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Deutschland

Rückkehr der Kollektive

Längst tummeln sich auf dem Leipziger Wohnungsmarkt Spekulanten, die vor allem eine satte Rendite erwarten. Junge Leipziger wollen das nicht länger hinnehmen und besetzen die Häuser - mit Geld und Idealismus.

Hausbesitzer Roman Grabolle vor dem Schaufenster des Hauses, das zur Versteigerung steht (Foto: Jan Schilling)

Roman Grabolle vor dem Schaufenster des Hauses, das die Hausgruppe ersteigern will

Es könnte eine Zwangsversteigerung wie jede andere sein, wäre da nicht das bunte Publikum im Gerichtsaal: gut 20 junge Männer und Frauen in Outdoor-Sandalen und Trainingsjacken. Nicht gerade das Publikum, das Häuser kauft. Als die Richterin das Verfahren eröffnet, steht Roman Grabolle auf und geht zur Richterin auf die Empore. Der 36-jährige Archäologe mit Vollbart und kantiger Brille bietet 56.000 Euro für ein Haus im Leipziger Westen.

Jetzt heißt es warten, noch 30 Minuten lang können Gebote abgegeben werden. Nichts passiert, bis zehn Minuten vor Schluss. Ein Mann mit Halbglatze kommt zur Tür herein, zieht einen Pilotenkoffer hinter sich her. Die Jungen im Saal beginnen zu tuscheln: Ein Spekulant? Alle warten darauf, dass der Pilotenkoffer klackt und Geldbündel ins Spiel kommen.

Geldgeber aus dem Freundeskreis

Genossenschaftsmitglied Dominik Steiner begutachtet die Zimmer (Foto: Jan Schilling)

Genossenschaftsmitglied Dominik Steiner (r.) begutachtet die Zimmer

Roman gehört zur Wohnungsgenossenschaft Central LS W33. Drei Häuser besitzt die LS W33 im Leipziger Stadtteil Lindenau schon, 70.000 Euro hat die Genossenschaft investiert - bisher. Die Genossenschaft, das sind Menschen zwischen 20 und Mitte 50. "Großverdiener sind wir alle nicht", sagt die 54-jährige Monika Rohde, die mit zur Gruppe gehört.

"Das Geld für die Immobilien kommt aus Kleinkrediten von Freunden und Verwandten und aus Eigenmitteln", erklärt Monika Rohde weiter. Gemeinsam mit ihren Unterstützern will die Hausgruppe das Viertel Lindenau wiederbeleben und noch leer stehende Immobilien vor steigenden Mietpreisen bewahren.

Belebung eines schwierigen Viertels

Alles beginnt 2009. Ein paar junge Lindenauer gründen den Verein "Kunzsoffe". Sie pachten ein Haus für 99 Jahre und bauen es zu einem Werkstättenhaus um. Dort können jetzt Künstler ohne großen Druck arbeiten, die Mieten sind kaum der Rede wert. Die Vereinsmitglieder und Künstler sorgen seitdem dafür, dass wieder Leben in den Stadtteil kommt: Sie organisieren Konzerte, Lesungen und jährlich gibt es ein großes Straßenfest.

Und das in einem schwierigen Stadtteil: Gut ein Drittel der Lindenauer lebt von Sozialhilfe. Normalerweise ist das die klassische Gentrifizierungsgeschichte (Aufwertung von Stadtvierteln - Anm. der Red.): Junge Kreative werten den Stadtteil auf, sozial schwache Altmieter werden vertrieben.

Dominik Steiner im Hausflur des Hauses, das zur Versteigerung steht (Foto: Jan Schilling)

Steiner im Treppenhaus des Objektes, das versteigert werden soll

Stachel im Fleisch der Aufwertung

Als Verdränger sieht sich aber weder der Verein "Kunzstoffe" noch die Wohnungsgenossenschaft. "Vorher war hier nichts, die Häuser standen leer", sagt Daniela Nuß, "niemand musste wegen uns weiterziehen". Im Gegenteil: "Wir stehen mit Streetworkern, die sich beispielsweise um die Alkoholiker im Viertel kümmern, in engem Kontakt", sagt Roman. "Die Alkoholabhängigen gehören schließlich auch zum Viertel."

