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Wirtschaft

"Radioaktiver Rassismus" - Die australische Uranindustrie im Konflikt mit den Aborigines

Die Nachfrage nach Uran ist in den letzten Jahren stetig gestiegen, und in Australien lagern die größten Vorkommen der Welt. Warum wehren sich die Ureinwohner gegen den Abbau des kostbaren Erzes?

Ranger Mine, das zweitgrößte Uranbergwerk der Welt

Ranger Mine, das zweitgrößte Uranbergwerk der Welt

Etwa dreißig Umweltaktivisten aus allen Ecken des Northern Territory haben sich im Saal des Darwin Museums versammelt. Nach aktuellen Plänen der konservativen australischen Regierung unter John Howard soll im Northern Territory ein Atommüllendlager entstehen, das Ende 2011 in Betrieb gehen könnte. Drei bis vier Orte sind im Gespräch – Grund genug auch für deren indigene Bewohner, in Darwin gemeinsam mit den Umweltaktivisten gegen diese Pläne zu protestieren

Einige der Anwesenden haben weite Strecken zurückgelegt, um hier sein zu können, bis zu tausend Kilometer. Auch Aborigines vom Volke der Larrakia sind anwesend. Sie haben in Eigenregie einen Film produziert. Die erste Szene zeigt eine Gruppe von drei in Jeans und T-Shirt gekleidete Aborigine-Frauen bei der Nahrungssuche. Eine der Frauen sticht mit einem Spaten immer wieder in die Erde. Ihre Suche nach Witchetty-Larven ist schließlich erfolgreich: Die Frauen ziehen die dicken weißen Larven aus der Erde, rösten sie in einem Lagerfeuer und essen sie noch vor Ort.

Aborigine Speedy ist ein entschiedener Gegner der Nuklearindustrie

Aborigine Speedy ist ein entschiedener Gegner der Nuklearindustrie

Der Film soll besonders die weißen Zuschauer im Saal daran erinnern, wie eng die alltäglichen und die kultischen Handlungen der Aborigines nach wie vor mit der Natur verbunden sind. Und wie sehr ein Atommüllendlager diesen traditionellen Lebensstil bedrohen würde.

Kampf gegen die Uran-Mine

Im Kampf gegen den Klimawandel und bei der Suche nach neuen Energieträgern spielt Nuklearenergie, zu deren Gewinnung Uran benötigt wird, eine immer wichtigere Rolle. Die Uranindustrie wächst, und das hat Folgen für die Ureinwohner Australiens, denn die größten Vorkommen befinden sich auf Land, das offiziell den Aborigines gehört. Knapp ein Viertel der weltweiten Uranerzreserven lagern in Australiens Böden, ein Großteil davon im Norden des Landes, dem Northern Territory, in dem beinahe jeder Dritte der etwa 200.000 Einwohner einem Aborigine-Stamm angehört.

Die Atomgegner befürchten eine rasche Ausweitung des Abbaus. Schon ab diesem Jahr wird Uran auch nach China exportiert. Die Regierung plant zudem angeblich den Bau von 25 Kernkraftwerken bis zum Jahr 2050.

Dave Sweeney von der Umweltschutzorganisation Australian Conservation Foundation ist Mit-Initiator der Protestversammlung in Darwin. Seit über zwanzig Jahren beschäftigt sich der ehemalige Journalist mit den Auswirkungen der Uranindustrie auf die ansässigen indigenen Völker. In der Folge des Uranabbaus seien die Aborigines im übertragenen wie im wortwörtlichen Sinne von ihrem Land vertrieben worden: "Ihre Wünsche wurden übergangen, und sie hatten unter einer übereilten Gesetzgebung zu leiden, die dazu diente, sicherzustellen, dass die fraglichen Projekte nicht gestoppt wurden." Statistiken der Umweltschützer zeigten, dass die Ureinwohner nicht gleichberechtigt vom Reichtum Australiens profitierten. Sweeney weist auch darauf hin, dass der Großteil der giftigsten Industrie Australiens in den Territorien der Aborigines liege. "Das ist nicht fair. Wir benutzen den Begriff 'Radioaktiver Rassismus’ zur Beschreibung einiger Entscheidungen der Politik in Australien."

