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Alltagsdeutsch – Podcast

Radfahrer im Pulk

In deutschen Städten sind sie überall zu sehen, die Fahrradfahrer. Doch nicht immer werden sie als gleichberechtige Verkehrsteilnehmer wahrgenommen. Die Critical-Mass-Bewegung will das ändern.

Sprecher:
Mitten auf dem Dortmunder Friedensplatz im Stadtzentrum haben sich etwa achtzig Fahrradfahrer versammelt. Sie plaudern und warten, bis es losgeht. Wohin? Einfach ein bisschen durch die Innenstadt, heißt es. Niemand will das Treffen organisiert haben. Alle wissen von der Aktion durch Freunde, aus der Zeitung, von Flugblättern oder von einer Facebookseite. Niemand demonstriert offensichtlich für etwas, denn eine richtige Demonstration müsste ja auch von den Behörden genehmigt werden. In die Gruppe auf dem Friedensplatz kommt plötzlich Bewegung: Ein Polizist will die Veranstaltung verbieten. Es kommt zu Diskussionen. Jede Seite versucht, ihre Position deutlich zu machen:

O-Töne:
"[Polizist] Ihr könnt euch ungefähr vorstellen, ihr fahrt durch die Kreuzstraße – mit Gegenverkehr. Da kommt untergeordneter Verkehr aus der Seite raus, der biegt rechts ab und hat plötzlich diese Masse an Fahrrädern vor sich. Für euch, völlig klar: Tolle Sache, der hat euch auch gesehen. Ihr habt gezeigt, dass ihr dieses Recht heute für diese Stunde in Anspruch nehmt, um der Gemeinschaft zu zeigen: 'Wir wollen Radwege haben'. Jetzt ist die Masse entsprechend stark, um darauf hinzuweisen. Es ist eigentlich auch 'ne politische Aussage, die getroffen wird, aber die Rahmenbedingungen sind für euch im Einzelnen zu gefährlich. Deshalb können wir das nicht hinnehmen. / [Demonstrant] Heißt das, dass man sich nicht mehr zusammen treffen kann und mit 'm Fahrrad durch die Gegend fahren kann? / [Polizist] Doch, man kann! Gar nichts! Nichts gegen einzuwenden! Wenn man sich, wenn man sich an die Straßenverkehrsordnung hält! / [Demonstrant] Ja, das machen wir doch! / [Polizist] Nein, das macht ihr nicht. Das muss man klar sagen."

Sprecher:
Der Polizist zeigt Verständnis für das Vorhaben der Fahrradfahrer, dass sie in der Masse, mit ganz vielen Teilnehmern, die Politiker dazu bewegen wollen, mehr Radwege zu bauen. Allerdings müssten sie sich auch an die deutschen Verkehrsregeln, die Straßenverkehrsordnung, halten. Es könne nämlich zu einer gefährlichen Situation kommen, wenn zum Beispiel ein Autofahrer aus einer Straße, die untergeordnet, also keine Vorfahrtstraße ist, abbiege und sich achtzig Radfahrern gegenübersehe, die die ganze Straßenbreite einnehmen. In der Straßenverkehrsordnung steht nämlich, dass mehr als 15 Fahrradfahrer einen Verband bilden – das heißt, dass sie nebeneinander auf der Straße fahren dürfen. Diesen Paragraphen machen sich die Radfahrer zunutze. Ganz dicht nebeneinander fahren sie im Pulk durch die Straßen und zwingen so die Autofahrer zum langsamen Fahren oder sogar zum Anhalten. Sie handeln dabei nach amerikanischem Vorbild: 1992 fand die erste Critical-Mass-Aktion in San Francisco statt. Von dort aus hat sich die Bewegung in die ganze Welt ausgebreitet. In der ungarischen Hauptstadt Budapest legten 2008 rund 80.000 Radfahrer den Verkehr lahm. In Dortmund wollen sich die Teilnehmer den Polizisten nicht beugen. Mehr und mehr Leute beginnen, mit ihren Rädern um den Mittelpunkt des Platzes zu kreisen. Plötzlich schert jemand aus dem Kreis aus. Alle folgen ihm wie ein Tierrudel seinem Anführer. Allerdings entspricht es dem Prinzip der Massenaktion, keinen ständigen Leiter zu haben. Mal übernimmt der eine, mal die andere die Führung, wie dieser Radfahrer erklärt:

O-Ton:
"Warum es jetzt losgeht? Weil der Leiter vorneweg gefahren ist. Ich hab ihn jetzt nicht gesehen. Aber der, der vorne fährt, ist immer der Leiter dann. Da kann man sich abwechseln, wird auch so gehandhabt, glaub' ich."

