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Kultur

Rückkehr des stürmischen Christkinds

2006 hatte eine relativ ruhige Hurrikan-Saison - entgegen aller Voraussagen. Der Verantwortliche für das Versagen der Wetterfrösche scheint gefunden.

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2005 war der bisher heftigste Hurrikan-Saison im tropischen Nordatlantik mit einer Rekordzahl von fast 30 Wirbelstürmen, die über Nordamerika und den Golf von Mexiko hinwegfegten. Katrina, die New Orleans unter Wasser setzte, war nur einer davon. Die Vorhersage für 2006 war nicht ganz so dramatisch, aber immerhin: Experten in USA hatten auch für dieses Jahr Mega-Stürme vorhergesagt 15 Wirbelstürme hätte es in diesem Jahr eigentlich im Atlantik geben sollen, nach der offiziellen Saisonvorhersage in den USA. Vorhergesagt wurde auch, dass einige Hurrikane erneut die US-Küste erreichen könnten. Es sollte kein Rekordjahr werden wie 2005, aber doch eine überdurchschnittlich aktive Saison. Elf tropische Stürme und Hurrikanes gelten als normal im Spätsommer und Herbst. Doch nicht einmal so viele entwickelten sich in diesem Jahr. Die wenigen stärkeren Hurrikans drehten noch auf dem Ozean ab. Im Pazifik dagegen wüteten gleich mehrere heftige Super-Taifune und trafen China, Südkorea und zuletzt, Anfang Dezember, die Philippinen mit vermutlich über 1000 Todesopfern.

Zerknirschte Wetterforscher

Die Wetterfrösche mussten zerknirscht zugeben, dass sie mit ihren Prognosen ziemlich daneben lagen. "Unsere nationale Wetterbehörde NOAA gibt die offizielle Hurrikan-Vorhersage in den USA heraus. Es existieren aber auch noch andere Modelle, zum Beispiel an der Universität von Colorado, in Mexiko und in England. Alle haben mehr Wirbelstürme als normal vorhergesagt", sagt der Meteorologe Chris Velden von der Universität Wisconsin in den USA. "Aber es waren nur neun Stück in dieser Saison, und keiner davon hat die US-Küste erreicht. Die, die sich bildeten, waren schwächer als erwartet. Sie lösten sich alle schon über dem Meer auf."

Karte mit Messwerten am Meeresboden im Pazifik. Temperaturanormalitäten gelb eingezeichnet

Karte mit Messwerten am Meeresboden im Pazifik. Temperaturanormalitäten gelb eingezeichnet

Velden war kürzlich in Costa Rica, auf der Welt-Konferenz über tropische Wirbelstürme. Eine der brennenden Fragen dort: Warum lagen die Vorhersagen für den Atlantik in dieser Saison so gründlich daneben? Der Schuldige scheint bereits gefunden. Er heißt El Niño. Das ist die stärkste natürliche Schwankung im Klimasystem der Erde, eine periodische Erwärmung des tropischen Pazifik alle drei bis acht Jahre. "Der Hauptgrund für die Vorhersage-Fehler ist, dass sich wieder ein El Niño entwickelt, und das diesmal ungewöhnlich früh im Jahr, schon seit Juni", sagt Velden. "Die Saisonvorhersage für Hurrikane kam schon vorher heraus. Der offizielle Termin ist immer der 1. Juni. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinen Hinweis darauf, dass im Pazifik ein neuer El Niño im Anmarsch ist."

Gutes - für den Atlantik

Dass die Macht El Niños weit reicht, hat sich zuletzt vor acht Jahren gezeigt. Da provozierte er Wetterkatastrophen rund um den halben Globus: lang andauernde Dürren in Indonesien und Australien, starke Überschwemmungen in Chile, Peru und Kalifornien. Doch diesmal soll El Niño zunächst einmal Gutes bewirkt haben - zumindest im Atlantik. Nach Auffassung der Wetterexperten bewahrte er die USA, Mexiko und die Karibikstaaten vor einer weiteren, verheerenden Hurrikan-Saison.

El Niño hat auch starke Auswirkungen auf die Atmosphäre. Die Luftströmungen verändern sich rund um die Erde, so auch im Atlantik. So genannte Scher-Winde in Höhen um sieben bis acht Kilometer blasen sehr stark - und das mögen Hurrikane gar nicht gern. Von den Scherwinden werden sie regelrecht zersaust. Auf diese Weise unterdrückt El Niño Wirbelstürme im Atlantik.

Im tropischen Pazifik hat das Klimaphänomen ganz andere Folgen. Dort ist es vor allem die stark erwärmte Meeresoberfläche, die das Wettergeschehen beeinflusst. Je höher die Wassertemperatur im Spätsommer und Herbst, desto mehr Energie steht zur Verfügung, mit denen sich Taifune über dem Meer aufladen können. In diesem Jahr begann El Niño schon im Juni damit, dem tropischen Pazifik einzuheizen. Und das führte nach Lage der Dinge dazu, dass diesmal so viele und so starke Taifune in Südostasien wüteten. Auch hier lag die Saison-Vorhersage ziemlich daneben, weil die Meteorologen El Niño nicht auf ihrer Rechnung hatten. Die US-Wetterbehörde NOAA erwartete eigentlich nur zwei bis drei Taifune im Zentralen Pazifik. Tatsächlich sind es am Ende elf geworden.

Wirbelsturm mit Pirouette

Überraschungen gab es in dieser Saison selbst für Westeuropa. Die wenigen Hurrikanes, die von Ost nach West über den Atlantik wanderten, bogen nämlich schon frühzeitig nach Norden ab. Dadurch gerieten sie geradewegs in Europas Wetterküche, den Nordatlantik, wo Island-Tief und Azoren-Hoch miteinander ringen. Einer der Wirbelstürme drehte sogar eine halbe Pirouette und lief zurück nach Osten.

Der Meteorologe Tim Hewson hat diesen Fall dokumentiert: "Ein solcher Wirbelsturm lebt dann noch einmal auf. Er kann sehr starke Niederschläge und Winde in Teilen Westeuropas mit sich bringen, vor allem an der britischen Küste", sagt der Vorhersage-Chef beim britischen Wetterdienst. "Ein Beispiel dafür war Hurrikan Gordon in dieser Saison. In Irland und Nordirland hat er im Oktober Sturmschäden verursacht."

El Niño selbst lässt sich nicht besonders gut vorhersagen. Deshalb gehen Meteorologen davon aus, dass sie mit ihren Vorhersagen für Hurrikane und Taifune auch in Zukunft nicht immer richtig liegen werden.

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