Uranabbau auch im Nationalpark

Lastwagen bringen das Uranerz aus Grube 3 heraus

Lastwagen bringen das Uranerz aus Grube 3 heraus

Fährt man mit dem Auto von Darwin Richtung Osten, passiert man nach etwa einer Stunde die Grenze zum Kakadu National Park. Der Park gehört zu den ganz wenigen Landschaftsregionen weltweit, die die UNESCO sowohl als Weltkulturerbe, als auch als Weltnaturerbe führt. Den Aborigines war dieser Landstrich seit jeher heilig.

In dem fast 20.000 Quadratkilometer großen Park sind nur natürliche Geräusche zu hören. Aber mittendrin stößt man auf eine Insel lärmender industrieller Aktivität: Hier liegt die zweitgrößte aktive Uranmine der Welt, die Ranger Mine, die seit 1981 ausgebeutet wird. Die Ranger Mine ist eines von derzeit drei aktiven Uranbergwerken in Australien - neben Olympic Dam und Beverley im Bundesstaat Südaustralien. Mit knapp 6000 Tonnen jährlich liefert Ranger fast ein Siebtel der weltweit produzierten 42.000 Tonnen Uran.

Auf Ranger läuft die Produktion derzeit mit voller Kapazität. Die Nachfrage nach Uran ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Für die über 440 Kernkraftwerke auf der Welt werden pro Jahr annähernd 70.000 Tonnen Uran benötigt. Bis zum Jahr 2003 wurde noch fast die Hälfte des Uranverbrauchs durch Bestände aus der Abrüstung von Kernwaffen oder aus Lagerbeständen gedeckt. Doch das Ausgangsmaterial für die Wiederaufbereitung geht zur Neige. Die große Nachfrage hat sich auf den Preis für Uran auf dem Weltmarkt ausgewirkt: Uran kostet heute fünf Mal so viel wie noch im Jahr 2000.

Folgen für die Umwelt

Schwefellager und Abraumhalden verunzieren die Landschaft. Der durch die Produktion anfallende Müll sei inaktiver Abraum, der die Umwelt nicht gefährde, betont Harry Kenyon-Slaney, der Geschäftsführer des Minenbetreibers Energy Resources of Australia (ERA), Müll, den seine Firma wieder neutralisiere und dann zurück in die abgebauten Gruben führe. Das sei eine der Bedingungen zum Schutz der Umwelt. Auch das Wasser würde gereinigt – erst vor kurzem habe ERA zu diesem Zweck eine Reinigungsanlage errichtet. Der Atommanager stellt eine perfekte Sanierung in Aussicht, bei der die zerstörte Landschaft wieder bepflanzt und am Ende wie vorher aussehen werde. "Das tun wir gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung, und in fünfzig Jahren wird man nicht mehr wissen, dass wir jemals hier waren."

Uranabbau verläuft ausschließlich über Tage

Uranabbau verläuft ausschließlich über Tage

Umweltschützer und Aborigines sind skeptisch. Bisher gibt es in ganz Australien kein Beispiel erfolgreicher Umweltsanierung, und die Erinnerung an die Katastrophe, die Ranger 1988 verursachte, indem sechs Monate lang unkontrolliert Radioaktivität austrat, ist noch wach. Auch danach noch gelangte immer wieder verseuchtes Wasser in die Flüsse der Umgebung.

Die Rechte der Ureinwohner

Die Inbetriebnahme einer weiteren Mine im Kakadu-Park konnte das Volk der Mirrar verhindern. Gegen ihren Willen war 1996 mit dem Bau der Jabiluka-Mine begonnen worden. Minenbetreiber und Bundesregierung hatten dabei ignoriert, dass der Boden, in dem das Uran gefunden worden war, seit dem Aboriginal Land Rights Act von 1976 wieder offiziell den Aborigines gehört.

