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Europa

Rückschlag am "Tag des Sieges"

Der tödliche Bombenanschlag auf den Präsidenten der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Kadyrow, bedeutet für Wladimir Putin eine empfindliche Niederlage. Tschetschenien ist und bleibt ein Teufelskreis.

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Brutale Gewalt im Fußballstadion

Was für eine Niederlage am "Tag des Sieges" für den russischen Präsidenten Wladimir Putin: Just an dem Tag, an dem in allen russischen Städten die Menschen mit Aufmärschen oder Militärparaden den Sieg der "Roten Armee" im Zweiten Weltkrieg feiern, ermorden Rebellen Moskaus Statthalter in Tschetschenien. Präsident Achmat Kadyrow, auf den schon viele Anschläge verübt worden sind, erlag am Sonntag (9.5.2004) seinen Verletzungen. Kadyrows Anhänger und die russische Armee werden Vergeltung üben. Die Racheakte werden indessen das Tschetschenienproblem nicht lösen.

Im Gegenteil. Neue Gewalt schürt Gegengewalt. Tschetschenien wird auch in absehbarer Zeit nicht zur Ruhe kommen. Tschetschenien ist die "offene Wunde Russlands", jener Flecken Erde, in dem Zehntausende von Wehrpflichtigen Gewalt ausüben und Gewalt erleiden. Viele drohen zu verrohen. Das Elend der Besatzung untergräbt die nationale Moral ganz Russlands.

Modernes Karthago

Tschetscheniens Hauptstadt Grosny gleicht einem modernen Karthago. Moskaus Gelder für den Wiederaufbau versickern in den Taschen korrupter Generäle. Dem Clan des ermordeten Achmad Kadyrow werfen Menschenrechtler vor, Millionensummen an Hilfsgeldern zu unterschlagen. Freilich gibt es dafür keine anderen Beweise als den Augenschein: Nur wenige zerstörte Häuser in Tschetscheniens Städten und Dörfern werden aufgebaut, die Infrastruktur zerfällt, Tausende von Menschen hausen in Flüchtlingscamps.

Achmad Kadyrow Tschetschenien

Achmat Kadyrow

Der Kreml sorgt seit Jahren dafür, dass westliche Fernsehteams gar nicht erst in den Kaukasus reisen dürfen. Bilder des Krieges und der Verwüstung könnten dem Image Putins im Ausland schaden. Gleichzeitig lobte die gleichgeschaltete russische Presse die Politik des Kremls im Kaukasus. Bei den so genannten Präsidentschaftswahlen in Tschetschenien im vergangenen Oktober sollen über 80 Prozent der Menschen Kadyrow zum Staatsoberhaupt gewählt haben. Freilich war die Abstimmung vor allem eine Farce. Ernsthafte Gegenkandidaten ließ der russische Präsident so lange einschüchtern, bis sie ihre Bewerbung zurückzogen. Russland ist eben keine Demokratie.

Immerhin bemühte sich Kadyrow in den vergangenen Monaten um ein Mindestmaß an Stabilität in seiner Heimat. Politische Gegner oder Separatisten ließ er brutal verfolgen, gab ihnen aber auch Geld, wenn sie bereit waren, ihren Widerstand aufzugeben. Viele kapitulierten, nahmen das Geld, waren jedoch alles andere als loyal gegenüber dem tschetschenischen Präsidenten. Nur so ist zu erklären, weshalb es den Bombenlegern gelang, Kadyrow zu töten. Nein, befriedet ist Tschetschenien nicht, wie der Anschlag zeigt.

Gesucht. neuer Statthalter

Wie geht es weiter? Putin wird sich nach einem neuen Statthalter in Tschetschenien umsehen, vielleicht kommt es zu Neuwahlen. Die Zahl der Bewerber wird überschaubar sein. Wer immer sich zum Präsidenten Tschetscheniens wählen lässt, muss damit rechnen, das gleiche Schicksal wie Kadyrow zu erleiden.

Eigentlich ist der Tschetschenien-Konflikt nur mit ausländischer Hilfe zu lösen. Ausländischen Truppen, die nach ein paar Jahren wieder abziehen, könnten den Kaukasus befrieden. Letztlich will davon aber Moskau nichts wissen. Und auch in West-Europa findet sich kaum ein Regierungschef, der bereit wäre, Soldaten nach Tschetschenien zu entsenden, selbst wenn ihn die russische Regierung darum bitten würde. So leben die Menschen in Tschetschenien weiterhin ohne Hoffnung auf Besserung, ohne nennenswerte Perspektive. Für sie ist die Ermordung Kadyrows nur ein Rückschlag unter vielen.

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