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Wirtschaft

Radikal veränderte Situation für Atombranche

Nach der Nuklearkatastrophe in Japan sieht sich die deutsche Atombranche zu Unrecht ins Abseits gestellt. Auf ihrer Jahrestagung schwankt die Stimmung zwischen Verunsicherung und Empörung.

Gelb bemalte Fässer mit Anti-Atomsymbolen stehen vor dem Kernkraftwerk Emsland in Lingen. (Foto: dapd)

Mannschaftswagen der Polizei, Beamte in Kampfanzügen, meterlange Absperrgitter und eine Riege von laut rufenden und pfeifenden Demonstranten – eigentlich sieht es vor dem Berliner Congress-Center am Alexanderplatz aus wie an jedem Ort, an dem die deutsche Atomindustrie ihren jährlichen Branchentreff abhält. Doch in diesem Jahr ist die Stimmung anlässlich der Jahrestagung Kerntechnik noch gereizter als sonst. Zwei Monate nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima sind die Demonstranten regelrecht empört darüber, dass die Atomlobby so offen Präsenz zeigt. "Wir sind hier, um den Leuten zu zeigen, dass sie nicht einfach machen können, was sie wollen und dass es Leute gibt, die dagegen sind", sagt ein Demonstrant und ein anderer ergänzt, er sei sich ziemlich sicher, dass sich die Atomlobby nur treffe, um eine Strategie zu besprechen, wie das Image aufpoliert werden könne. "Also da geht es nicht um Sicherheitsfragen, sondern darum, wie man der Bevölkerung weiter die Atomenergie verkaufen kann, ohne dass die an Fukushima denkt und das macht mich sehr wütend."

Auf Nachfrage räumt der junge Mann ein, dass es wirtschaftlich gesehen natürlich das Recht der Branche sei, möglichst gute Geschäfte machen zu wollen. Aber bei einer so risikoreichen Technologie müsse man sich - selbst wenn man die Kernenergie im wirtschaftlichen Sinn als Produkt sehe - fragen, ob das die gesamte Bevölkerung in Ordnung finde.

Stress für die Tagungsteilnehmer

Einsatzkräfte der Polizei tragen in Berlin unweit des Berliner Congress Centers (BCC) vor der Veranstaltung des Deutschen Atomforums Demonstranten gegen die Atomlobby weg. (Foto: dapd)

Wer im Weg sitzt, wird von der Polizei weggetragen

1300 Teilnehmer sind zu dem dreitägigen Kongress angereist. Alle müssen an den nur wenige Meter vom Eingang zum Tagungsort entfernt stehenden Demonstranten vorbei, sich mehrfach ausweisen, durch Sicherheitsschleusen gehen und ihr Gepäck kontrollieren lassen. Die Stimmung schwankt zwischen Verunsicherung und Empörung. Gerhard Feige, Abteilungsleiter beim niedersächsischen Ministerium für Umwelt und Klimaschutz und dort zuständig für die Atomsicherheit sieht etwas mitgenommen aus. Die Demonstranten hätten ihn als "Atom-Schwein" tituliert und da frage er sich doch, wo er hier eigentlich lebe. "Also das hat mich wirklich erschüttert. Das ist mir auch so zum ersten Mal passiert und das zeigt einfach jetzt, wie die Stimmung ist. Es herrscht im Moment eine totale Irrationalität", so Feige weiter.

Karin Burmester, Sicherheitsbeauftragte bei der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA ist aus Wien nach Berlin gekommen. Bei ihrer Ankunft vor dem Congress-Center hat sie versucht, mit den Demonstranten zu reden, aber das sei im Moment einfach nicht möglich. Sie findet das ein trauriges Zeichen. Man halte die normale Jahrestagung ab, so wie jede andere Branche auch. "Es gibt auch eine Gesellschaft für Windkrafträder und die Gesellschaft für Solardächer und jede hat ihre Jahrestagung. Warum kann man das nicht vernünftig und diszipliniert nachmachen?" Die Atombranche könne das nur unter Polizeischutz und mit einem großen Sicherheitsaufwand und das sei doch ein Armutszeugnis für die Demokratie.

