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Deutschland

Radfahren auf der Autobahn

Wer mit seinem Auto im Stau steht, weiß: Das kostet Zeit, Nerven und Geld. Politiker und Verkehrsplaner wollen daher Radschnellwege anlegen lassen. Das Ziel der Behörden: Mehr Berufspendler sollen umsteigen.

Hand an Fahrradgriff neben einem Auto (Foto: DW)

Fahrradfahrer und Auto

Bettina Cibulski tut es. Sie fährt täglich mit dem Rad ins Büro. "Fünf Kilometer - einfache Strecke, aber ich würde auch einen längeren Weg mit dem Rad zurücklegen", sagt die Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).

Bettina Cibulski, Pressesprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs e.V. (ADFC) . (Foto: privat)

ADFC-Sprecherin Bettina Cibulski

In jedem Fall gehört sie damit zu einer Minderheit. Denn nur jeder zehnte Berufspendler zieht nach Angaben des ADFC das Fahrrad dem Auto oder Bus und Bahn vor. Doch es sollen mehr werden. Würde jede zweite Fahrt unter fünf Kilometern mit dem Fahrrad statt mit dem Auto gemacht werden, ließen sich fast sechs Millionen Tonnen schädliches Kohlendioxid einsparen, gut vier Prozent der Emissionen im Alltagsverkehr. Das geht aus einer Studie hervor, die im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums durchgeführt wurde.

Die erste Zweirad-Autobahn Deutschlands

Fahrradfahrer (Foto: DW)

Der tägliche Wahnsinn: Radfahrer rasen durch die Straßen

Schneller sind die Radfahrer vielfach heute schon, denn während Autofahrer auf dem Weg zur Arbeitsstelle den täglichen Stau fest einplanen müssen, schlängeln sich ihre Kollegen auf zwei Rädern durch den Asphaltdschungel an den stehenden Fahrzeugen vorbei. Glücklich kann sich schätzen, wer auf einem gut ausgebauten Radweg die Natur genießen kann und gut erholt am Ziel ankommt. So wie Bettina Cibulski. "Bei uns in Bremen fahren sehr viele Berufstätige Rad, daher haben die Politiker und Behörden reagiert und ausreichend Wege für Radfahrer angelegt."

Die rot-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen (NRW) will nun einen Schritt weiter gehen und zur Entlastung der Straßen Radschnellwege bauen lassen. Mitten durch die Großstädte im Ruhrgebiet wie Duisburg, Mülheim an der Ruhr, Essen, Gelsenkirchen, Bochum, Dortmund und Hamm soll Deutschlands erste "Fahrradautobahn" auf einer Länge von 85 Kilometern entstehen. Aber auch in anderen Gebieten mit hohem Verkehrsaufkommen wie den Regionen Köln und Düsseldorf und um die heimliche deutsche Fahrradhauptstadt Münster soll das Radwegenetz entsprechend erweitert werden.

Sozialdemokraten und Grüne in NRW wollen Pendler animieren, auch längere Strecken mit dem Rad zurückzulegen. Dafür sollen die Radler auf vier bis fünf Meter breiten Fahrbahnen, für jede Richtung getrennt, vorwärtskommen, ohne an vielen Kreuzungen und Ampeln halten zu müssen. Geplant sind flache Streckenprofile, eine durchgängige Beleuchtung und Servicestationen am Weg zum Unterstellen, Luftaufpumpen und mit Orientierungsschildern.

Radweg bei Monschau/Eifel auf einer ehemaligen Eisenbahntrasse (Foto: Karin Jäger/DW)

Radeln auf einer Bahntrasse bei Monschau in der Eifel

Angebot für zwei Millionen Pendler

Zwischen Duisburg und Essen soll die Trasse der stillgelegten Rheinischen Bahn asphaltiert werden. Die Bauarbeiten haben schon begonnen. Ein Abschnitt zwischen der Universität in Essen und der Stadtgrenze zu Mülheim an der Ruhr ist bereits fertig. "Grundsätzlich ist das super, weil im Ruhrgebiet zwei Millionen Menschen täglich aufs Rad umsteigen könnten, um zur Arbeit zu gelangen. Hier liegt ein Riesenpotential, wenn die Pendler dann ungestört fahren können", ist ADFC-Sprecherin Bettina Cibulski optimistisch: "Besonders E-Bikes sind eine attraktive Alternative, schnell voranzukommen, ohne stark zu schwitzen." Die Räder mit Elektromotor erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Viele Menschen, die sich vor dem Abstrampeln scheuen, investieren in solch ein Vehikel. Nach Angaben des Interessensverbandes ADFC gibt es eine Million E-Bikes in Deutschland. "In den kommenden Jahren wird sich die Zahl auf Deutschlands Straßen verdreifachen", glaubt Bettina Cibulski.

Skepsis bei den E-Bikes

Verkehrsforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen hat Vorbehalte, was E-Bikes betrifft. "Die Räder können doch mal 40 bis 45 Kilometer pro Stunde schnell werden, hier sehe ich eine Gefahr."

Verkehrsforscher Prof. Michael Schreckenberg (Foto: Schreckenberg)

Verkehrsforscher Michael Schreckenberg

Außerdem erreichten die Zweiradfahrer auf einem Fahrradschnellweg irgendwann wieder Schnittpunkte, wo sie auf die anderen Verkehrsteilnehmer treffen. Hier reagierten Radler oft rücksichtslos, führen bei Rot über Ampeln, telefonierten während der Fahrt und dürften sogar mit 1,5 Promille Alkohol im Blut noch lenken. Polizeikontrollen für Radfahrer fänden auf Grund von Personalmangel nur sporadisch statt. Verkehrssünden auf zwei Rädern würden kaum geahndet und die Täter weniger hart bestraft, sagt Schreckenberg.

Die Pläne, mehr Berufstätige zum Radfahren zu animieren, betrachtet er mit Skepsis: "Das Radfahren ist doch sehr wetterabhängig. Im Winter kann ich nicht einfach im Anzug durch Regen, Schnee oder Glatteis fahren."

Fahrradfahrer zwischen Auto und Lastwagen (Foto: DW)

"Eingeklemmt" zwischen Autos und Bussen - zwischen Radfahrern und Autofahrern kracht es öfters im Straßenverkehr

Noch ein weiter Weg

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ist fest entschlossen, den Radverkehr zu steigern. In seinem Radverkehrsplan 2020 kündigte er jedoch gleichzeitig an, die Mittel für den Ausbau von Radwegen an Bundesfernstraßen um die Hälfte auf 50 Millionen Euro (2013) zu kürzen. Für den Radschnellweg an der Ruhr sollen die Nachbarstädte und Kommunen die geschätzten 100 Millionen Euro für die Kosten tragen. Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) hat allerdings Vorbehalte, weil er schätzt, sich anteilig mit 37 Millionen Euro aus der Stadtkasse beteiligen zu müssen.

Fest steht jetzt schon: Die Planungen sind erst am Anfang, und der Ausbau wird bis 2020 dauern, da die Behörden die Machbarkeit erst prüfen. Vielleicht werden sich einige Politiker bis dahin gegen den Radschnellwegbau entscheiden. Verkehrsforscher Michael Schreckenberg sieht mit Blick auf den demografischen Wandel gar keinen Bedarf an solch einem Projekt: "Die Bevölkerung nimmt drastisch ab. Wir werden viel älter. Der Verkehr wird deutlich rückläufig sein." Da sich die Leute eher in der Freizeit bewegten, könnten sie flexibler planen. Daher sei mit weniger Staus zu rechnen.

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