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Kultur

Rückkehr der Redner

Knapp fünf Jahre ist es her, dass Bundesregierung und Bundestag vom Rhein an die Spree zogen. Jetzt bekam Bonn endlich sein Parlament zurück. Zumindest für vier Tage.

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Spaß am Reden

Sebastian Muders tritt ans Pult, schaut kurz in sein Manuskript, dann hebt er den Blick. Seine Augen wandern von der Regierungsbank zum Präsidium und schließlich zur Opposition. Dort sitzen die politischen Gegner, die es heute zu überzeugen gilt. Sebastian Muders hat eine Vision. Er setzt sich für die Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen ein. "Meine Damen und Herren, ich möchte Sie am Anfang entführen auf einen kleinen Kinderspielplatz. Dort sehen wir eine Mutter, die ihr spielendes Kind schützend überwacht. Was dem Kind die Mutter, das ist dem Bürger ganz klar der Staat. Auch der Staat hat eine Fürsorgepflicht und deswegen plädiert hier die Regierung ganz klar für Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen."

Für dieses Bild erntet Muders Applaus von der Regierung, kritische Blicke von der Opposition. Wählerstimmen wird er nicht ernten. Muders und seine Mitstreiter auf den harten Parlamentsbänken sind nicht wirklich Abgeordnete. Sie entscheiden auch nicht wirklich über die Videoüberwachung in deutschen Großstädten. Muders und die anderen sind Studenten, die sich an diesem Fronleichnams-Wochenende in Bonn getroffen haben, um einem ungewöhnlichen Hobby zu frönen: dem Debattieren. In der ehemaligen Bundeshauptstadt findet die 4. Deutsche Debattiermeisterschaft der Hochschulen statt. 52 Teams aus 26 Universitäten von Freiburg bis Kiel sind angereist, um ihre rhetorischen Fähigkeiten zu messen. Insgesamt 104 Redner wollen das Wort ergreifen, unter den kritischen Augen von rund 40 Juroren, die sie anschließend bewerten werden.

Gehirnschmalz gegen den großen Bruder

Das Grundprinzip des Debattierens ist simpel: Pro gegen Kontra. Ein Team besteht aus zwei Rednern, je zwei Teams bilden in einer Art Koalition die Regierung, beziehungsweise die Opposition. Für jede Debatte gibt es ein Thema. Dass sie über "Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen" sprechen müssen, haben die Teilnehmer erst kurz zuvor erfahren. Auch ob sie für oder gegen Videoüberwachung sein müssen, wurde ausgelost. Dann hatten sie 15 Minuten Zeit, sich vorzubereiten. Kurz vor Beginn der Debatte im Treppenhaus saßen noch überall kleine Grüppchen und haben die Köpfe zusammengesteckt, Argumentationen geprüft, verworfen oder für gut befunden. Sieben Minuten muss jeder Redner am Ende füllen, da ist jede Minute kostbar für die Vorbereitung.

Der Schriftsteller Mark Twain hat einmal gesagt, das menschliche Gehirn sei eine großartige Sache. "Es funktioniert von Geburt an bis zu dem Zeitpunkt, wo du aufstehst, um eine Rede zu halten." Das Gehirn von Tim C. Bartsch von der Opposition scheint noch ganz gut zu funktionieren. Er ist nach Muders an der Reihe und seine Aufgabe ist es, die Argumente der Regierung zu hinterfragen. Der Staat solle lieber mehr Polizisten einstellen, anstatt Kameras zu installieren, hält er der Gegenseite vor. "So stellen wir uns ein modernes Sicherheitskonzept vor und nicht das, was Sie hier von Mutter Staat präsentiert haben oder sollte ich lieber sagen vom großen Bruder."

Von der Wiege in die Kinderschuhe

Während Bartsch spricht, kommt in die Redner der Gegenseite Bewegung. Sie stehen auf, strecken dem Redner den Arm entgegen und signalisieren so eine Zwischenfrage. Manche greifen sich dabei noch an den Hinterkopf. Sie tun dies nicht aus Verzweiflung über die schlechten Argumente. Debattiert wird im "British Parliamentary Style" in Anlehnung an das britische Parlament. Dort haben sich die Abgeordneten früher beim Aufstehen an die Perücke gegriffen, damit sie nicht plötzlich oben ohne dastanden. Großbritannien ist die Wiege des Debattierens. Mittlerweile wird in über 40 Ländern debattiert. In Deutschland entwächst das Debattieren so langsam den Kinderschuhen. Seit einigen Jahren gibt es einen regelrechten Gründungsboom von Debattierclubs an Universitäten. 2001 gründeten sie sogar eine einen Dachverband. Zusammen mit der Wochenzeitung "Die Zeit" veranstaltet er die Turnierserie, zu der auch die Meisterschaft gehört.

Die Turniere sind Highlights, geübt wird dagegen in wöchentlichen Treffen in der Uni. Fabian Sösemann vom Debattierclub Bonn erklärt, was für ihn der Reiz am Debattieren ist. "Es ist für mich ein Wettkampf, der ähnlich wie ein Sportwettkampf spannend ist, der Adrenalin bei mir freisetzt und der einfach in erster Linie großen Spaß macht." Seine Clubkollegin Isabelle Loewe pflichtet ihm bei. Den Einwand, dass es beim Debattieren also wohl nur um Rhetorik ginge, will sie so aber nicht gelten lassen. Natürlich müsse der Inhalt stimmen, wenn man jemanden überzeugen wolle. "Also ich bin auch schon aus Debatten rausgegangen wo ich mir dachte: 'Das hat dich jetzt überzeugt'. Das passiert natürlich nicht immer, aber es hilft einem schon, Dinge einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten."

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