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Politik

Rückschlag für Indiens Säkularismus

Schon immer wurden in Indien religiöse Gefühle politisch instrumentalisiert. Auch nach den Anschlägen von Bombay ist zu befürchten, dass die Attentate zur Stimmungsmache benutzt werden. Friedemann Schlender erläutert.

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Aufräumen in Bombay nach den zwei Bomben-Anschlägen

52 Todesopfer forderte der "blutige Montag" in Bombay bislang. Es gibt weder Hinweise noch Bekennerschreiben, die vermuten lassen, welchem Lager die Attentäter zuzurechnen sind. Die Ziele der mörderischen Anschläge, das von Touristen aus aller Welt besuchte "Gateway of India" sowie ein Wohngebiet in der Nähe eines Hindu-Tempels, geben lediglich Anlass zu Spekulationen. Die endlose Geschichte der Bombenanschläge und brutalen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen ethnisch-religiösen Gruppen lässt aber befürchten, dass auch beim jüngsten Anschlag religiöse Motive - vermischt mit politischem Gewaltanspruch - im Spiel waren.

Ähnliche Ereignisse in der Vergangenheit

Den Nährboden für die Welle der Gewalt der vergangenen Jahre bilden vor allem zwei Ereignisse. Erstens: die Zerstörung der Babri-Moschee vor elf Jahren. Mehr als 2.000 Menschen mussten sterben, weil fanatische Hindus mit äußerster Brutalität vorgingen, um den vermeintlich heiligen Ort der Hindus, Ayodhya, von dem muslimischen Bauwerk zu "säubern". Und das zweite Ereignis: 2002 wurden mehr als 2.000 Menschen, vor allem Muslime, im Bundesstaat Gujarat auf brutale Weise getötet - weil sie beschuldigt wurden, einen Brandanschlag auf einen Zug mit Hindu-Pilgern verübt zu haben.

Missbrauch der Vielfalt

Da politische Parteien in Indien unter Missbrauch religiöser Gefühle erfolgreich auf Stimmenfang gehen können, besteht wenig Hoffnung, dass die Politik als regulierendes Element dieser Spirale der Gewalt Einhalt gebieten kann. Die zu Zeiten des ersten indischen Premiers Nehru gepriesene und immer wieder beschworene "Einheit in der Vielfalt" scheint sich nun zunehmend ins Gegenteil zu kehren. Die faszinierende ethnische und religiöse Vielfalt des Lebens in Indien - in der Vergangenheit als markantes Wesensmerkmal des Landes verstanden - droht vielmehr zur politischen Belastung zu werden.

Lehren und Lernen aus der Vergangenheit

Helfen könnte vor allem ein Verhaltenskodex der politischen Parteien, die auf zentraler und regionaler Ebene Verantwortung tragen. Notwendig wäre vor allem eine Rückbesinnung auf das säkulare Prinzip der Staatsführung, das sich Indien in der Zeit der Staatsgründung auf die Fahnen schrieb. Das indische Prinzip des Säkularismus - Achtung des anderen ungeachtet seiner religiösen Herkunft - hat sich millionenfach in der nachbarlichen Gemeinschaft der Menschen bewährt. Es ist Aufgabe der politischen Kräfte, dieses Prinzip zu erhalten und den Geist der gegenseitigen Achtung der Religionsgemeinschaften zu stärken. Der "blutige Montag" in Bombay ist für solche notwendigen Bemühungen ein weiterer herber Rückschlag.

Anschläge mit Folgen

Schon jetzt sind zumindest drei für das Land verheerende Folgen absehbar. Erstens: Der Tourismus, eine wichtige Einnahmequelle, wird weiteren Schaden erleiden. Zweitens: Die gegenwärtige Sicherheitslage wirkt nicht gerade einladend für ausländische Investoren. Indien hat zwar seine Aktivitäten auf den ausländischen Märkten verstärkt, ist aber nach wie vor am Kapitalfluss in das Land interessiert, um die Infrastruktur zu verbessern. Und drittens: Obwohl es bisher dafür keine sichtbaren Anzeichen gibt, ist zu befürchten, dass nach den Anschlägen von Bombay auch der schleppend in Gang gekommene Prozess der Wiederannäherung an den Nachbarn Pakistan Schaden erleiden könnte.

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