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Afrika

Radio Silence - Journalisten protestieren

Mit einer Protestaktion wehren sich Journalisten in der Zentralafrikanischen Republik gegen Übergriffe durch die neuen Machthaber. Die Rebellen hatten sich im März an die Macht geputscht.

Welchen Radiosender man auch einschaltet - überall tönt nur eine nüchterne Ansage aus den Lautsprecherboxen des Taxis, das gerade durch die Hauptstadt Bangui fährt. Das ist ungewöhnlich. Denn um diese Zeit laufen sonst Nachrichten, politische Diskussionsrunden und spritzige Kommentare. Doch heute - Fehlanzeige.

Stattdessen kommt immer wieder die trockene Ansage des Radiosprechers: "Die Medien in der Zentralafrikanischen Republik werden geplündert. Die Sicherheit der Journalisten ist jeden Tag bedroht und die Rede und Meinungsfreiheit wird von den Regierenden nicht garantiert. Wir appellieren an die internationale Presse, auf unsere dramatische Situation hier in unserem vergessenen Land aufmerksam zu machen."

Einschüchterung durch altes und neues Regime

Das Radiostudio von Ndele Luka in Bangui (Foto: DW/Simone Schlindwein)

Das Radiostudio von Ndele Luka in Bangui.

Der zentralafrikanische Journalistenverband hat zu einem landesweiten Protest aufgerufen. Alle Journalisten sollen für einen Tag ihre Arbeit niederlegen. Und so spielen die Radiosender heute neben der dauernden Protestansage nur europäische Dudelmusik - statt der üblichen kräftigen zentralafrikanischen Rhythmen. Die wenigen und ohnehin unregelmäßig erscheinenden Zeitungen gibt es heute gar nicht zu kaufen. Im Fernsehen, das wegen der chronischen Stromausfälle nur wenige Zuschauer hat, laufen alte Dokumentarfilme.

Trotz des Protests sind in der Radiostation Ndeke Luka - zu Deutsch: "Vogel des Glücks" - heute alle Reporter zur Redaktionssitzung erschienen. Es ist ein kleines Gebäude hinter hohen Mauern. Am Hoftor stehen zwei bewaffnete Rebellen. Sie stünden dort fast jeden Tag, berichtet Chefredakteur Jean Claude Ali-Syhlas. Diese Drohkulisse ist nichts Neues für den Chefredakteur. Der unabhängige und kritische Radiosender hatte auch schon vor dem Putsch am 24. März Probleme mit dem damaligen Machthaber, Ex-Präsident François Bozizé.

Neutralität wird bestraft

Das Konzept von Radio Ndeke Luka: Die Hörer können Fragen stellen, und die Redakteure leiten diese an die Behörden weiter, die sie beantworten sollen. Doch dieses Verfahren habe die Machthabenden stets gegen den Radiosender aufgebracht, erzählt Ali-Syhlas: "Wir wurden deswegen immer als regimefeindlich wahrgenommen."

Geschasster Ex-Präsident: François Bozizé ( Foto: SIA KAMBOU/AFP/Getty Images)

Geschasst: Ex-Präsident François Bozizé.

Dieses Image des Radios habe sich zusätzlich in den Monaten der Kämpfe zwischen Regierung und Rebellen gefestigt, berichtet der Chefredakteur weiter. "Als der Aufstand begann, haben wir die Rebellen interviewt und gefragt, warum sie das tun", erzählt er im Gespräch mit der DW. "Bis heute beschuldigt uns daher das alte Regime, dass wir den Rebellen geholfen hätten."

"Wir machen euch fertig"

Noch bevor die Rebellen die Hauptstadt am 24. März eroberten, hatten Jugendbanden versucht, den Radiosender zu überfallen. Kurz darauf stürzte die Rebellenkoalition Seleka den Machthaber François Bozizé. Schon am Tag nach dem Putsch griffen sie die Radiostation Ndeke Luka an und stahlen Motorräder, Computer und sonstige Ausrüstung.

Chefredakteur Ali-Syhlas klagt: "Sie kamen und sagten: 'Passt auf, sonst machen wir euch fertig!' Wir haben keinen Schutz - obwohl uns die Anführer das zuvor versichert hatten. Aber auch die warnten uns: 'Seid vorsichtig mit dem, was ihr sagt, denn wir können euch nicht beschützen'."

Rebellen in Bangui, Rebellen der Seleka-Allianz Bild: DW/Simone Schlindwein, 1.5.2013, Bangui

"Sprache der Gewalt": Rebellen der Seleka-Allianz in Bangui

Auch zuhause wurden die Reporter von Ndeke Luka bedroht: Rebellen überfielen und plünderten die Wohnungen einiger Journalisten. "Diese Aufständischen sprechen nicht unsere Sprache", sagt Ali-Syhlas. "Sie verstehen unsere Welt nicht. Die haben zum Beispiel die Bildschirme mitgenommen, nicht aber die Computer - weil sie dachten, das sind Fernseher. Sie klauten die Fernbedienung der Klimaanlage, weil sie sie für Telefone hielten. Das sind ungebildete Menschen. Ihre Ausdrucksweise ist die Gewalt. Selbst wenn uns der Präsident Pressefreiheit zusichert - vor solchen Leuten kann er uns nicht schützen."

Medien sind wichtiger denn je

Ndeke Luka wird von internationalen Geldgebern finanziert - etwa von Frankreich, Belgien oder der Europäischen Union. In der bettelarmen und durchweg korrupten Zentralafrikanischen Republik ist dies die grundlegende Voraussetzung, um unabhängig und kritisch arbeiten zu können.

Michel Djotodia, Übergangspräsident und Anführer der SELEKA-Allianz (Foto: Getty Images)

Kann Journalisten keinen Schutz garantieren: Übergangspräsident Michel Djotodia

Dabei müssten die Medien gerade jetzt eine zentrale Rolle spielen, mahnt eine Menschrechtlerin, die ihren Namen lieber nicht in westlichen Medien sehen möchte. Sie leitet in der Zentralafrikanischen Republik eine Nichtregierungsorganisation. Jetzt müssten die Medien Vertrauen zwischen der Bevölkerung und den neuen Herrschern aufbauen, um "dem neuen Regime zu zeigen, dass es ohne die Bevölkerung nicht regieren kann. Sie sind ja hergekommen, um das Land zu regieren. Aber die Bevölkerung leidet derzeit", sagt sie.

In diesem allgemeinen Klima der Angst grenzt es daher fast an ein Wunder, dass die Journalisten zum Protesttag aufgerufen haben - auch, wenn es ein vorsichtiger, stiller Protest ist.

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