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Migration

"Rückkehrberatung aktueller denn je"

Häufig erfüllen sich die Träume von Migranten in Deutschland nicht und sie wollen freiwillig wieder nach Hause. Marion Lich erklärt, warum die Rückkehrberatung mehr ist als nur finanzielle Hilfe.

Deutschland Berlin Flughafen Tegel - Iraqi Airways, Passagiere Flug in den Irak (Foto: Reuters/F. Bensch)

Diese jungen Männer wollen nach Hause: Sie fliegen von Berlin Tegel zurück in den Irak (Archivbild)

Deutsche Welle: Dieses Jahr werden etwa 55.000 Migranten Deutschland freiwillig verlassen - deutlich mehr als noch im vergangenen Jahr. Viele der Menschen stammen aus dem Westbalkan. Was sind ihre Beweggründe, wieder in ihre Heimat zurückzukehren?

Marion Lich: Das ist von Nationalität zu Nationalität unterschiedlich. Viele Menschen vom Westbalkan sind dem Gerücht aufgesessen, dass sie in Deutschland arbeiten können, wenn sie Asyl beantragen. Das hat sich in Albanien und im Kosovo rumgesprochen. Daraufhin gab es eine große Ausreisewelle aus diesen Ländern. Die Menschen, die hier ankamen, waren schnell desillusioniert. Sie merkten, dass das überhaupt nicht stimmt und wollten dann möglichst schnell wieder zurück - die meisten jedenfalls.

Bei den Asylbewerbern aus Afghanistan, dem Irak oder Iran ist das anders. Sie haben gedacht, sie bekommen sofort eine Arbeit und freie Unterbringungen. Manche berichten, sie hätten gehört, man bekäme hier ein Auto oder sogar ein Haus. Da müssen betrügerische Schlepperbanden am Werk gewesen sein, die diesen Menschen Lügen erzählt haben. Die Männer sind ganz desillusioniert und wollen schnell zurück zu ihrer Familie, weil sie sehen, dass sie das hier alleine nicht schaffen.

Wie unterstützen Sie diese Menschen bei Ihrer Rückkehr?

Wichtig ist zu Beginn ein ausführliches Beratungsgespräch. Darin klären wir die Beweggründe für den Rückkehrwunsch und ob es Alternativen gibt. Wenn wir das abgeklärt haben, gibt es eine Grundhilfe. Wir bezahlen mit Mitteln der Internationalen Organisation für Migration (IOM) die Flugkosten, zusätzlich gibt es eine Reisebeihilfe. Dann kommt es auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen an. Liegen Krankheiten oder Behinderungen vor, dann brauchen die Menschen besondere Medikamente oder medizinische Hilfsmittel.

Wir beraten nicht nur Leute, die ausreisepflichtig sind, sondern auch Menschen, die schon sehr lange in Deutschland leben - unter anderem auch anerkannte Asylbewerber, die hier bleiben könnten, aber freiwillig nach Hause zurückgehen wollen. Sie brauchen natürlich in ihrem Heimatland eine berufliche Perspektive. Wenn sie die Möglichkeiten haben, sich mit einem kleinen Geschäft selbstständig zu machen - mit einem Marktstand oder im landwirtschaftlichen Bereich - dann können wir auch das unterstützen.

Werden durch finanzielle Unterstützungen nicht falsche Anreize geschaffen. Beispielsweise dass die Migranten kommen, um diese finanzielle Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Die Befürchtung ist völlig berechtigt. Deswegen bin ich gegen eine Ausreiseprämie, wie sie jetzt von der Bundesregierung angedacht ist. Geld allein reicht für die erfolgreiche Reintegration im Heimatland nicht aus. Eine Rückkehrberatung definiert sich nicht über Geld, sondern über individuelle Gespräche. Das Geld ist schnell verbraucht. Die einzige Alternative sehe ich darin, tatsächlich berufliche Alternativen vor Ort zu bieten, damit jemand für sich eine langfristige Perspektive daheim sieht. Wir überreden die Menschen nicht. Wir wollen die Menschen nicht außer Landes haben, sondern zum Besten des Klienten handeln, damit er oder sie eine informierte Entscheidung treffen kann. 

Video ansehen 12:03

Flüchtlinge: Freiwillige Rückkehr

Sie haben 1996 die Rückkehrberatung "Coming Home" in München ins Leben gerufen. Wie hat sich in den vergangenen 20 Jahren Ihre Arbeit verändert?

Wir hatten 1996 das Problem, dass in München über 20.000 bosnische Flüchtlinge untergebracht waren, die nach dem Bosnienkrieg wieder in ihre Heimat mussten und auch wollten. Viele von ihnen hatten aber alles verloren. Wenn sie eine Wohnung zu Hause hatten, war sie geplündert oder verwüstet worden. Mit Spendenaufrufen aus der Bevölkerung haben wir angefangen und Spendentransporte nach Bosnien geschickt. Danach folgte die Kosovo-Krise. Auch den kosovarischen Flüchtlingen haben wir geholfen. Dann kamen andere Flüchtlingsgruppen aus Afrika und Asien. Darauf hin haben wir uns entschlossen, dass die Rückkehrhilfe eine feste Einrichtung wird. Das war richtig, weil das Thema leider in den letzten zwei Jahren aktueller denn je geworden ist.

Wie helfen Sie bei der Reintegration in den Heimatländern?

Die Unterstützung in den Heimatländern ist ein wichtiger Faktor in unserer Beratungskette. Wo wir Organisationen vor Ort haben, die den Heimkehrern weiterhelfen, funktioniert die Reintegration besonders gut. Unsere Partnerorganisationen helfen ihnen dann bei ganz praktischen Alltagsfragen weiter. Zum Beispiel arbeiten wir im Kosovo mit der Arbeiterwohlfahrt zusammen. 

Ich finde es notwendig, dass sich die deutsche Regierung darauf konzentriert, die Strukturen vor Ort zu stärken und die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Menschen dort zu verbessern, damit sie sich nicht auf den meist aussichtslosen Weg machen. Mittlerweile gibt es im Kosovo auch ein Büro des deutschen Entwicklungsministeriums. Die Mitarbeiter beraten Kosovaren, wie sie auf legale Weise in Deutschland Arbeit finden können.

Marion Lich ist Gründerin und Leiterin des Büros für Rückkerberatung "Coming Home" in München, das bundesweit erste Büro für Rückkehrhilfen und Reintegration. Lich und ihr Beraterteam organisieren Ausreisen, die durch Mittel der Internationalen Organisation für Migration finanziert werden. Dazu zählen die Übernahme der Reisekosten und eine Starthilfe zwischen 300 und 500 Euro, gestaffelt nach jeweiligem Herkunftsland.

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