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Bücher

Rafik Schami über sein Deutschland

Er gilt als der erfolgreichste syrische Autor weltweit, durfte seine Heimat aber seit mehr als 40 Jahren nicht betreten. Rafik Schami im Gespräch über deutsche Eigentümlichkeiten und seine unerfüllte Liebe zu Damaskus.

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Rafik Schami

Der promovierte Chemiker ist ein Erzähler aus Leidenschaft: Märchen für Erwachsene und Kinder, Fabeln und Romane – alles hat er im Repertoire: Nur keine klassische Lesung. Wenn er auftritt – in der Regel vor großem Publikum – spricht er frei und nennt das 'Erzählzeit'. Seit über 40 Jahren lebt Rafik Schami in Deutschland im Exil – nach Syrien hat man ihn selbst zur Beerdigung seiner Eltern nicht einreisen lassen. Er hat einen deutschen Pass und schreibt auf Deutsch. Seine Veröffentlichungen füllen mittlerweile etliche Regalmeter, und er hat dafür zahlreiche literarische Auszeichnungen bekommen. Am 23. Juni ist er 65 Jahre alt geworden.


DW-WORLD.DE: Rafik Schami, wenn ich bei Ihnen zu einer Party eingeladen wäre und ich brächte eine Schüssel Nudelsalat mit - wie das bei deutschen Parties üblich ist - wie fänden Sie das?

Rafik Schami (lacht): Da würde ich lachen. Da würde ich sagen, Sie haben meine Bekämpfung des Nudelsalates noch nicht gelesen. Ich fand das so komisch – wenn Sie zehn Deutsche einladen, dann kommen sagen wir drei mit Nudelsalat an, normalerweise fünf. Und da habe ich gesagt: Wieso denn Nudelsalat? Das ist doch nichts Deutsches. Was ist denn los? Und dann habe ich gemerkt, dass man Nudelsalat – vor allem diese hässliche Variante mit Mayonnaise und Würstchen und nach nichts schmeckenden Erbsen aus der Dose – niemals falsch machen kann. Man kann sich mit der rechten Hand schminken und anziehen. Mit der linken Hand den Salat rühren und mischen. Es schmeckt einfach nicht. Die italienische Variante (ohne Mayonnaise) schmeckt schon eher.

Gibt es außer Nudelsalat noch etwas, was Sie nach 40 Jahren Deutschland befremdlich finden oder merkwürdig?

Porträt des Autor Rafik Schami (Foto: dpa)

Seit über 40 Jahren lebt der Erzähler in Deutschland im Exil.

Ja, Angewohnheiten – wie dieses Höflichkeitsstück am Ende auf dem Teller. Das kann ich nicht ausstehen. Da sitzen fünf Deutsche, schauen auf diese Praline oder auf jenen Keks, und jeder will das am liebsten essen, aber die Höflichkeit und ihre Erziehung zwingt sie, das Stück auf dem Teller liegen zu lassen. Übrigens, da unterscheiden sich beide Kulturen, die arabische und die deutsche: Dies gilt bei uns fast als unhöflich, das heißt so viel wie 'es hat nicht geschmeckt'. Man muss alles essen, damit der Gastgeber merkt, es hat allen geschmeckt. Es darf nichts übrig bleiben.

Haben Sie mittlerweile auch schon eine deutsche Brille, mit der Sie andere kulturelle Merkwürdigkeiten aufspüren?

Das auf jeden Fall. Alle meine Besucher aus Damaskus sagen, 'Du bist schon ein Deutscher geworden'. Die merken zum Beispiel, dass ich alles ernst nehme. In Syrien nehmen sie anscheinend nicht alles ernst. Die merken zum Beispiel, dass ich pünktlich bin. Das finden sie ziemlich komisch. Wenn man mir sagt, ich soll um sieben da sein, dann komme ich fünf vor sieben.

Wissen Sie, das ist eine Illusion, dass man sich in einer Gesellschaft – egal ob die deutsche, französische oder amerikanische – nach 40 Jahren nicht verändert. Man ist keine Insel. Und die Gesellschaft ist keine Insel. Man lebt hier. Man fühlt sich wohl. Man hält seine Termine. Ich bin mit einer deutschen Frau sehr gerne verheiratet, lebe hier mit ihr, unser Sohn musste hier in die Schule gehen. Und da ist nicht nur die Brille, sondern auch ein Teil meines Äugeleins Deutsch geworden.

