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Wirtschaft

Rückrufe von Autos werden Routine

Klemmende Gaspedale, defekte Zündschlösser und andere Schäden, die sogar zu tödlichen Unfällen führen können - für die Autohersteller gehören Rückrufe inzwischen zum Tagesgeschäft.

Der größte Autohersteller der Welt sorgt wieder einmal mit einer spektakulären Rückruf-Aktion für Schlagzeilen: Der japanische Toyota-Konzern muss erneut Millionen von Fahrzeugen wegen technischer Probleme in die Werkstätten rufen. Insgesamt sind es mehr als sechs Millionen Autos - in Europa 825.000, davon rund 92.000 alleine in Deutschland. In Nordamerika, wo Toyota besonders stark im Markt vertreten ist, sind mehr als 2,3 Millionen Halter angeschrieben worden, teilte der Konzern mit.

Und das alles zu einer Zeit, in der sich Toyota gerade erst von den Auswirkungen einer ähnlichen Aktion erholt hatte. Die Behörden auf dem wichtigen US-Markt hatten dem japanischen Hersteller vorgeworfen, in den Jahren 2009/2010 Rückrufe wegen rutschender Fußmatten und klemmender Gaspedale verzögert zu haben. Erst vor wenigen Tagen hatte Toyota in den USA im Rahmen eines Vergleichs 1,2 Milliarden Dollar gezahlt, um ein Strafverfahren abzuwenden.

"Running Gag" bei Toyota

Toyota war vorgeworfen worden, das Ausmaß der damaligen Mängel vertuscht und die Öffentlichkeit wiederholt belogen zu haben. Bei Unfällen sollen damals zahlreiche Menschen zu Tode gekommen sein.

Rückruf-Aktionen seien bei Toyota mittlerweile ein "Running Gag", sagt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen im Gespräch mit der DW. Das Unternehmen büße damit den Nimbus der Qualität ohne Fehler mehr und mehr ein. Die Folge seien geringere Margen, die Toyota im Markt gegenüber den Wettbewerbern erzielen könne. Der Konzern gehe geschädigt aus dieser Situation hervor.

"Aber die Automobilindustrie insgesamt geht gestärkt aus dieser Serie heraus", so der Experte. Denn das Bewusstsein bei den Autobauern in Sicherheitsfragen sei erheblich gestiegen, Mängel könnten kaum noch vertuscht werden.

Skandal bei General Motors

Toyota-Konkurrent General Motors (GM) hatte erst jüngst nach massiver Kritik von US-Politikern in der Affäre um eine tödliche Pannenserie höchste Transparenz versprochen. Vorstandschefin Mary Barra musste sich bei Anhörungen im Kongress dafür rechtfertigen, dass der US-Konzern mehr als zehn Jahre gebraucht habe, um die ersten Autos wegen der Probleme mit Zündschlössern zurückzurufen. Bei Unfällen, die auf fehlerhafte Zündungen zurückgeführt werden, sollen mindestens 13 Menschen ums Leben gekommen sein. Mittlerweile wurden 2,6 Millionen Fahrer deswegen angeschrieben.

"Nach General Motors haben die Vorstände aller Autobauer der Welt verstanden, dass man sofort reagieren muss", so Dudenhöffer. Deshalb habe Toyota im aktuellen Fall so schnell reagiert. Das gleich so viele Fahrzeuge betroffen seien, liege an der kostensparenden Massenproduktion. Gleiche Bauteile werden in Modulbauweise verwendet. "Das führt dazu, dass ein bestimmtes Teil in vielen Fahrzeug-Reihen verbaut wird. Wenn es da Konstruktionsfehler gibt, hat man gleich diesen Masseneffekt."

Furcht vor Forderungen wächst

Auch andere Herstellern mussten Wagen zurückrufen. Ford hatte vor kurzem fast 435.000 Autohalter vor allem in Nordamerika wegen verschiedener technischer Probleme angeschrieben. In einem Fall könnten Rostschäden dazu führen, dass die Lenkkontrolle beeinträchtigt wird. BMW rief Anfang April 232.000 Autos wegen möglicherweise defekter Verschraubungen im Motorraum zurück. Ob der Rückruf auf andere Länder ausgeweitet wird, werde geprüft, erklärte BMW damals. Volkswagen hatte im Herbst weltweit 2,6 Millionen Autos mehrerer Marken zurückgerufen. Es war eine der größten Aktionen dieser Art in der Geschichte des Wolfsburger Konzerns.

Dass die Rückrufe in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben, sei verständlich, meint der Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. "Die Unternehmen sind vorsichtig, weil sie große Schadenersatzforderungen der Kunden fürchten."

Mängel werden oft verschwiegen

Auf der anderen Seite werden nicht nur in Fachzeitschriften immer wieder Mängel an bestimmten Fahrzeugmodellen beklagt, ohne dass die Hersteller den betroffenen Kunden Kulanz gewähren oder gar Rückruf-Aktionen starten. Anscheinend kann es sich für die Autobauer lohnen, Konstruktionsfehler zu verschweigen.

Dabei wird dann quasi eine kaufmännische Abwägung getroffen: Ist es günstiger, an die Öffentlichkeit zu gehen und Autos zurückzurufen? Oder ist es günstiger, einfach zu warten? "Ich glaube, heute ist die Tendenz ganz klar, die Karten möglichst früh und offen auf den Tisch zu legen", so Pieper gegenüber der DW.

Aktienkurse leiden selten

Auswirkungen auf die Aktienkurse brauchen die Autokonzerne kaum zu befürchten. Im Tagesgeschäft an der Börse gehe man oft über Rückruf-Aktionen hinweg - schlicht und einfach, weil sie so häufig seien, meint Analyst Pieper.

Nur wenn es sich um gravierende Mängel mit nachweisbaren Todesfällen handele, die dann möglicherweise auch noch vertuscht werden sollten, sei das anders. "Dann hat das sofort einen Effekt an der Börse, weil es dann um gravierendere Einflüsse geht. Aber ansonsten sind Rückruf-Aktionen leider fast schon zur Routine geworden."

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