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Kultur

Raden Saleh – der Maestro kehrt heim

Die Deutschen feierten Saleh als "malenden Prinzen aus dem Orient". Die Indonesier verweigerten dem Gründer ihrer modernen Malerei lange die Anerkennung. 2012 wurden Salehs Werke erstmals in seiner Heimat ausgestellt.

Heimgekehrt – die Ausstellung findet im Nationalmuseum von Jakarta statt: Es ist die erste Gesamtschau von Salehs Werken; alle Gemälde und Zeichnungen hängen auch sonst in Indonesien, nur eben an vielen verschiedenen, teils privaten Orten. 09.06.2012, Jakarta, Indonesien, Copyright: Monika Griebeler

Raden Saleh in Jakarta

Ein dunkelhäutiger Mann mit weißem Diener. Nein, so etwas Unerhörtes hatte die französische Gesellschaft im Paris der 1850er Jahre noch nicht erlebt – dabei war die schon einiges gewohnt. Doch Raden Saleh brachte ihre Welt, ihr Konzept von kolonialem Herrscher und untergebenem Subjekt, durcheinander. Ein kleiner Triumph.

Selbstporträt von Raden Saleh (Foto: DW)

Selbstporträt von Raden Saleh (1811-1880)

Saleh, adliger Indonesier und talentierter Maler, ist einer der ersten bekannten Grenzgänger zwischen den Welten. "Saleh ist einer der großen Modernisierer der indonesischen Gesellschaft – zugleich brachte er den Orientalismus nach Deutschland", sagt Saleh-Experte Werner Kraus.

Der "schwarze Prinz" von Dresden

1811 geboren, reist Saleh mit 18 Jahren nach Europa. Hier studiert er als erster Nicht-Europäer Kunst – und bleibt. Mehr als 20 Jahre lang lebt er in Amsterdam, Paris, Dresden. Die Zeit in Deutschland ist dabei die schönste: "In den Niederlanden wurde er als brauner Mensch aus den Kolonien gesehen, der nicht so richtig ernst genommen werden dufte", erzählt Kraus.

Das kolonienlose Kleinstaaten-Deutschland empfängt Saleh dagegen mit offenen Armen: "Er kam an den königlichen Hof und wurde durch alle Salons gereicht. In der Gegend um Dresden war er als der 'schwarze Prinz' bekannt und beliebt." Und seine Kunst verkauft sich zu Höchstpreisen.

Kritik am Kolonialismus

"Saleh war Kosmopolit, der sich die Stile aussuchte, die ihm gefielen", sagt John Clarke, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Sydney. In seinen Bildern mischte Saleh Romantizismus mit Orientalismus; er malte Portraits, Landschaften, Kampf- und Jagdszenen und verkehrte dabei das Motiv oft allegorisch ins Gegenteil.

"Wenn zum Beispiel Tiere miteinander kämpfen, ein Löwe ein edles Pferd anfällt, dann geht es um die Beziehung zum Kolonialherren Holland", erklärt Clarke. "Zivilisation gegen Barbarei – und es ist bei Weitem nicht gesagt, dass die Holländer die Zivilisierten sind."

Bild von Raden Saleh Foto: DW

Neu trifft alt – Saleh gilt als Vater der modernen indonesischen Malerei.

Salehs bekanntestes Werk, "Die Gefangennahme des javanischen Prinzen Diponegoro", ist Zeugnis des javanischen Nationalismus: Diponegoro führte die Rebellion der Javaner gegen die niederländischen Herrscher. Die Köpfe der Holländer sind unproportional groß gemalt – Salehs Ausdruck für die Arroganz der Kolonialherren.

In Indonesien eher unbekannt

Bis heute gilt Saleh als Begründer der modernen indonesischen Malerei. Doch erst Mitte 2012 werden seine Werke in der Heimat ausgestellt, auf deutsche Initiative hin. In Indonesien ist Salehs Name zwar bekannt – doch eher als Bezeichnung von Straßen oder Plätzen.

"Der breitere, gebildete Mittelstand kennt ihn schon nicht mehr", sagt Franz Xaver Augustin, Leiter des Goethe-Instituts Jakarta und Mitorganisator der Ausstellung "Raden Saleh und der Beginn der modernen indonesischen Malerei". Ein Grund: "Im Zuge der Entkolonialisierung wurde alles, was mit Holland zu tun hatte, abgelehnt", so Augustin. "Selbst wenn jemand, wie Raden Saleh, das Verhältnis kritisch reflektiert hat, schwebte über ihm immer ein Hauch von Verrat."

Rund 40 Gemälde sind jetzt in der Nationalgalerie in Jakarta zu sehen, alle aus privaten oder öffentlichen Sammlungen im Land. Mehr als 10.000 Menschen kamen, um die Bilder zu sehen - und machten die Schau zu einer der meistbesuchten Kunst-Ausstellungen in Indonesien.

Später Ruhm für Saleh

Und doch passt es zur Entwicklung in den vergangenen Jahren: Die nationale Kunstszene hat "ihren" Saleh wiederentdeckt. "Im Zuge des wachsenden Nationalismus ist auch seine Bedeutung auf dem indonesienschen Kunstmarkt unglaublich gestiegen", sagt Ausstellungskurator Werner Kraus. Die indonesische Kunsthistorikerin Farah Wardani berichtet, dass private Sammler den Besitz eines Gemäldes oft als Statussymbol betrachten – und deshalb gern auch mal ein Vermögen ausgeben.

So etwa für das 1842 in Dresden entstandene Gemälde "In letzter Not". Jahrzehntelang hatte die Jagdszene unbehelligt im Konferenzraum einer Firma im Ruhrgebiet gehangen. 2011 dann ersteigerte ein indonesischer Bieter das Bild für 1,6 Millionen Euro. "Die Preise, die da gezahlt werden – für Bilder aus dem 19. Jahrhundert –, sind für uns überhaupt nicht mehr nachvollziehbar", urteilt Kraus.

Opfer des kulturellen Rassismus

Bilder von Raden Saleh Foto: DW

Der Löwe ist ein beliebtes Motiv bei Raden Saleh – und bei den Besuchern

1852 kehrt Saleh nach Indonesien zurück, zu groß ist das Heimweh. "Bei seiner Rückkehr hatte er ein großes Projekt: So wie in Europa will ich auch in dieser kolonialen Gesellschaft respektiert werden", sagt Kraus. Doch die Herrscher beäugen ihn und seinen transkulturellen Lebensstil mit Ablehnung. 1869 wird er sogar verhaftet, weil er angeblich einen Bauernaufstand angeführt haben soll. Die Behauptung erweist sich zwar schnell als haltlos – doch Saleh zerbricht an der Schmach, der fehlenden Akzeptanz.

Saleh selbst beschrieb sein Dasein in einem Satz wie gemalt: "Zwei Pole, einander entgegengesetzt und doch beide hell und freundlich, üben auf meine Seele einen mächtigen Zauber aus." Er kam als Javaner nach Europa und ging als Deutscher zurück nach Indonesien. Dieser Spagat wurde Saleh letztlich zum Verhängnis – und war doch Beitrag zum kulturellen Reichtum des modernen Indonesien.