Von der Laufzeitverlängerung zum schnellen Ausstieg

Der Präsident des Deutschen Atomforums, Ralf Güldner, hält am Dienstag (17.05.11) in Berlin im Berliner Congress Center (BCC) auf der Jahrestagung Kerntechnik die Eröffnungsansprache. (Foto: dapd)

Seine Branche fühlt sich diffamiert: Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums

So ähnlich formuliert es später auch Ralf Güldner, der Präsident des Deutschen Atomforums in seiner Eröffnungsrede. Die Situation habe sich in den vergangenen Monaten radikal verändert. Das würden vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kernkraftwerken und der ganzen Branche spüren, obwohl sie, so sagt Güldner, Tag für Tag ihren Beitrag zur Lebensqualität und zum Wohlstand Deutschlands leisten würden. "Sie leben an ihren Arbeitsplätzen eine hochentwickelte Sicherheitskultur und setzen sich mit ihrer ganzen Kraft für den sicheren Betrieb der kerntechnischen Anlagen ein. Es ist verletzend, wenn diese Leistungen in der öffentlichen Diskussion diskreditiert werden und unsere Kolleginnen und Kollegen diffamiert werden." Es sei unerträglich, wenn Beschäftigte der Kerntechnik beschimpft würden, weil sie verantwortungsbewusst ihre Arbeit leisten, so Güldner weiter. "Bei allem Respekt vor politischem Streit und öffentlicher Auseinandersetzung dürfen solche Verhältnisse nicht hingenommen werden."

Bravo, ruft jemand aus dem Publikum und Güldner erhält im bis auf den letzten Platz besetzten Tagungssaal spontan Applaus. Die meisten der Anwesenden fühlen sich nach dem Reaktorunglück in Japan wie in Geiselhaft genommen und wollen das nicht länger hinnehmen. Was können wir dafür, dass in Japan verheerende Fehler gemacht wurden, so lässt sich die Stimmung zusammenfassen.

Die Ruinen des havarierten AKW Fukushima mit den Reaktoren eins (M) und zwei von der Seeseite aus, aufgenommen am 31.03.2011. (Foto: dpa)

Das Risiko eines gewaltigen Tsunamis war bekannt, heißt es bei der deutschen Atomlobby

Japan sei mit Deutschland nicht zu vergleichen, so lautet inzwischen ganz offiziell die Argumentationslinie der Atombranche. Auf der Tagung wird viel Zeit darauf verwendet, die technischen Abläufe in Fukushima zu analysieren mit dem Ziel, die Unterschiede zu den deutschen Kernkraftwerken herauszuarbeiten. Die Botschaft: Die Japaner haben schon beim Bau ihrer Anlagen Fehler gemacht, weil sie das Risiko eines Tsunamis nicht berücksichtigt hätten. Deutsche Kernkraftwerke hingegen seien sicher.

Ralf Güldner verkündet, der Bericht der Reaktorsicherheitskommission, den Bundesumweltminister Norbert Röttgen kurz vor Beginn der Jahrestagung Kerntechnik vorgestellt hat, sei zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. "Er hat gesagt, unsere Anlagen in Deutschland weisen alle miteinander ein deutlich höheres Sicherheitsniveau und größere Reserven gegenüber solchen Ereignissen auf als die betroffenen Anlagen in Japan", zitiert Güldner den Minister. Röttgen habe auch festgestellt, dass es aus sicherheitstechnischer Sicht keine Notwendigkeit gebe, Hals über Kopf aus der Kernenergie auszusteigen. "Ich denke, dass sollte uns für die nächsten Wochen Gestaltungsspielraum geben", sagt der Präsident des Deutschen Atomforums sichtlich zufrieden.

Das Heft wieder in die Hand bekommen

Politisch wieder Gehör finden, das ist das vordringliche Ziel, das die Atomlobby so schnell wie möglich erreichen will. Mitte Juni läuft das Moratorium der Bundesregierung aus, auf dessen Grundlage die sieben ältesten deutschen Atommeiler vorübergehend abgeschaltet sind. Unabhängig von der Frage, ob diese Meiler je wieder ans Netz gehen werden, geht es für die Atombranche darum, weitere Abschaltungen so lange wie möglich hinauszuzögern. Was die Bürger dazu sagen, das kümmert die meisten Teilnehmer der Jahrestagung wenig. Wenn es nach dem Willen der Bevölkerung ginge, so sagt es eine Mitarbeiterin eines großen Stromkonzerns, "dann säßen wir immer noch in der Steinzeit."

Autorin: Sabine Kinkartz

Redaktion: Henrik Böhme

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