Sprecher:
Mittlerweile beteiligen sich etwa 200 Radler jeder Altersklasse. Die meisten sind etwa zwanzig bis vierzig Jahre alt. Auch bei den Rädern zeigt sich eine große Vielfalt: Sie reicht von Drahteseln ohne Bremsen bis zum sehr teuren Rennrad. Ein paar Liegeräder und ein Tandem – ein Fahrrad für zwei Personen – sind auch dabei. Begleitet werden die Protestler von mehr oder weniger verärgerten Polizisten, die sich immer wieder per Megaphon zu Wort melden:

O-Ton:
"Ich hab' Sie vorhin aufgefordert, diese Veranstaltung heute nicht passieren zu lassen und ich hab' Sie aufgefordert, ganz normal nach der Straßenverkehrsordnung Fahrrad zu fahren. Das tun Sie nicht. Jede Personalie, die wir kriegen können, werden [wir] mit einer Ordnungswidrigkeitsanzeige [zur Anzeige] münden lassen. Danke!"

Sprecher:
Die Polizisten stellen klar, die Veranstaltung verlaufe nicht nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung. Sie dürfe nicht passieren, stattfinden. Ein paar Teilnehmer werden von der Polizei angehalten. Sie müssen ihre Personalien angeben wie den Namen und die Wohnanschrift. Diejenigen, die ihre Personalien angeben, müssen mit einer Anzeige wegen einer Ordnungswidrigkeit rechnen, einem geringfügigen Regelverstoß. Der Vorwurf: Die Radfahrer hätten den Verkehr behindert. Die Gruppe sieht sich jedoch im Recht und fährt geschlossen weiter. Sie beruft sich auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2010. Danach sind Fahrradfahrer nicht mehr verpflichtet, die Fahrradwege zu benutzen, sondern dürfen auch auf der Straße fahren. Fahrradfahren ist in Deutschland immer populärer geworden. Der Geschäftsführer eines Dortmunder Fahrradladens erklärt, warum:

O-Ton:
"Die Zeit war einfach günstig. Also, in dieser Gründungszeit war es so, dass immer mehr Leute, damals natürlich auch gepusht durch die Ökoszene, dass Leute eben sinnvolle Dinge tun wollten, gesundes Essen essen wollten und nicht Abgase in die Luft blasen wollten – es war schon so 'ne Hardcore-Ökoszene eigentlich. Das waren so unsere ursprünglichen Kunden. Die Ansprüche dieser Leute verlangten nach Rädern, die es so im Handel damals gar nicht gab. In der Folge gab es dann immer mehr qualitativ hochwertige Räder, in der Folge stieg auch die Nachfrage bei anderen Gruppen und so kommen wir dann heute zu dem Boom, wie wir ihn heute haben."

Sprecher:
In den 1970er bis 1980er Jahren entstand in Deutschland eine Umweltbewegung, die immer stärker wurde, sie entwickelte sich zu einem Boom. In dieser Gründungszeit der Ökoszene wurde auf den Schutz der Umwelt und auch der eigenen Gesundheit sehr geachtet. Die Striktesten von ihnen, die Hardcore-Ökoszene, verzichtete auf Autos, um keine Abgase in die Luft zu blasen. Es wurden nur noch sogenannte Bio-Produkte gekauft, die möglichst von Bauern aus Deutschland kommen sollten. Diese Szene pushte das ökologische Bewusstsein, sie trieb es voran. Der Geschäftsführer des Dortmunder Fahrradgeschäfts ist sicher, dass der Fahrrad-Boom anhalten wird. Denn die Lebenshaltungskosten und Treibstoffpreise steigen schließlich ständig. Die Critical-Mass-Gruppe kommt nach etwa anderthalb Stunden Fahrt mit etwas weniger Teilnehmern als zu Beginn wieder am Ausgangspunkt an. Nun muss noch geklärt werden, wer denn mit einer Ordnungswidrigkeitsanzeige rechnen muss:

O-Ton:
"Wer ist denn alles angezeigt worden? Alle mal die Hand hoch! / Wow! / Eins, zwei, der Grüne drei..."

Sprecher:
Schätzungsweise fünf Leute werden es sein. Für die Radfahrer ist das jedoch eher ein Grund, weiterzumachen als aufzugeben.

O-Ton:
"Ich finde, wir sollten das gleich morgen machen!"





Fragen zum Text

Die Critical-Mass-Bewegung entstand in …
1. Deutschland.
2. den USA.
3. Ungarn.

Verkehrsteilnehmer in Deutschland …
1. dürfen Polizisten nicht widersprechen.
2. fahren auf untergeordneten Straßen.
3. müssen sich an die Straßenverkehrsordnung halten.

Ein Verband besteht nach der Straßenverkehrsordnung aus … Personen.
1. mindestens sieben
2. mehr als 15
3. genau 15


Arbeitsauftrag
Ordne den folgenden Begriffen ihr jeweiliges Gegenteil zu:
Bußgeld – Massenbewegung – Ordnungswidrigkeit – pushen – Vorfahrtstraße – ökologisch – Pulk // untergeordnete Straße – konventionell angebaut – Regeltreue – verzögern – Belohnung – Einzelaktion – Einzelner


Autorinnen: Sola Hülsewig; Beatrice Warken
Redaktion: Ingo Pickel

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