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Wissen & Umwelt

Rückschlag für Afrikas Artenschutz

Was haben Ebola und Terrorismus mit Schildkröten zu tun? An der kenianischen Küste viel. Denn dadurch sind die Touristenzahlen stark zurückgegangen. Das wirkt sich auch auf den Artenschutz aus.

Weiße Sandstrände, türkises Wasser, exotische Tiere: Die kenianische Küste am Indischen Ozean war einmal eines der Hauptreiseziele für Touristen in der Region. Die Besucher kamen wegen der lokalen Küche, der Natur - oder einfach nur, um an einem der ruhigen, langgestreckten Sandstrände unter Palmen zu relaxen.

Karettschildkröte wurde gerade aus einem Fischernetz befreit (Foto: Local Ocean Trust).

Für diese Karettschildkröte beginnt ein neues Leben: Sie wurde gerade aus einem Fischernetz befreit

Und diese Strände sind nicht nur ein Paradies für Touristen, sondern auch Schildkröten: Fünf der sieben weltweit verbreiteten Arten von Meeresschildkröten gibt es in Kenia. Jede von ihnen ist entweder als "bedroht" oder "kritisch bedroht" eingestuft worden. An vielen Orten der Küste werden sie aber von lokalen Initiativen geschützt.

Besonders das Dorf Watamu, rund 100 Kilometer nördlich von Mombasa, ist bekannt als Nistort für die Grüne Meeresschildkröte. Das Schildkrötenschutzprojekt Local Ocean Trust ist hier schon seit 1997 aktiv: Die 19 Angestellten überwachen Nester mit Schildkröteneiern am Strand, retten Tiere, die sich in Fischernetzen verfangen haben, und klären Einheimische über die Bedeutung der Schildkröten auf. Sie werden von verschiedenen Organisationen finanziell unterstützt, aber ein Teil ihrer Einnahmen kommt von Touristen - entweder von Tagestouristen, die das Schildkrötenzentrum besuchen, oder von sogenannten Öko-Besuchern, die für einige Wochen im Schutzprogramm mitarbeiten. Sie alle bringen Geld mit.

Tourismus in der Krise

Im letzten Jahr ist der Tourismus an der Küste allerdings stark eingebrochen. Was wiederum bedeutet: Auch das Leben für Artenschutzprojekte ist sehr viel härter geworden.

Somalia Soldaten (Foto: AP).

Kenianische Soldaten wollen die Sicherheitsgefährdung durch Al-Shabaab-Milizen eindämmen

Der Grund für die Tourismus-Krise: Die Angst vor Ebola und Al-Shabaab-Milizen. Die Ebola-Epidemie, die im März 2014 in Westafrika anfing, und bis zum jetzigen Zeitpunkt um die 10.000 Menschen das Leben kostete, veranlasste viele Touristen dazu, ihre Reisepläne umzuwerfen - und auch Ostafrika zu meiden. Daneben hat sich die Terrorgruppe Al-Shabaab verantwortlich erklärt für das das Massaker in der Westgate Mall in Nairobi im Jahr 2013, bei dem über 60 Menschen starben. Und in 2014 setzten sie ihre Anschläge fort, hauptsächlich an der kenianisch-somalischen Grenze.

Offizielle Reisewarnungen verschiedener Regierungen waren die Folge, der Ruf Kenias litt - mit Auswirkungen auf den Tourismus. Susanne Stünckel, Pressesprecherin des Reiseanbieters TUI, sagte der DW: "Seit Beginn der Anschläge haben wir klare Buchungsrückgänge in Kenia zu verzeichnen. Im Gegenzug haben die Buchungen für das benachbarte Tansania um 20 Prozent zugenommen."

In der Gegend um Watamu, an der kenianischen Küste, gibt es keine Anzeichen von Al-Shabaab oder Ebola selbst, aber die Angst macht sich bemerkbar. Eine Auslastungsrate von 10 bis 20 Prozent bei Hotels sei keine Seltenheit, erzählt ein Hotelbesitzer. Und einer der örtlichen Tauchschulbesitzer erklärt, es sei eigentlich kostengünstiger, die Tauchschule vorübergehend zu schließen, statt sie weiterlaufen zu lassen.

Öko-Besucher bringen eine Grüne Meeresschildkröte zurück ans Meer (Foto: Kenia Local Ocean Trust).

Erfolgreich aufgepäppelt: "Öko-Besucher" bringen eine Grüne Meeresschildkröte zurück ans Meer

Ohne Touristen keine Schildkröten?

Auch der Local Ocean Trust spürt den Einbruch im Tourismus: Tagestouristen bleiben weg. Während zuvor bis zu 50 Leute die Station besuchten, in der verletzte Schildkröten wieder aufgepäppelt werden, sind es jetzt höchstens noch 60 - in der Woche. Aber noch stärker ist zu spüren, dass die Öko-Besucher wegbleiben - meist Touristen aus dem Ausland, die vor ihrer Ankunft Geld für das Projekt sammeln, und dann für einige Wochen hier mitarbeiten.