Nach Deutschland käme jetzt direkt Damaskus für mich, als Stichwort. Die große unerreichte Geliebte. Ihr Pseudonym Rafik Schami bedeutet 'Freund aus Damaskus'. Es gibt ein Buch von Ihnen, "Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick". Und auch der Roman "Das Geheimnis des Kalligraphen"(2008) spielt im Damaskus der 50er Jahre. Was ist das für ein Damaskus, das Sie beschreiben und im Herzen haben?

Gewürzstand in der Altstadt von Damaskus (Foto: DW / Stefanie Markert)

Mitten in Damaskus sind kostbare Gewürze gelagert, die der Stadt einen "Geruchsteppich" verleihen.

Ich habe sehr intensiv in Damaskus gelebt: 25 Jahre. Und man sagt, wenn man sieben Jahre in Damaskus wohnt, wird man von der Stadt bewohnt. Also, da können Sie sich meine hoffnungslose Lage vorstellen: 25 Jahre bin ich besessen, nicht nur bewohnt von der Stadt. Ich habe dafür auch sehr intensiv gelebt. Ich habe sehr früh ein Fahrrad gehabt, ein Geschenk von meinem Vater. Und ich habe die Stadt wirklich Gasse für Gasse erkundet. Ich fand sie wahnsinnig interessant mit ihren verwinkelten Gassen und ihren Lagern an Gewürzen. Mitten in der Stadt haben die Syrer – aus Angst vor Kriegen und Belagerungen – immer ihre teuersten Produkte gelagert: Pistazien, Sesam, Thymian, Zimt, Koriander. Dies lässt die Stadt einen bestimmten Geruchsteppich haben und einen Geräuschteppich. Und das wollte ich erforschen für mich, das hat mir Spaß gemacht: Wie riecht die Gasse, wie hört sie sich an?

Das spürt man auch in Ihren Büchern …

Ja, und deshalb bin ich auch Damaskus-Schriftsteller geworden, wenn Sie so wollen. Außer wenn ich über Deutschland schreibe, schreibe ich nur über Damaskus, weil ich, wie man sagt, verliebt in diese Stadt bin. Und ich erkenne einige Schönheiten an ihr. Zum Beispiel die Geborgenheit. Oder die ganz besonders schöne Gassenstruktur. Diesen ganz besonders sanften Menschenschlag.

Die Damaszener werden von anderen beschimpft, dass sie Heuchler und Diplomaten sind. Die Damaszener sind aber sehr weltoffen. Man sagt, auch deshalb, weil 37 Völker nach Damaskus kamen und gingen. Jeder Damaszener fühlt sich also irgendwo mit einem Touristen verwandt. Also, das ist jetzt etwas übertrieben … Das heißt, Damaskus ist eine sehr, sehr freundliche Stadt. Das habe ich gespürt und schätze das auch.

Aber Sie leben schon lange nicht mehr da. Kann es sein, dass das jetzt auch zu einem Sehnsuchtort, zu einem Ort der Kindheit, zu einer Projektion geworden ist?

Das wird es in der Nacht, nicht in einem Buch. Das wird es in der Nacht, am frühen Morgen wenn ich aufstehe. Bei einem trüben Wetter hier. Oder bei einem Nebelwetter von zwei Wochen. Oder bei einer Eiseskälte. Das hat mit meiner Literatur nichts zu tun. Ich recherchiere knochenhart. Ich habe heute das Glück dass ich sehr genau recherchiere. Auf den Zeitpunkt genau.

Ich lasse mir Zeitschriften holen und recherchiere ganz genau die Wirtschaftslage, die Lage der Parteien, die Lage der Demokratie, die Lage der Menschen. Der kleinen und großen Menschen. Also das lasse ich bei meinen Büchern raus – das lasse ich auf mich wirken als Mensch. Und das wirkt wirklich auf mich. Dass ich das romantisiere, das ist so ein Idyllebau in meinem Kopf. Damaskus mit den strahlenden Gassen, das ist nicht wahr. Wenn ich aber schreibe, bin ich ein Handwerker. Das ist eine andere Geschichte.

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