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Wirtschaft

Rückkehr zur Normalität bei VW?

Machtkampf gewonnen, gute Zahlen im Gepäck: Volkswagen-Chef Martin Winterkorn wird auf dem Aktionärstreffen mit breiter Brust auftreten. Trotzdem muss er sich auf kritische Fragen gefasst machen.

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VW-Aktionärstreffen ohne Patriach Piech

Dort, wo sonst Maschinen, Computer, Autos oder Tiere ausgestellt werden, in einer der riesigen Hallen auf dem Messegelände der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover, dort veranstaltet der Volkswagen-Konzern alljährlich seine Hauptversammlung. So auch an diesem Dienstag (05.05.2015). Wie immer werden sich die Anteilseigner die neuesten Modelle aus dem Konzern mit den 12 Marken anschauen können, sie alle werden ausgestellt sein. Wie immer wird es heiße Würstchen geben.

Besondere Vorzeichen

Und doch ist es dieses Mal eine ganz besondere Hauptversammlung. Denn zwei ganz wichtige Personen werden fehlen: Ferdinand Piëch und seine Frau Ursula. Was vor vier Wochen noch undenkbar schien, ist plötzlich Wirklichkeit. Piëch, von 1993 bis 2002 Chef von Volkswagen und bis vor etwas mehr als einer Woche Vorsitzender des Aufsichtsrats, wird in Hannover nicht dabei sein. Der Patriarch hat zwischenzeitlich abgedankt. Die Hauptversammlung von Europas größtem Autobauer wird somit von einem Gewerkschafter geleitet: Berthold Huber, Ex-Chef der mächtigen IG Metall, vertritt die Arbeitnehmerseite. Wann hat es das je gegeben?

Zwei freie Plätze

Der Plan von Ferdinand Piëch war ein anderer. Eigentlich wollte er die Teilnahme von VW-Chef Martin Winterkorn verhindern, ihn noch vor dem Aktionärstreffen aus dem Amt jagen. Die Geschichte ist in den vergangenen drei Wochen schon oft erzählt worden: Piëch entzieht Winterkorn öffentlich das Vertrauen, unterschätzt aber dessen Rückhalt im engsten Führungszirkel und wirft daraufhin selbst das Handtuch. Er und seine Frau haben ihre Aufsichtsratsmandate niedergelegt. Überraschend schnell wurden am vergangenen Donnerstag (30.04.2015) zwei Nachfolger bestellt: Die studierte Designerin Louise Kiesling sowie Julia Kuhn-Piëch, eine Immobilienmanagerin, die seit 2014 auch im Aufsichtsrat des Lkw-Bauers MAN sitzt.

Familienunternehmen Volkswagen

Die Besetzung des obersten Kontrollgremiums gibt die Mehrheitsverhältnisse der Eigentümer wieder. Im Falle Volkswagen geben vor allem zwei Familien den Ton an: Die Clans der Porsches und Piëchs. Sie halten über die Porsche SE Holding sowie über die Porsche GmbH etwas mehr als 53 Prozent der Anteile und sind mit fünf Mitgliedern im Aufsichtsrat vertreten. Volkswagen ist also ein Familienunternehmen, wenn auch ein gigantisch großes: 200 Milliarden Umsatz erzielen die 12 Konzernmarken, das entspricht fast der Wirtschaftsleistung Finnlands. In den 118 Werken, verteilt rund um den Globus, arbeiten gut 600.000 Menschen. Das Ergebnis: Rund 10 Millionen Fahrzeuge pro Jahr, Platz 2 in der Weltrangliste hinter Toyota.

Das VW-Gesetz

Zweitgrößter Anteilseigner bei Volkswagen ist das Bundesland Niedersachsen mit 20 Prozent und einer Sperrminorität, das heißt: Die beiden Vertreter des Landes, der Ministerpräsident und der Wirtschaftsminister können Entscheidungen des Aufsichtsrates blockieren. Diese Regelung ist festgelegt im sogenannten VW-Gesetz. Es stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die Siegermächte erlaubten damals eine Weiterproduktion, legten den Konzern aber in öffentliche Hände. Das VW-Gesetz fußt darauf und garantiert dem Land Niedersachsen Sonderrechte, zum Beispiel eben das Vetorecht, obwohl die 20 Prozent keine Aktienmehrheit sind. 2013 wurde das Gesetz vom Europäischen Gerichtshof bestätigt.

Weiterer Anteilseigner ist das Emirat Katar. Die Scheichs vom Golf besitzen über die Katar Holding 17 Prozent der Aktien. Im Aufsichtsrat haben sie zwei Plätze, einer davon soll auf der Hauptversammlung in Hannover durch den Chef von Qatar Airways, Akbar Al Baker, neu besetzt werden. Weitere knapp zehn Prozent der Stammaktien befinden sich im Streubesitz.

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Reichlich Baustellen

Die Hälfte der insgesamt 20 Plätze im Aufsichtsrat besetzen Vertreter der Arbeitnehmerseite, zum Beispiel Bernd Osterloh, der mächtige Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates. Diese Ausgewogenheit im Aufsichtsrat ist keine VW-Spezialität, sondern im Mitbestimmungsgesetz vorgeschrieben.

Auch wenn der Machtkampf in der Führungsebene nunmehr zugunsten von Martin Winterkorn entschieden ist, so werden die Aktionäre mit Sicherheit mehr als nur eine kritische Frage stellen. Denn zum einen müssen die personellen Fragen möglichst zeitnah geklärt werden, zum anderen muss sich Volkswagen trotz aller Erfolge strukturell neu aufstellen. Die Probleme um die renditeschwache Kernmarke Volkswagen, oder auf dem US-Markt, wo VW nach wie vor der Konkurrenz hinterher fährt, harren einer Lösung. Vor allem aber ist da der autoritäre Führungsstil, der nicht mehr in die Zeit passt. Nicht wenige Experten raten zu einem Generationswechsel in der Geschäftsführung. Volkswagen steht vor einem grundlegenden Wandel. Auf der Hauptversammlung an diesem Dienstag aber wird es wohl zunächst noch um die Vergangenheit gehen. So manchem Aktionärsvertreter dürfte das deutlich zu wenig sein.

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