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Wirtschaft

Radikalkur bei Schlecker: 12.000 Entlassungen

Jahrzehntelang war Schlecker der unumstrittene Marktführer unter den Drogerie-Discountern. Das ist vorbei. Schlecker ist insolvent. Jede zweite Filiale wird geschlossen und mehr als die Hälfte der Mitarbeiter muss gehen.

Hessen/ Eine Passantin schiebt am Mittwoch (29.02.12) in Frankfurt am Main einen Kinderwagen an einer Filiale der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker vorbei. Am Mittwoch will der Insolvenzverwalter auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main ueber den Stand des Insolvenzverfahrens und das geplante Sanierungskonzept berichten. (zu dapd-Text) Foto: Mario Vedder/dapd

Deutschland Einzelhandel Drogeriemarktkette Schlecker in Frankfurt am Main

Schlecker ist zukunftsfähig. Das ist wohl die einzige gute Nachricht, die der Insolvenzverwalter von Schlecker, Arnd Geiwitz, am Mittwoch in Frankfurt verkündete. Denn um überhaupt überleben zu können, sind harte Einschnitte offensichtlich unvermeidlich. So wird die Drogeriekette jede zweite Filiale schließen und mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze streichen müssen. Insgesamt sollen lediglich rund 13.500 Arbeitsplätze erhalten bleiben. Zudem sollen 3.000 der bislang rund 6.000 Geschäfte des Familienkonzerns aus dem schwäbischen Ehingen schließen.

Hessen/ Der Insolvenzverwalter der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker, Arndt Geiwitz, spricht am Mittwoch (29.02.12) in Frankfurt am Main bei einer Pressekonferenz zum Sanierungskonzept fuer Schlecker. Die insolvente Drogeriemarktkette will jede zweite der 6.000 Filialen schliessen und mehr als die Haelfte der gut 30.000 Stellen streichen. Das teilte der Insolvenzverwalter am Mittwoch in Frankfurt am Main mit. Nur 13.500 Stellen sollten erhalten bleiben. Durch die Einschnitte koenne das Ueberleben von Schlecker gesichert werden. (zu dapd-Text) Foto: Mario Vedder/dapd

Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz

Ausgenommen von den harten Einschnitten sei zunächst die Tochter IhrPlatz mit ihren rund 6.000 Arbeitsplätzen und 650 Filialen. Schlecker hatte am 23. Januar beim Amtsgericht Ulm Insolvenz beantragt, kurz danach folgte die Tochter IhrPlatz. Die Schlecker-Auslandstöchter sind bislang nicht insolvent.

Ein schleichender Niedergang

In fast jeder deutschen Einkaufsstraße gibt es mittlerweile die kleinen, etwas unaufgeräumt wirkenden Schlecker-Filialen, in deren engen Gängen sich die Produkte türmen: Duschgel, Zahnpasta, Kekse und Putzmittel - alles möglichst billig.

Doch die Zahl der Filialen sinkt seit Jahren, allein 2011 sollen 1.400 Schlecker-Läden geschlossen worden sein, berichtet die "Lebensmittelzeitung". Die Schließungen waren das sichtbare Zeichen eines langen Niedergangs. Die letzten offiziellen Geschäftszahlen stammen aus dem Jahr 2010: Damals erwirtschaftete Schlecker mit 47.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 6,6 Milliarden Euro, doch es blieb ein operativer Verlust von 100 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr gab das Unternehmen bekannt, es schreibe seit drei Jahren Verluste.

Von der Konkurrenz überholt

Die Schlecker-Konkurrenten DM und Rossmann haben zwar weniger Filialen, machen aber pro Geschäft mehr Umsatz. Im Gegensatz zu Schlecker konnten sie ihr Geschäft in den vergangenen Jahren ausweiten. Marktführer in Deutschland ist inzwischen die DM-Gruppe, die im vergangenen Geschäftsjahr 6,2 Milliarden Euro umsetzte, mit rund 1.300 Filialen.

