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Fokus Südosteuropa

Radovan Karadžić - seit fünf Jahren in Haft

Am 21. Juli 2008 wurde Dragan David Dabić in Serbien verhaftet. Doch hinter dem falschen Namen und der Existenz als Arzt für Naturheilkunde verbarg sich einer der meistgesuchten Männer der Welt: Radovan Karadžić.

Radovan Karadžić vor dem UN-Tribunal (Foto: ddp images/AP Photo/Michael Kooren/Pool)

Radovan Karadžić vor dem UN-Tribunal

Zwölf Jahre lang entzog sich Radovan Karadžić der internationalen Justiz. Schon seit Juli 1996 lag ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag (ICTY) gegen ihn vor. Der Vorwurf: Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Krieges (1992-1995), währenddessen er der politische Führer der bosnischen Serben war.

Insbesondere soll er für das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 verantwortlich sein. Damals ermordeten die Soldaten der bosnischen Serben fast 8000 überwiegend muslimische Männer und Jungen.

Insgesamt wurden zwischen 1992 und 1995 im Krieg in Bosnien-Herzegowina etwa 100.000 Menschen umgebracht. Über zwei Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben und zahlreiche Dörfer und Städte verbrannt und zerstört.

Nationalistischer Eiferer

Der Befehlshaber der bosnischen Serben, General Ratko Mladic (l), neben dem bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic bei einer Pressekonferenz in der bosnischen Pale 1993 (Foto: DPA)

Ratko Mladić und Radovan Karadžić bei einer Pressekonferenz 1993

Schon Anfang der 1980er Jahre, als sich der Zerfall des jugoslawischen Vielvölkerstaates abzeichnete, tat sich Radovan Karadžić als nationalistischer Eiferer hervor. Er wurde zum ersten Vorsitzenden der neugegründeten Serbischen Demokratischen Partei (SDS) in Bosnien-Herzegowina gewählt. Später war er der erste Präsident der von ihm 1992 ausgerufenen Serbischen Republik Bosnien-Herzegowina. Dabei fiel er durch seine aggressive und aufheizende Rhetorik auf. So sprach er schon beim Gründungskongress seiner Partei von den Serben als einer "Kriegerrasse". Und er drohte damit, die Muslime in Bosnien-Herzegowina "auszuradieren".

Mit der Unterstützung seines Mentors aus Belgrad, des damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milošević, organisierte Karadžić eben diesen Krieg in Bosnien-Herzegowina, vor dem er warnte. Wie in der Anklageschrift des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag aufgeführt wird, war Karadžić an der sogenannten "ethnischen Säuberung" von muslimischen Bosniern und Kroaten mutmaßlich beteiligt.

Unter seiner politischen Führung kam es zu systematischen Tötungen und Vergewaltigungen in den von Serben kontrollierten Gebieten. Mehrere Konzentrationslager für Nicht-Serben wurden gegründet und dreieinhalb Jahre lang wurde die bosnische Hauptstadt Sarajevo belagert und bombardiert.

Aufstieg und Fall Karadžićs

Ein Mann steht vor Fandungsplakate von Radovan Karadzic und Ratko Mladic (Photo: EPA/FEHIM DEMIR +++(c) dpa - Bildfunk+++)

Fahndungsplakate von Radovan Karadžić und Ratko Mladić

Dabei war Bosnien-Herzegowina gar nicht Radovan Karadžićs eigentliche Heimat. Geboren wurde er kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im benachbarten Montenegro. Als er 15 Jahre alt war, zogen er und seine Familie nach Sarajevo. Dort ging er zur Schule und studierte Medizin. Später verbrachte Karadžić als Stipendiat ein Jahr an der Columbia University in New York und arbeitete danach als Psychiater an einer Klinik in Sarajevo. Als Psychologe war Karadžić sogar eine zeitlang für den spanischen Fußballklub FC Barcelona tätig. Gleichzeitig sah er sich gerne auch als Schriftsteller: Vor dem Krieg veröffentlichte er vier Gedichtbände.

Kurze Zeit nach der Unterzeichung des Friedensabkommens für Bosnien-Herzegowina im Dezember 1995 musste Karadžić auf internationalen Druck von seiner Funktion als Präsident zurücktreten. Und wenige Monate, nachdem das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag im Juli 1996 einen internationalen Haftbefehl gegen ihn erließ, tauchte er unter. Jahrelang suchte man vergebens nach ihm: Mal vermutete man ihn in den verborgenen Klöstern der serbischen orthodoxen Kirche, mal in den unzugänglichen Bergen zwischen Bosnien, Montenegro und Serbien.

Karadzic bei seiner Verhaftung 2008 als Dragan David Dabić (Foto: AP Photo)

Karadzic bei seiner Verhaftung 2008 als Dragan David Dabić

Die ganze Zeit behauptete die serbische Regierung, sie wisse nicht, wo sich Karadžić befinde. Am 21. Juli 2008 dann die Überraschung: Die serbische Polizei verhaftete ihn in Belgrad, wo er unter falschem Namen und mit stark verändertem Aussehen unbehelligt jahrelang eine Arztpraxis für Alternativmedizin führte und Artikel für eine Fachzeitschrift schrieb. Direkt nach der Verhaftung wurde er dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert. Seit Oktober 2009 muss er sich vor dem Haager Tribunal verantworten.

Keine Reue im Prozess

In dem Prozess, in dem sich der 68-jährige Karadžić selbst verteidigte, zeigte er keinerlei Reue oder Anzeichen eines Schuldbekenntnisses. Wenn es um den Völkermord von Srebrenica geht, weist er jede Verantwortung von sich: Er habe befohlen, "dass Zivilisten beschützt und die gefangengenommenen Soldaten ausgetauscht werden sollen", behauptet Karadžić. Demzufolge wäre sein Weggefährte General Ratko Mladić, dem ebenfalls in Den Haag der Prozess gemacht wird, der einzig Schuldige für die Gräueltaten. Dennoch hat Radovan Karadžić mehrmals betont, dass der Krieg in Bosnien-Herzegowina ein "Kampf gegen die Bildung eines muslimischen Staates mitten in Europa" sei. Er gibt an, ein Opfer der "Siegerjustiz“ zu sein und stellt sich als "Psychiater, Dichter und Mann des Friedens" dar. Zudem solle man ihn nicht bestrafen, sondern "für alle gute Taten“ auszeichnen.

Der bosnische Ex-Serbenführer Radovan Karadžić vor dem Haager tribunal im Oktober 2012. (Foto: REUTERS/ Robin van Lonkhuijsen)

Vor dem Haager Tribunal zeigt Karadžić keine Reue

Doch fünf Jahre nach seiner Verhaftung und 18 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica ist die Anklage gegen ihn deutlich erweitert worden. Der ehemalige Serbenführer muss sich nun nicht nur für das Massaker in Srebrenica 1995 verantworten, sondern in sieben weiteren bosnisch-herzegowinischen Kommunen.

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