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Alltagsdeutsch – Podcast

Rabeneltern

Ihnen wird nachgesagt, dass sie sich wenig um ihre Kinder kümmern: Rabenmütter und Rabenväter. Aber stimmt das wirklich? Und woher kommt dieses angebliche Verhalten? Sind Raben wirklich Rabeneltern?

Audio anhören 07:06

Rabeneltern – die Folge als MP3

Der Rabe gehört zu den Singvögeln und das, obwohl seine Rufe doch ziemlich heiser und krächzend sind. Sein Name ist ursprünglich eine lautmalerische Nachbildung seines nicht gerade stimmgewaltigen Schreiens. Der Rabe hat einen starken Schnabel und in der Regel ein schwarzes Gefieder. Rund hundert verschiedene Arten gibt es auf der Welt. Was die Aufzucht ihrer Jungvögel, ihrer Brut, anbetrifft, unterstellt man den Raben eine lieblose, zuweilen auch brutale Pflege. Lange Zeit war die Vorstellung verbreitet, dass sie, wenn sie nicht genug Futter herbeischaffen können, einige Jungvögel aus dem Nest werfen. Besonders den Rabenweibchen sagt man zudem nach, Einzelgängerinnen zu sein. Anstatt sich aufopferungsvoll um die Brut zu kümmern, treiben sie sich angeblich lieber allein herum. Hans-Dieter Ilgner, Kunstlehrer in Bonn und Leiter des Kleintheaters „Die Raben“, macht deutlich, dass dem nicht so ist:

„Ja, das ist eine Lüge. Das ist die schlichte Unwahrheit, weil die eine ganz tolle Brutpflege auch haben. Es gibt natürlich die Rabenväter, Rabenmütter, Rabeneltern, das Schwarze, das Dunkle.“

Sowohl männliche als auch weibliche Raben kümmern sich sehr gut um die Jungvögel. Begriffe wie Rabenvater, Rabenmutter oder Rabeneltern für diejenigen, die sich nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern, stimmen also im Bezug auf Raben nicht. Das schlechte Bild, das Raben haben, reicht weit zurück in die Kulturgeschichte. Schon im Talmud, der Sammlung der Texte und religiösen Überlieferungen des Judentums, ist die Rede von der Lieblosigkeit der Raben. Auch in der Bibel werden hungrige, von ihren Eltern verstoßene Rabenjungen erwähnt. Im 38. Kapitel des Alten Testaments heißt es in Vers 41 in der Rede Gottes zum frommen Mann Hiob:

„Wer bereitet dem Raben seine Nahrung, wenn seine Jungen schreien zu Gott und umherirren ohne Futter?“

Bibeldeuter, zu denen auch Martin Luther gehörte, zogen daraus den Schluss, schon im Alten Testament sei beschrieben, dass Raben ihre Jungen vernachlässigen würden. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts findet sich der stets negativ gemeinte Begriff der Rabeneltern dann auch in Erziehungsratgebern wieder. Dabei sieht das Familienleben der Raben ganz anders aus: Kolkraben beispielsweise leben nicht nur lebenslang zusammen. Sie kümmern sich geradezu fürsorglich um ihre Brut. Das Rabenweibchen wärmt sie in den ersten beiden Lebenswochen ununterbrochen und frisst erst, wenn sie sie versorgt hat. Dieses Verhalten stimmt nicht mit dem Bild der menschlichen Rabenmutter überein, die ihre Kinder vernachlässigt, die arbeiten geht und die die Kinder möglichst schnell aus dem Haus haben will. Nach Ansicht von Michael Wagner, Professor für Familiensoziologie an der Universität Köln, ist in der modernen Zeit eher das Gegenteil der Fall:

„‚Rabenmütter‘ – wenn man mal in der Vogelsprache bleibt – wären eigentlich Mütter, die ihr Kind relativ früh aus dem Nest werfen, sobald es flügge geworden ist. Wenn ich das mal übertrage jetzt auf die Familie: Wenn diese ‚Rabenkinder‘ relativ früh aus dem Nest geworfen werden, dann würde das eigentlich bedeuten, dass es Mütter gibt, die ihre Kinder möglichst früh drängen, auszuziehen und ‘n eigenen Haushalt zu gründen. Das ist überhaupt nicht der Fall. Im Gegenteil: Nesthocker sind gegenwärtig weiter verbreitet, als es früher der Fall war.“

Michael Wagner stellt fest, dass es heutzutage in deutschen Familien viele Nesthocker gibt. Das Vogelnest ist eine sehr alte Metapher für die Familie und ihr Heim. Der Begriff „Nesthocker“ hat dagegen eine negative Bedeutung: Menschliche Nesthocker bleiben möglichst lange im elterlichen Haus und lassen sich verwöhnen. Obwohl sie manchmal schon fast erwachsen sind, werden sie nicht flügge. Sie verlassen nicht das Haus, um, einen eigenen Haushalt zu gründen, also selbstständig zu leben. Auch bei Raben gibt es wahre Nesthocker. Erst wenn sich die Jungvögel selbstständig ernähren können, trennen die Eltern sich von ihnen. Das negative Bild von Rabeneltern stimmt also nicht ganz. Familiensoziologe Michael Wagner schränkt aber ein:

„Man kann aber auch nicht sagen, dass jetzt in allen deutschen Familien nun hier Nestwärme vorhanden ist und es allen Kindern in den Familien gut geht. Also es gibt eine ganze Reihe von Familien, in denen das Verhältnis zwischen den Eltern und den Kindern auch gestört ist oder eben nicht vertrauensvoll ist. Oder auch, wo die Eltern die Kinder vernachlässigen, zum Teil auch vernachlässigen müssen. Gerade auch alleinerziehende Mütter haben‘s häufig ökonomisch schwer.“

Laut Michael Wagner gibt es in Deutschland auch viele Familien, in denen Kinder vernachlässigt werden, weil keine Nestwärme existiert. Wer keine oder zu wenig Nestwärme erfährt, bekommt zu wenig Liebe und Zuwendung der Eltern. Das kann dazu führen, dass sich Eltern und Kinder nicht gut verstehen, ein gestörtes Verhältnis haben. Aber auch Väter und Mütter, die aus finanziellen Gründen arbeiten müssen, werden als „Rabeneltern“ bezeichnet, weil sie wenig Zeit für ihre Kinder haben. Besonders betroffen davon sind, so der Familiensoziologe, alleinerziehende Mütter. Sie haben weniger Geld zur Verfügung als Paare. Sie haben es ökonomisch schwer. Das Fazit: Raben sind im Familienverhalten sehr viel besser als ihr Ruf. Im Verhalten zu anderen Vögeln sind sie nicht gerade vorbildlich: Sie sollen beispielsweise die Nester kleinerer Singvögel plündern. Vielleicht gibt es also doch Raben, denen der schlechte Ruf dieser Vogelart gerecht wird – wie es sicher auch menschliche Rabenmütter, Rabenväter oder Rabeneltern gibt.




Arbeitsauftrag
Das Institut für Demoskopie Allensbach hat im Jahr 2015 im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Frauen und Jugend eine Vergleichsumfrage zu den Familienbildern in Deutschland und Frankreich veröffentlicht: http://bit.ly/1ANOIkC. Bearbeitet in eurer Lerngruppe die Seiten 30 bis 40. Erstellt eine Zusammenfassung und beantwortet vorab die Frage, warum gerade diese beiden Länder miteinander verglichen werden.

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