"Innerhalb von sechs Monaten hatten wir nur zwei oder drei solcher Besucher, dabei hätten es eigentlich 30 sein sollen. Das hat uns fast das Genick gebrochen, wir wären fast bankrott gegangen", sagt Projektmanager und Meeresbiologe Casper van de Geer.

Falls Projekten wie diesen tatsächlich das Geld ausgeht, wird sich dies automatisch auf die Tierarten im Meer auswirken. Die Mitarbeiter im Local Ocean Trust haben nicht nur eine Rehabilitierungsstation für Schildkröten aufgezogen, sie patroulieren auch am Strand, um sicherzugehen, dass Nester mit Schildkröteneiern nicht geplündert werden - die Eier gelten als Delikatesse und Aphrodisiakum.

Das Programm versucht auch, bei der einheimischen Bevölkerung ein Bewusstsein für die Tiere zu schaffen. Und die Angestellten haben einen weiteren Projektarm geschaffen: Fischer, denen eine Schildkröte aus Versehen ins Netz gegangen ist, können den Local Ocean Trust anrufen - sie bekommen dann eine Kompensationszahlung. Das verhindert, dass Fischer die Schildkröte töten und auf dem Schwarzmarkt verkaufen, und die Tierschützer können das Reptil untersuchen, aufpäppeln und markieren. Auf diese Weise hat die Organisation bereits über 12.000 Schildkröten an der kenianischen Küste gerettet.

Das Ausbleiben der Gelder von Artenschutzprojekten ist eine offensichtliche Art, wie sich die Tourismuskrise auf die Schildkröten auswirkt. Und es gibt noch eine Auswirkung, die allerdings weniger offensichtlich ist, sagt Casper van de Geer.

Denn wenn keine Touristen mehr kommen, müssen auch die Einheimischen, die im Tourismus angestellt waren, sich einen neuen Job suchen - und eine Möglichkeit ist das Fischen.

Befreiung einer Karrettschildkröte aus einem Fischernetz (Foto: Kenia Local Ocean Trust).

Ein Mitarbeiter des Local Ocean Trust befreit eine Karrettschildkröte aus einem Fischernetz

"Wenn die Zahl der Touristen zurückgeht, steigt die Zahl der Fischer. Aber die sogenannten Gelegenheitsfischer haben keinen großen Erfahrungsschatz und manche von ihnen wenden Methoden an, die schädlich für die Umwelt sind." Van de Geer meint, dass Fischer, die kurzfristig diesen Job nachgehen, oft nicht die Möglichkeit haben, in Boote und Netze zu investieren, sondern stattdessen billige - aber schädliche - Fangmethoden verwenden.

Eine dieser Methoden ist das Speerfischen, bei dem hauptsächlich große Tiere ins Visier genommen werden, weil die am meisten Einkommen bringen - zum Beispiel Schildkröten. Van de Geer sieht deswegen einen direkten Zusammenhang zwischen der Zahl der Touristen und der Zahl der gewilderten Schildkröten. Laut Van de Geer kann eine Schildkröte auf dem Schwarzmarkt einen Preis von bis zu 400 Euro erzielen, also ist die Versuchung groß. "Das wirkt sich wirklich auf unsere Arbeit aus", sagt er der DW.

Kein Ebola in Kenia

Um die Wilderei von Schildkröten zu verhindern und das Fortlaufen von Artenschutzprojekten in der Region zu garantieren, ist es wichtig, dass wieder mehr Touristen nach Watamu kommen.

Kenias Strand (Foto: Rafael Belicanta).

Weiße Sandstrände, klares Wasser: Könnte Kenias Küste bald wieder mehr Touristen anlocken?

Aber sind deren Gründe, die Gegend zu vermeiden, gerechtfertigt oder nicht? Tourismusunternehmer in Watamu finden dies nicht. Sie raten Touristen, in Bezug auf die Sicherheitslage, die großen Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen in Kenia zu berücksichtigen: Die britische Regierung beispielsweise warnt immer noch vor Reisen an den nördlichsten Teil der Küste, angrenzend an Somalia, aber nicht vor Reisen in die Watamu-Gegend, oder die nächst gelegenen Flughäfen in Mombasa und Malindi.

In Watamu gab es bisher keine Anzeichen von Al-Shabaab. Und auch von Ebola ist keine Spur. Es gibt keinen einzigen Krankheitsfall - in ganz Kenia. "Es gibt kein Risiko, in Kenia Ebola zu bekommen, weil es dort keine Übertragungen gibt - es gibt schlichtweg kein Ebola in Kenia", sagt Tarik Jašarević von der Weltgesundheitsorganisation WHO. "Reiseeinschränkungen empfehlen wir daher nicht", betont er.

Könnte das bedeuten, dass bald wieder Touristen zurückkommen? In dieser Woche hat Casper van de Geer zum ersten Mal wieder mehr Anfragen von potenziellen Öko-Touristen bekommen.

"Ebola ist näher dran an Europa als an Kenia", sagt er und betont damit die geographische Distanz zwischen der Küste am Indischen Ozean und den Ebola-Gebieten auf der anderen Seite des Kontinents. Er hofft, dass bald wieder mehr Besucher kommen. Wenn in Kenia keine Menschen an Ebola erkranken, sollte die Krankheit auch keine Schildkröten töten.

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