Die Regierung will die wirtschaftliche Entwicklung im Northern Territory trotzdem weiter ankurbeln und hat im November 2006 Änderungen an dem Gesetz von 1976 vorgenommen. Sollten die Stammesältesten bei ihren Entscheidungen eine gewisse Frist nicht einhalten, wird künftig auch ohne ihr Einverständnis nach Uranerz geforscht und Uran abgebaut. Speedy McGinness, ein 60-jähriger Aborigine, befürchtet, dass die neue Entwicklung schlimme Folgen haben wird. "Die Leute werden aufs schnelle Geld aus sein und dann verschwinden." Und mit ihnen die Unternehmen, die nichts als Korruption hinterlassen könnten.

Soziale Destabilisierung

Die Aborigines im Northern Territory sorgen sich nicht nur um die Natur. Probleme wie Arbeitslosigkeit, Alkoholsucht und Korruption bestimmen das tägliche Leben in den meisten Aborigine-Gemeinden. Eine unabhängige Untersuchung befand, zwanzig Jahre Minenaktivität auf Ranger habe den Aborigines keine erkennbaren strukturellen oder wirtschaftlichen Vorteile gebracht. Unabhängige Untersuchungen über die Auswirkungen der Uranindustrie auf die Gesundheit der Aborigines gibt es anscheinend nicht.

Das zur Uranproduktion benötigte Wasser wird in mehreren Stufen gereinigt

Das zur Uranproduktion benötigte Wasser wird in mehreren Stufen gereinigt

ERA-Geschäftsführer Harry Kenyon Slaney beteuert, die Bevölkerung des Minenorts Jabiru genieße seit der Existenz von Ranger viele Vorteile. Die ERA bietet kulturelle und soziale Projekte an, ERA ist der Sponsor des lokalen Musikfestivals, der Sozialarbeiter und der Hilfsprogramme für Alkoholsüchtige. Und dann seien da ja noch die Zahlungen für die Schürfrechte. Die hohe Summe, die ERA für die Schürfrechte an die Regierung abgebe, komme direkt den Aborigines zugute. Außerdem machten die Steuern, die an die Gemeinde gezahlt würden, und die Arbeitsplätze das Unternehmen zu einem wichtigen Faktor für die abgelegene Stadt.

Alles nur schöne Theorie? Skeptiker behaupten, in der Realität profitierten die Aborigines nur wenig von den Zahlungen: Erstens sorge Korruption oft für Fehlleitungen, und zweitens erhielten die Aborigines oft keine Mittel aus anderen öffentlichen Töpfen - mit der Begründung, dafür gebe es ja die Zahlungen für die Schürfrechte.

In Darwin vermuten die Atomkraftgegner um Dave Sweeney von der Australian Conservation Foundation, dass das Northern Territory für den Bau eines Endlagers nicht etwa wegen seiner besonderen geologischen Gegebenheiten ausgesucht worden sei. Der wahre Grund liege vielmehr in der großen Entfernung von den Ballungszentren Sydney, Melbourne und Canberra.

"Land für uns alle"

Solidarisch bereit zum Protest: Umweltschützer und Aborigines in Darwin

Solidarisch bereit zum Protest: Umweltschützer und Aborigines in Darwin

Es sei bezeichnend, findet der Aktivist, dass die Regierung einen entlegenen Ort wähle, an dem Aborigines wohnen und wo - anders als bespielsweise an der Ostküste - kein großer Aufschrei zu befürchten sei. "Natürlich passiert es da, wo die Menschen einen schlechten Zugang zum Internet, modernen Kommunikationsmitteln und den Medien haben."

Die Aborigines beobachten aber, dass sie nicht mehr allein sind mit der Sorge um ihr Land. Auch die weiße Bevölkerung scheint die Bedrohung der Natur durch die Uranindustrie erkannt zu haben. Endlager-Gegnerin Margie Lynch erinnert in Darwin daran, dass die indigenen Völker Australiens ihre Stärke immer auch in schwierigen Zeiten wie diesen behalten haben: "Unser Weg nach vorn muss nun für alle Stämme, für alle Landeigentümer, für alle Mitglieder der Gemeinschaft bedeuten, dass wir uns gemeinsam gegen die Regierung stellen. Letzten Endes brauchen wir dieses Land für uns alle."

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