"Bisher wird Aufwertung gleichgesetzt mit teuer und hip", sagt Daniela Nuß. Sie meint, dass Aufwertung auch einfach lebenswert bedeuten könne und nicht teuer heißen müsse. "Ich hoffe, dass wir dafür ein Bewusstsein schaffen."

Dauerhafte Lösung gesucht

Eine alte, vermüllte Küche in dem Haus, das zur Versteigerung steht (Foto: Jan Schilling)

Spuren der Vormieter finden sich überall - ein Schatz ist nicht dabei

Die Mitglieder der Wohnungsgenossenschaft suchen nach einer dauerhaften Lösung, um günstig zu leben. Die Miete sei nicht dazu da, dass sich jemand mit den Mietrenditen einen faulen Lenz machen könne. "Mieten dienen in erster Linie dazu, dass die Häuser erhalten bleiben und sie sind auch dafür da, die Kredite zu decken", erklärt Roman.

Der Mietpreis in den Wohnungen der LS W33 soll für eine Wohnung mit Ofenheizung bei 2,50 Euro pro Quadratmeter liegen, mit Zentralheizung bei drei Euro. Kein schlechter Preis: Die durchschnittlichen Mieten liegen in Leipzig bei ungefähr fünf Euro. Damit das auch so bleibt, sind die Wohnungen nicht direkt im Besitz der Gruppenmitglieder. Sie bleiben in der Hand der Genossenschaft, also im Kollektiv.

So will ich leben - so wollen wir leben

Die LS W33 ist eines von gut über 20 Haus-Projekten in Leipzig. "Es ist schon so etwas wie eine Massenbewegung", sagt Roman. Die Modelle sind vielfältig: Einige Gruppen pachten Häuser, andere kooperieren mit dem Mietshäusersyndikat.

Roman Grabolle vor der Eingangstür des ersteigerten Hauses (Foto: Jan Schilling)

In diesem Haus will Roman Grabolle wohnen und leben

Wie sich Gruppen auch organisieren, alle eint das Ziel, nicht zum Spielball von Investoren zu werden. Allen gemeinsam sind viel Idealismus und der kollektive Gedanke. Da muss viel diskutiert werden, manchmal stundenlang, wie in einer großen Wohngemeinschaft. Das kostet Zeit, viel Zeit. Daniela wirft ein, dass "man als normaler Mieter dagegen kaum Mitspracherecht hat". Es sei wie ein Abenteuerspielplatz, auf dem man sich ausprobieren könne. Roman ist klar, dass dies kein Modell für alle sei. "Aber es ist genau so, wie ich leben will", sagt der 36-Jährige. Er möchte gerne in die Georg-Schwarz-Straße 11 einziehen. Das Haus, das heute zur Versteigerung steht.

Der Geldkoffer und die letzten Sekunden

Im Gerichtsaal steigt die Spannung. Zum ersten, zum zweiten, alle schauen darauf, was der Herr mit dem Koffer nun macht. Er bleibt sitzen. "Zum dritten", sagt die Richterin und damit gehört das Haus nun der jungen Genossenschaft, für 56.000 Euro. Insgesamt hat die Wohnungsgesellschaft Central LSW gut 130.000 Euro investiert - alle in den Stadtteil Lindenau im Leipziger Westen, ihrem Viertel. "Jetzt ist aber erst einmal Schluss", sagt Roman. "Im Frühjahr wollen wir anfangen, die Kredite abzubezahlen." Und bis dahin muss renoviert werden.

Ein altes, teils zerstörtes Bad in dem ersteigerten Haus (Foto: Jan Schilling)

Es gibt noch viel zu tun...

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