrieren. Alle, die diese Demonstranten mit ihrer Forderung nach Freiheit und Demokratie unterstützen. Inzwischen schließen sich auch viele Parteien an, die die ganze Zeit still waren. Manche behaupten sogar, dass sie von Anfang an dabei waren.

Muslimbrüder, kleine kommunistische Parteien, junge Akademiker – was verbindet die vielen unterschiedlichen Gruppen, aus denen sich die syrische Opposition zusammensetzt?

Was die Gruppen jetzt zusammenhält, ist das Ziel, Assad zu stürzen. Aber das ist keine starke Bindung. Das ist nur strategisch. Das ist nur eine momentane Fronteinheit. Ich glaube, dass bald eine Trennung kommt. Sobald das Regime schwächelt, muss jede Gruppe ihr Modell der Zukunft darstellen: was für einen Staat wir wollen. Ich hoffe, dass diese Auseinandersetzung friedlich vonstatten geht. Denn es lauert immer die Gefahr, dass sie in einen Bürgerkrieg mündet.

Sehen Sie einen Unterschied zu der Opposition in Tunesien oder der in Ägypten?

Den Unterschied sehe ich in der Härte der Reaktion der Regierung, die äußerst brutal vorgegangen ist. Das hat sogar Freunde des Regimes erschreckt. Aber noch überraschender ist die Langatmigkeit des Aufstandes. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ein Aufstand in den vierten Monat hineingeht, mit über 2000 Toten. Und trotzdem gehen sie jeden Tag auf die Straße – nicht mehr freitags, sondern jeden Tag. Das ist der Unterschied zu den kurzlebigen, erfolgreichen tunesischen und den etwas länger andauernden ägyptischen Protesten, die – bei allen Überschreitungen des Geheimdienstes dort – mehr oder weniger friedlich verlaufen sind.

Was macht es denn so schwierig für die syrische Opposition, Baschar al-Assad zu bekämpfen?

Die Dauerhaftigkeit seines Regimes. Es gibt 15 Geheimdienste, die systematisch und sehr klug arbeiten. Wer die syrischen Geheimdienste unterschätzt, ist entweder sehr blauäugig oder hat nicht genug gelesen. Außerdem sind an dem Regime nicht nur die Aleviten, sondern auch alle anderen Konfessionen beteiligt. Die Aleviten stellen die Elite des Staates, die führenden Persönlichkeiten. Aber es arbeiten auch Sunniten, Christen, Drusen und Tscherkessen Hand in Hand mit dem Regime. Die lange Herrschaft, viele tüchtige Geheimdienste, die alles unterwandert haben, die Zustimmung der verschiedenen Fraktionen – die befriedigt und bestochen wurden – zum Regime, und die Solidarität derjenigen, die mittlere und hohe Einkommen haben, haben dazu geführt, dass die Opposition geschwächt wurde. Und die Eiserne Faust gegen jeden, der sich bewegt – und eine Gnadenlosigkeit gegen Exilanten. Wir sind über 500.000 Akademiker und Intellektuelle im Ausland – das ist eine riesige Zahl von Ruhestörern, die draußen gehalten wurden.

Apropos Ruhestörer: Zählen Sie sich selber zur syrischen Opposition?

Ich stand von Anfang an in Opposition zu diesem Regime, weil ich von Anfang an begriffen habe: das ist eine Rückkehr zur Sippenherrschaft. Wir haben keine Republik mehr. Eine Republik wird nicht vererbt, und ein blödes Parlament, das einstimmig für die Vererbung stimmt, ist für mich kein Parlament. Wir sind in den 1950er Jahren eine sehr aufmüpfige, wunderschöne Republik gewesen, die habe ich als junger Mann noch erlebt. Da gab es richtige Wahlen, richtige Zeitungen, wir hatten keinen einzigen politischen Gefangenen, wir lebten frei und hatten keine Angst vor der Regierung. Wir haben uns getraut, über jeden zu schimpfen – das war das Syrien meiner Kindheit und Jugend. Und plötzlich kommt ein Regime, das alle Freiheiten raubt, das mich exiliert – deshalb bin ich oppositionell von Anfang an. Ich gehöre aber keiner Gruppe oder Partei an. Ich bin für einen laizistischen Staat, sprich: für die Trennung von Staat und Religion. Und ich bin für Vielfalt und für die Freiheit anders Denkender.

Das heißt, Sie unterstützen die Opposition in Syrien?

Ich unterstütze sie, wie es eigentlich alle Intellektuellen machen müssen: indem ich die Diskussion vorantreibe. Was wollt ihr danach? Erzählt mir nicht nur, dass ihr den Assad stürzen wollt! Welchen Staat strebt ihr an? Was ist mit den Rechten der Frau? Was ist mit der Freiheit der Erziehung der Kinder? Was ist mit der Sippenherrschaft? Das heißt: Die Intellektuellen im Ausland müssen genau das machen, was ich mache, nämlich die Diskussion vorantreiben und vor Konfessionalismus und Rachsucht warnen. Es ist nicht Zweck einer Revolution, irgendeine Gruppe als Sündenbock zu wählen. Sie soll uns befreien und uns den Mut geben, einander die Hand zu reichen. Das ist mein Plädoyer für eine Zukunft Syriens.

Und wie sollte Deutschland die syrische Opposition unterstützen?

Wir sollten unserer Freiheit und unserer Demokratie, die in Deutschland wirklich hart erkauft wurde, würdig sein. Sie verpflichtet uns. Freiheit bedeutet nicht nur die Wahlmöglichkeit eines Ferienortes, sondern auch: mitfühlen mit anderen Menschen. Wir machen das, indem wir eindeutig und mutig ein klares Wort für die Demokratie und die Freiheit Syriens und ein mahnendes Wort gegen die Gewalt gegen Demonstranten aussprechen. Aber die Sprache in Berlin ist eine mit Wenn und Aber. Das macht die deutschen Politiker etwas kleinkariert, sie stehen immer in der zweiten Reihe. Das stört mich ein wenig, denn ich lebe hier seit 40 Jahren und liebe das Land, das mir eine Heimat gab, das mir eine Sprache gab. Ich bedauere sehr, dass wir auf der einen Seite industriell eine Weltgröße darstellen – und auf der anderen Seite politisch immer das kleine Kind spielen wollen. Es geht nicht, dass wir warten, bis Frau Clinton für uns entscheidet. Frau Clinton ist so lasch gegenüber Syrien, dass die Syrer sie inzwischen auslachen.

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in Deutschland. Er zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren deutscher Sprache. Sein Werk, für das er zahlreiche Auszeichnungen erhielt, wurde in 25 Sprachen übersetzt.

Das Interview führte Anne Allmeling.
Redaktion: Daniel Scheschkewitz