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Kultur

Rabbiner für Menschenrechte

Als "Stimme des Gewissens" setzen sich die "Rabbiner für Menschenrechte" für Palästinenser in Israel ein. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte: Ost-Jerusalem. Dort werden immer mehr Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben.

Ruine eines Hauses in Silwan, dass die Stadtverwaltung niederreissen ließ. Im Hintergrund der Stadtteil (Foto: DW/ Daniel Pelz)

Im arabischen Viertel

Rabbi Yehiel Grenimann steuert seinen Wagen durch die Straßen von Jerusalem. "Wir sind auf unseren Weg nach Silwan, das ist eines der großen arabischen Viertel in Jerusalem. Hier helfen wir Menschen, die von einer Zwangsräumung bedroht sind, deren Häuser abgerissen werden sollen", sagt er. Für den untersetzten Mann Mitte 50 mit dem weißen Bart ist das kein ungewöhnliches Ziel. Für viele seiner Landesleute schon. "Außer Militär und Sicherheitsdienst fährt sonst eigentlich kaum ein Israeli hier hin", sagt er.

Blick auf Silwan (Foto: DW/ Daniel Pelz)

Blick auf Silwan in Ost-Jerusalem

Am Rand des Viertels stellt der Rabbi seinen Wagen ab. Zielstrebig geht Yehiel Grenimann einen engen Fußweg entlang. Links und rechts hohe weiße Mauern, voll mit Graffiti. Silwan liegt im Osten Jerusalems – bis 1967 stand das Gebiet unter jordanischer Verwaltung. Dann eroberte die israelische Armee Ostjerusalem. Heute leben rund 50.000 Menschen hier – überwiegend Palästinenser und einige wenige jüdische Siedler. Die Arbeitslosigkeit liegt geschätzt bei mehr als 70 Prozent. Silwan wächst: Längst bedecken die kleinen, quadratischen Häuser nicht mehr nur die Talsenke, sondern schmiegen sich auch an den gegenüberliegenden Hang.

"Ein furchtbarer Tag"

Vor der Ruine eines Wohnhauses bleibt Rabbi Grenimann stehen. Aus den Betonfundamenten ragen Stahlträger heraus. Auf dem Boden liegen kleine Steine, ein paar Holzbretter, ein Teil einer Matratze. Die Stadtverwaltung hat das Haus abreißen lassen. "Ich stand da hinter der Mauer zusammen mit einigen Journalisten und habe Fotos gemacht. Auf den Dächern da drüben lagen Polizisten und Soldaten, und hier unten waren Polizisten auf Pferden und mit Bulldozern", erinnert sich Rabbi Grenimann. "Ich habe selber die Stadtverwaltung angerufen, aber auch das hat sie nicht abgehalten, das Haus niederzureißen.

Rabbi Yehiel Grenimann und Fakhri Abu Diab (Foto: DW/ Daniel Pelz)

Rabbi Yehiel Grenimann und Fakhri Abu Diab

Danach brach die Gewalt los, Steine flogen, Tränengas, Schüsse, es war ein schlimmer Tag". Während er erzählt, wird seine Stimme leiser.

Rabbi Grenimann klopft an die Tür des Nachbarhauses. Fakhri Abu Diab öffnet. Er ist ein untersetzter Mann Ende vierzig in heller Stoffhose und Hemd. Mit seinen grauen Haaren sieht er zehn Jahre älter aus. Denn Fakhri Abu Diab befürchtet, dass auch sein Haus bald abgerissen werden könnte.

Eine entsprechende Ankündigung hat die Stadtverwaltung von Jerusalem ihm bereits geschickt – obwohl die Familie von Fakhri Abu Diab hier schon in dritter Generation lebt. Insgesamt 22 Häuser sollen einem archäologischen Park für Touristen weichen. Aus Sicht der Verwaltung ist das legal – die Palästinenser besitzen keine Genehmigung für die Häuser.

Dialog ist schwierig

Drei Jahre lang hat Fakhri Abu Diab versucht, eine Baugenehmigung für sein Haus zu bekommen. Aber die Stadt habe immer wieder neue Ausreden gefunden, ihm keine zu geben. Fakhri Abu Diab ist ein Beispiel unter vielen. Entsprechend stark ist die anti-israelische Stimmung in Silwan.

Graffiti im Stadtteil Silwan in Ost-Jerusalem/ Darstellung: Tränen aus Blut, die aus der Kuppel des Felsendoms rinnen (Foto: DW/ Daniel Pelz)

Graffiti in Silwan

"Viele Jugendliche wollen nicht, dass ich mit den Israelis rede. Sie sagen 'Das sind doch die, die unsere Häuser kaputt machen.' Sie wissen nicht, dass nicht alle Juden so sind wie die von der Polizei und der Stadtverwaltung", erzählt er resigniert. Die Stimmung besorgt ihn. "Ich frage mich, was unsere jungen Leute in zehn Jahren tun werden. Denn solch eine Stimmung macht Menschen schnell radikal."

Rabbi Grenimann hat sich auf das Sofa neben Fakhri gesetzt. Er kommt oft zu ihm. Gemeinsam mit Fakhri Abu Diab und anderen Bewohnern Silwans engagiert sich Grenimann gegen die Vertreibung der Palästinenser: Regelmäßig demonstrieren sie gegen die Räumungen. Für einige Betroffene bezahlt die Gruppe Anwälte, damit die vor Gericht klagen können. Es ist dieses Engagement der Rabbiner, das Fakhri Abu Diab zu schätzen weiß.

Religion als Verpflichtung zum Dialog

Rabbi Grenimann ist wieder unterwegs. Zurück ins Büro. Es gibt weitere Aktionen zu planen. Lange Arbeitstage sind für ihn nicht selten, Erfolge erlebt er allerdings nicht oft. Doch ans Aufgeben denken er und die anderen von den "Rabbinern für die Menschenrechte" nicht. Er hält den Einsatz für die Rechte der Palästinenser schlicht für seine religiöse Pflicht. Die "Rabiner für Menschenrechte" sind eine religiöse Gruppe: "Unser heiliges Buch, die Thora sagt, dass man sich für Gerechtigkeit einsetzen muss, dass Gerechtigkeit herrschen soll". Für ihn ist das keine bloße Theologie, sondern Aufruf zum Engagement. "Deshalb finden wir es ungerecht, wenn Menschen vor dem Gesetz nicht gleich sind, wenn Menschen nicht die gleichen Rechte haben. Und es widerspricht den Lehren der Thora", sagt Grenimann.

Autor: Daniel Pelz
Redaktion: Klaus Gehrke