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Deutschlandtour

Radtour nach Worpswede

Vor 125 Jahren gründeten drei Maler im Dorf Worpswede bei Bremen eine Künstlerkolonie. Noch heute ist dies ein Ort, an dem die Kunst zu Hause ist – und ein spannendes Ziel für eine Radtour.

Künstlerdorf Worpswede bei Bremen

Domizil für Künstler des Jugendstils, Impressionismus und Expressionismus: der Barkenhoff

Beim Fahrradfahren merke ich, dass der Frühling da ist. Die Sonne wärmt die Wangen, es weht ein frischer Wind – ideales Wetter für eine Fahrradtour. Worpswede, ein weltweit bekanntes Künstlerdorf nördlich von Bremen, feiert in diesem Jahr Geburtstag: 1889 gründeten drei junge Maler aus Düsseldorf die Künstlerkolonie. Sie hatten ihren Urlaub dort verbracht und sich in den weiten Horizont und die raue Landschaft um Worpswede verliebt.

Höchste Zeit für mich, den Ort einmal in Augenschein zu nehmen. Praktischerweise liegt er auf dem Radwanderweg "Weites Land". Von Bremen nach Worpswede ist die Strecke 25 Kilometer lang. Sie ist mit einem kleinen blauen Viereck ausgeschildert, auf dem die weiße Silhouette des Barkenhoffs, einst geistiges Zentrum der Künstlerkolonie, abgebildet ist.

Fahrt durch weite Landschaft

Mit belegten Broten und einer Flasche Wasser im Rucksack schwingen mein Freund und ich uns auf die Fahrräder. Die Strecke beginnt am Bremer Hauptbahnhof und führt uns zunächst durch den bürgerlichen Stadtteil Schwachhausen, durch breite Straßen mit eleganten Villen und entlang am Bürgerpark.

Bald haben wir alles Städtische hinter uns gelassen und genießen den breiten Fahrradweg durch flaches Marschland. Es ist durchzogen von Bewässerungskanälen, rechts von uns paddeln Kajakfahrer übers Wasser. Das helle Schilf hebt sich vom satten Grün der Wiesen ab, zwei Schwäne suchen darauf nach Essbarem. Zahlreiche Fahrradfahrer sind hier unterwegs, auch Skater und Spaziergänger. Über eine Schleuse, entlang an Biergärten und einem Hofladen, überqueren wir beim Bremer Ortsteil Borgfeld den Fluss Wümme.

Radtour nach Worpswede

Die Wörpe kurz hinter Lilienthal

Nun haben wir das Bundesland Bremen offiziell verlassen und fahren auf dem Deich entlang durch Niedersachsen. Das Land ist weit, der Himmel blau und wir Fahrradfahrer sind unter uns. Kein Auto scheucht uns beiseite, nur einige Hobbyrennradfahrer in ihren hautengen, bunten Polyester-Anzügen erschrecken uns hin und wieder, wenn sie nahezu lautlos an uns vorbeiziehen.

Bei einigen Kreuzungen müssen wir anhalten und nach dem kleinen blauen Schild suchen, doch insgesamt ist der Radweg sehr gut ausgeschildert. Als wir hinter dem Ort Lilienthal dann doch einen Moment orientierungslos sind, erklärt uns eine Spaziergängerin fröhlich: "Alle Wege führen nach Worpswede, das können Sie nicht verfehlen." Vielen Dank dafür und weiter geht es - vorbei an leuchtend gelben Forsythien und rosa blühenden Magnolien, mit dem kernigen Duft frisch gedüngter Felder in der Nase.

Mit Hindernissen ans Ziel

Radtour nach Worpswede

Wer durch die Birkenallee vor Westerwede fährt, ist schon fast am Ziel. Außer er hat eine Panne.

