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Europa

Rückkehr der Verlierer

Wenn Erwachsenwerden etwas mit Selbstständigkeit und alleine leben zu tun hat, dann entwickelt sich Spanien derzeit zur Nation der Dauerjugendlichen. Immer mehr junge Spanier ziehen zurück zu den Eltern.

Ein Wohnzimmer mit braunen Möbeln

Zurück in die Welt der Kindheit - für junge Spanier ist das Realität

Xavi Marcet, 38 Jahre alt, sitzt auf einem geblümten Sofa - und will so gar nicht in das kleinbürgerliche Idyll aus silbergerahmten Familienfotos und sorgsam glatt gezogenen Spitzendeckchen passen. Er will gerade anfangen von der Pleite seiner Wärmedämmungsfirma zu erzählen, da übernimmt das schon der Vater: "Es gab ein freies Zimmer und er hat sich darin eingerichtet", sagt er. "Wir mussten uns an ihn etwas anpassen und er an uns. Meine Frau und ich haben ja auch schon ein paar Jahre allein gelebt, konnten uns in Ruhe streiten - und jetzt geht das nicht mehr."

Die Mutter lacht, Xavi ringt sich ein Lächeln ab. Von seinem Arbeitslosengeld kann er sich eine Miete von 700 Euro nicht leisten, also blieb ihm nichts anderes übrig, als zu den Eltern zu ziehen. Nachdem er 15 Jahren alleine gewohnt hatte, fragt plötzlich wieder jemand "Wohin gehst du, was machst du?". Das Hauptproblem aber ist der Platz.

"Ich habe einen Sohn, der ab und zu bei mir ist", erzählt Xavi. "In der alten Wohnung hatte er sein Kinderzimmer und ich mein Arbeitszimmer, aber jetzt ist alles in einem Raum." Sein Sohn schlafe bei ihm auf einer kleinen Couch, daneben stehe der Computer, die Bücher, die Anlage. "Wenn er da ist, achte ich darauf, dass er soviel wie möglich im Wohnzimmer spielt, damit er nicht alles durcheinander bringt."

Berufsanfänger stark betroffen

Das Nationalmuseum Prado, 1989 (Foto: dpa)

Für Touristen ist Madrid schön, für Wohnungssuchende eher anstrengend

In seinem Freundeskreis, erzählt Xavi, stecken mindestens drei Bekannte in einer ähnlichen Situation. Eine ist bei den Eltern untergeschlupft, weil sie von ihren 1000 Euro Gehalt die gestiegenen Nebenkosten nicht mehr zahlen kann. Einem wurde Wohnung gepfändet, weil er die Hypothek nicht mehr zahlen konnte. Ein dritter absolviert ein Praktikum nach dem anderen und will gar nicht erst von zu Hause weg.

Von der Wirtschaftskrise ist gerade die Gruppe der Berufsanfänger besonders stark betroffen und so erlebt in Spanien, wo die Kinder im Durchschnitt ohnehin erst mit 27 oder 30 Jahren ausziehen, das "Muttersöhnchen-Dasein" eine ungewollte Renaissance. "In Spanien, Portugal und Italien waren die Kinder immer stärker finanziell von den Eltern abhängig als in anderen Ländern", sagt Antonio del Cerro von der Universität von Barcelona. "Aber jetzt rückt man zusammen, weil es anders nicht geht." Es vollziehe sich eine "Rückkehr der Verlierer" - dessen seien sich sowohl die Eltern als auch die Kinder bewusst. Sowohl für den einzelnen wie auch für die Gesellschaft als ganzen wird das dramatische Folgen haben, so der Sozialpsychologe.

Schlimmste Folge Selbstzweifel

Junger Mann mit Laptop

Immer auf der Suche - nach einem Job und einer Wohnung

Auf individueller Ebene ist neben der Enttäuschung über gescheiterte Träume die schlimmste Folge der Selbstzweifel. Gedanken wie: Ich tauge zu nichts, ich schaffe es allein einfach nicht. Gerade gegründete Familien oder Paarbeziehungen brechen auseinander. Und auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene verschwindet das Vertrauen in die Institutionen - dieses Problem wird von den meisten übersehen.

Xavi Marcet zumindest hat das Vertrauen noch nicht ganz verloren. Er bewirbt sich auf jede freie Stelle, verdient sich mit Fotografieunterricht etwas dazu und hofft auf ein Ende der Flaute. "Auch wenn das Zusammenleben läuft, möchte ich natürlich wieder arbeiten", sagt er. "Geld verdienen und meine Miete selbst bezahlen." Und das würde auch seinen Vater glücklich machen.

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