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Drogeriemarktkette Schlecker ist pleite

Firmengründer Anton Schlecker baute den väterlichen Fleisch- und Handelsbetrieb aus und eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Laden in Kirchheim unter Teck in der Nähe von Stuttgart. Ein Grund für den Einstieg ins Drogeriegeschäft war, dass im Jahr zuvor die bis dahin in Deutschland geltende Preisbindung für Markenartikel aufgehoben wurde. Schleckers Geschäftsmodell war es, die Produkte so billig wie möglich zu verkaufen, die Konkurrenz über den Preis zu schlagen.

Lange hatte er damit Erfolg. Das Schlecker-Imperium wuchs kontinuierlich, bald kamen neue Geschäftsfelder und auch Filialen im europäischen Ausland hinzu. 2008 bezeichnete sich das Unternehmen, das damals sieben Milliarden Euro umsetzte, als "Marktführer in Europa".

Schlecker in den Schlagzeilen

Hessen/ Das Firmenlogo einer Filiale der Drogeriemarktkette IhrPlatz spiegelt sich am Donnerstag (26.01.12) in Frankfurt am Main in einer Scheibe. Die Pleite der Drogeriemarktkette Schlecker bedroht immer mehr Arbeitsplaetze. Am Donnerstag musste auch das Tochterunternehmen IhrPlatz Insolvenz anmelden. Damit stieg die Zahl der durch den Niedergang des einstigen Marktfuehrers gefaehrdeten Stellen auf insgesamt rund 36.000. Der vorlaeufige Insolvenzverwalter von Schlecker, Arndt Geiwitz, kuendigte an, beide Unternehmen sollten jetzt gemeinsam saniert werden. (zu dapd-Text) Foto: Mario Vedder/dapd

Die Schlecker-Tocher IhrPlatz ist auch pleite

Anton Schlecker hat die Öffentlichkeit immer gescheut. Und doch geriet er manchmal in die Schlagzeilen. 1987 etwa, bei der spektakulären Entführung seiner Kinder Meike und Lars, die durch Zahlung eines Lösegeldes von 10 Millionen D-Mark beendet wurde. Vor allem aber durch die zunehmend lauter werdende Kritik der Gewerkschaften. Die Vorwürfe reichten von Verstößen gegen das Arbeitsrecht und Missbrauch von Leiharbeit bis zur unerlaubten Überwachung der Angestellten durch Kameras.

Das Stuttgarter Landgericht verurteilte Anton Schlecker und seine Frau Christa 1998 wegen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe von zwei Millionen Mark, umgerechnet etwa eine Million Euro. Die Schleckers hatten ihren Mitarbeitern vorgetäuscht, sie würden nach Tarif bezahlt, während die Löhne in Wirklichkeit weit darunter lagen, so das Gericht.

Ab 2010 versuchte das Unternehmen einen Imagewandel. Die Kinder Meike und Lars waren nun für die Unternehmenskommunikation verantwortlich. "Wir wollen keine Negativschlagzeilen mehr", so Lars Schlecker auf einer Mitarbeiterversammlung. "Wir wollen nicht mehr der Buhmann für Deutschland sein."

Imagewandel gescheitert

Das Unternehmen investierte in die Modernisierung seiner Filialen. Die sollten nicht mehr muffig und zugestellt wirken, sondern "freundlicher, heller, sympathischer", so das Unternehmen auf seiner Internetseite. Doch die Sanierungen kosten Geld. Geld, das Schlecker nicht erwirtschaftete, denn die Kunden kauften inzwischen bei der Konkurrenz ein.

Schlecker habe viel zu spät auf die Wünsche der Verbraucher reagiert, so der Branchenexperte Matthias Queck vom Handelsinformationsdienst Planet Retail. "Anton Schleckers Konzept funktionierte nur da ganz ordentlich, wo es konkurrenzlos war" sagte Queck der Deutschen Presseagentur (dpa). "Doch die Konkurrenz ist inzwischen überall. Auch in jeder Kleinstadt."

Insolvenzverwalter Arnd Geiwitz wird nun die Verhandlungen mit der Arbeitnehmerseite für eine schnelle Einigung führen. Ende März solle bereits das Insolvenzverfahren eröffnet werden. Danach dürfe Schlecker nicht mit Verlusten weitergeführt werden. Sonst ließen sich auch keine möglichen Investoren finden, erklärte Geiwitz.

Autoren: Andreas Becker, Monika Lohmüller (mit dpa)
Redaktion: Dirk Kaufmann

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