Eine Birkenallee verzaubert uns; wir bleiben stehen, um ein paar Fotos zu machen und einen Schluck zu trinken. Alles ist ruhig – nur ein leises "Pfff" hören wir. Wir blicken uns an, beugen uns hinunter und lauschen dem leisen Zischen, das dem Hinterreifen des hellblauen Rennrades meines Liebsten entweicht. Ein platter Reifen, rund fünf Kilometer vor unserem Ziel.

Wir schieben bis nach Worpswede. Als letztes Hindernis erweist sich der Weyerberg. Wir erklimmen den etwa 50 Meter hohen Hügel auf einem schmalen Pfad, unsere Fahrräder schiebend, und schnaufen ganz schön, als wir endlich oben ankommen. Zu unseren Füßen liegt der Barkenhoff, das Ziel unserer Fahrradtour.

Ehemalige Bauernkate als Künstlerdomizil

Wir lassen unsere Räder auf dem Hügel stehen und gehen einen schmalen Pfad hinunter. Nach wenigen Minuten stehen wir vor dem imposanten Treppenaufgang der ehemaligen Bauernkate. Der Künstler und Sozialist Heinrich Vogeler hatte sie 1895 gekauft und im Jugendstil umgestaltet. Er war einer der ersten, der sich den Kolonie-Gründern Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn anschloss und in Worpswede niederließ.

Der Barkenhoff wurde zum kreativen Zentrum des Ortes. Heute beherbergt er das Heinrich-Vogeler-Museum. Eine Dauerausstellung zeigt seine Werke: Er entwarf Möbel, Geschirr und Tapeten für das Haus, fertigte wunderschöne detaillierte Radierungen an und malte große kaleidoskopartige Bilder, vor allem von seinen Reisen nach Russland.

Im Erdgeschoss zeigt ein Film die wichtigsten Stationen im Leben Heinrich Vogelers. Dankbar fallen wir auf die Stühle, strecken unsere müden Beine aus und sehen uns die Dokumentation an. Heinrich Vogeler träumte davon, mit der Kommune auf dem Hof ein irdisches Paradies zu schaffen, in dem alle Menschen in Harmonie zusammen lebten.

Lebendiges Künstlerdorf

Vier Museen im Ort zeigen vom 11. Mai bis zum 14. September die Entwicklung Worpswedes als Künstlerdorf von 1889 bis heute. Der Barkenhoff präsentiert Werke von Paula Modersohn-Becker, bekannte expressionistische Künstlerin und Worpswede-Bewohnerin, sowie Arbeiten der Kolonie-Gründer.

Künstlerdorf Worpswede bei Bremen

Einst Künstler-Wohnhaus: die Käseglocke von 1926

Als wir den Barkenhoff nach knapp zwei Stunden verlassen, laufen wir den Hügel wieder hinauf und spazieren über die Lindenallee zur Bergstraße, in der sich Cafés und Galerien aneinanderreihen. Die Zahl der Ateliers, Museen und Kunstvereine in diesem Ort mit nur 9.500 Einwohnern ist beachtlich. Noch immer arbeiten in Worpswede Maler, Bildhauer und Grafiker. Sie führen fort, was die Gründer damals in dem Dorf begannen, als sie die Landschaft und den weiten Himmel zu einer Quelle ihrer Kunst machten.

Zurück nach Bremen nehmen wir den Regionalexpress vom Bahnhof Osterholz-Scharmbeck. Von Mai bis Oktober verkehrt auch der historische Moorexpress zwischen Worpswede und Bremen. Jetzt hat er noch Winterpause. Die Bahnlinie durch die Teufelsmoor genannte Moorlandschaft besteht seit 1909. Heinrich Vogeler und andere Künstler gestalteten Bahnhöfe an der Strecke. Im Moorexpress gibt es Moorbier und Kräuterbitter aus dem Teufelsmoor. Unsere Fahrt ist mit einer knappen Viertelstunde zwar deutlich schneller, aber nicht halb so romantisch wie mit dem Moorexpress. Und Schnaps gibt es auch nicht.