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Deutschland

Rückkehrer-Trauma: Der Krieg im Kopf

Die Zahl steigt an: Immer mehr deutsche Soldaten sind nach ihrem Einsatz in den Krisengebieten dieser Welt traumatisiert. Explosionen, Schreie und furchtbare Bilder machen Soldaten zu Patienten.

Verletzter Soldat (Foto: AP)

Die schlimmsten Verletzungen sieht man nicht

Explosionen im Kriegseinsatz in Afghanistan (Foto: DPA)

Explosionen, die viele Soldaten über Jahre verfolgen

"Es war wie ein Alptraum. Das war das Schrecklichste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Überall verstümmelte, zerfetzte, blutende Körper. Ein Schreien und ein Kreischen, alles war kaputt und zerstört. Es qualmte und rauchte überall." Christopher Plodowski ist Soldat der Bundeswehr. Im Juni 2003 sitzt er mit seinen Kameraden fröhlich in einem Bundeswehrbus, denn der Einsatz in Afghanistan ist geschafft, jetzt soll es schnell in Richtung Heimat gehen.

Das Taxi, mit dem der Selbstmordattentäter auf den Bus zurast, sieht er nicht. Er hört die Detonation, wird auf den Boden geschleudert, rappelt sich wieder auf. "Dann haben wir erst einmal zwei oder drei Kameraden aus dem Bus getragen. Als ich wieder rein wollte, um den vierten herauszuholen, sagte ein Kamerad, dass ich blute. Ich habe an mir heruntergeschaut und realisiert, dass ich an beiden Armen zwei große Wunden hatte."

Zwei Arterien waren durchtrennt. Fünf Stunden wird Plodowski operiert. Er wird gerettet, aber nicht geheilt.

20 Flashbacks täglich

Frank Dornseif (Foto: DPA)

Traumatisierter Soldat: Frank Dornseif

Im selben Bus wie Plodowski saß Frank Dornseif. Heute sieht man ihm seine Verletzungen nicht mehr an. Doch die Wunden sitzen tiefer. "Ich konnte nach der Detonation die Augen nicht öffnen. Ich spürte nur das warme Blut, das über mein Gesicht lief und hörte die Schreie der anderen. Das hat sich tief in mich eingebrannt."

Immer wenn sich Menschen anschreien und Dornseif sie nicht sieht, sitzt er noch heute sofort wieder gedanklich in diesem Bus.

Der Kampf nach dem Fronteinsatz

Auch knapp sechs Jahre nach dem Anschlag hört, schmeckt und riecht Plodowksi fast nichts mehr. Viel schlimmer aber sind die so genannten Flashbacks. 15 bis 20 Mal am Tag überkommen sie ihn. Nicht immer ist klar, was diese Anfälle auslöst. Mal sind es die Nachrichten im Radio oder Fernsehen, mal ein Knall, oft kommen sie aber auch ganz unvermittelt. "Ich kriege dann totales Herzrasen, bekomme Schweißausbrüche, fange an am ganzen Körper zu zittern. In diesen Momenten bin ich überhaupt nicht mehr in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen."

Lazarett-Staion in Kabul (Foto: DPA)

Oft sitzen die Verletzungen tiefer

Frank Dornseif und Christopher Plodowski sind keine Einzelfälle. Die Zahl der Soldaten, die mit einer so genannten posttraumatischen Belastungsstörung von einem Einsatz zurückkehren, hat sich in den letzten Jahren verdreifacht - die meisten von ihnen waren in Afghanistan im Einsatz. 2007 waren es 149 Soldaten, im Jahre 2008 gab es 245 gemeldete Fälle. Die Männer sind krank. Sie leiden unter Symptomen wie wiederkehrenden Erinnerungen, Depressionen, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Angstzuständen, Suchtproblemen und dem Rückzug aus der sozialen Umgebung.

Das Problem ist, dass sich viele der traumatisierten Soldaten nicht helfen lassen. Sie begeben sich nicht in eine ärztliche Behandlung, wie Karl-Heinz Biesold, Oberarzt im Bundeswehrkrankenhauses in Hamburg, berichtet. "Denn Soldaten sind überwiegend Männer und Männer tun sich schwer, sich Gefühlen gegenüber zu öffnen. Besonders Männer in Risikoberufen erwarten von sich selbst, sehr belastbar zu sein."

Die Dunkelziffer der traumatisierten Soldaten liegt wohl daher auch vier Mal so hoch wie die offiziellen Angaben, schätzen Experten. Für diese Soldaten geht der Kampf weiter, denn in ihren Köpfen herrscht auch weiterhin Krieg.

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