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Wirtschaft

Rückkehr der Brandbeschleuniger?

Mario Draghi und andere Notenbanker wollen Wertpapiere wieder salonfähig machen, die als Brandbeschleuniger der großen Finanzkrise gelten. Das soll die europäische Wirtschaft beleben. Kann das gut gehen?

Mario Draghi hat es nicht leicht. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die Zinsen auf Rekordtief gesenkt und den Banken günstige Milliardenkredite gegeben – trotzdem kommt die Wirtschaft der Eurozone nicht in Schwung, zu allem Übel droht noch

Deflation.

Was also tun? Der Rat der EZB diskutiert nun über

"Quantitative Lockerung"

nach dem Vorbild der US-Notenbank Fed. Das soll noch mehr Geld in den Markt pumpen. "Ein Instrument kann sein, dass die Zentralbank in großer Menge Aktiva kauft, um die langfristigen Zinsen am Markt zu senken", so Keith Kuester, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bonn.

Wenn aber die Zentralbank selbst zum Großeinkäufer würde, stellt sich die Frage, was genau sie kaufen soll. Schuldpapiere kriselnder Euroländer will sie nur im Notfall kaufen, dann aber unbegrenzt. Es bleibt der Ankauf privater Schulden. Allerdings leihen sich Unternehmen und Konsumenten in Europa ihr Geld meist bei Banken. Mario Draghi wäre es lieber, wenn das mehr über den Kapitalmarkt liefe - wie in den USA. "Es ist nicht leicht, ein Programm zum Aufkauf privater Schulden zu entwickeln, das gleichzeitig groß ist und kein Risiko für die Finanzstabilität darstellt", so Draghi Anfang April. "Aus diesem Grund will die EZB unbedingt den Markt für ABS-Papiere weiter entwickeln."

Ruinierter Ruf

ABS steht für Asset Backed Securities, auf Deutsch forderungsbesicherte Wertpapiere. Sie gehören zur Gruppe der verbrieften Anlageprodukte. Einer der größten Emittenten solcher Papiere in Europa ist die Finanztochter des Autobauers Volkswagen, Volkswagen Financial Services. Über sie wird in Deutschland jedes zweite Auto aus dem Hause Volkswagen finanziert oder geleast. Stefan Rolf leitet den Bereich ABS und ist dafür zuständig, aus den einzelnen Krediten handelbare Wertpapiere zu machen. "Die Erwartung der zukünftigen Raten wird an die Investoren verkauft, dafür bekommen die Investoren natürlich Zinsen. Die Investoren erhalten dann an unserer Stelle die monatlichen Kundenzahlungen", erläutert Rolf.

Volkswagen in Wolfsburg

Jeder zweite Volkswagen in Deutschland wird auf Kredit gekauft oder geleast

Zahlreiche Kredite zu Paketen bündeln und an Investoren weiterverkaufen – so wurden auch minderwertige Immobilienkredite aus den USA verarbeitet. Diese Papiere gelten als ein Auslöser der weltweiten Finanzkrise und sind seitdem in Verruf geraten. Auto-Finanzierer Stefan Rolf findet jedoch, man dürfe ABS-Papiere nicht pauschal verurteilen. "Es gibt keine einzige deutsche Auto-ABS-Transaktion, egal ob von Volkswagen oder unseren Mitbewerbern, die jemals einen Ausfall erlitten hat."

Die Kreditwürdigkeit der Autokäufer werde besser geprüft, so Rolf. Und selbst wenn jemand seine Raten nicht mehr bezahlen kann, bleibe als Sicherheit immer noch das Auto, das im Gegensatz zu einem Haus schnell und unkompliziert zu Geld gemacht werden könne. Die Europäische Zentralbank sieht das ähnlich und akzeptiert Auto-ABS als Sicherheit von Geschäftsbanken, die sich bei ihr refinanzieren.

Geschrumpfter Markt

Trotzdem: Der ruinierte Ruf von Kreditverbriefungen hatte Auswirkungen auf den Handel in Europa. "Der Markt ist seit der Finanzkrise um rund 80 Prozent geschrumpft, und er zeigt keine Anzeichen einer Erholung", sagt Richard Hopkin, Leiter der Verbriefungsabteilung beim Verband für Finanzmärkte in Europa (AFME), einer Organisation großer Banken und Investoren mit Sitz in London.

Hopkin betont, europäische Verbriefungen seien nicht mit US-Schrotthypotheken vergleichbar, ihr Ausfallrisiko sei immer niedrig gewesen. "Verbriefung ist nur ein Werkzeug, mit dem sich Banken refinanzieren und ihr Risiko managen. Wie jedes andere Werkzeug auch kann man damit gute und weniger gute Dinge machen", so Hopkin gegenüber DW. "Es ist wie bei Autos – die verursachen auch keine Unfälle, sondern die Menschen, die sie fahren."

Verglichen mit den USA ist der europäische Verbriefungsmarkt relativ klein. Laut Angaben von AFME hatte er im vergangenen Jahr ein Volumen von 181 Milliarden Euro, gegenüber umgerechnet 1553 Milliarden Euro in den USA.

Eine Frage der Regeln

EZB-Chef Mario Draghi

Auf der Suche nach Einkaufsmöglichkeiten: Mario Draghi

Für die Europäische Zentralbank ist das begrenzte Angebot an Papieren, die sie im Rahmen einer quantitativen Lockerung kaufen könnte, ein Problem. Auch deshalb fordern Mario Draghi und andere europäische Notenbanker einen stärkeren ABS-Markt. Bei der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank in Washington riefen EZB und die Bank of England gemeinsam dazu auf, den ABS-Markt nicht durch überzogene Regulierung unnötig zu schwächen. "Eine Belebung des Verbriefungsmarktes in Europa ist wichtig und überfällig. Entscheidend ist dabei, wie man Verbriefungen für Investoren interessant macht, ohne dass dies zu Lasten der Finanzstabilität geht", sekundierte Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt".

"Wenn eine Zentralbank wie die EZB hier mitmacht, wäre das ein klares Signal, dass der Markt sicher ist und gut funktioniert", sagt Finanzmarkt-Lobbyist Richard Hopkin. Das sei langfristig aber kein Ersatz für die Rückkehr echter Investoren an den Markt. Seit der Finanzkrise würden Verbriefungen "sehr scharf" reguliert, so Hopkin. "Die Signale für Investoren waren sehr negativ, sie wurden abgeschreckt."

Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht und die EU-Kommission überprüfen derzeit Kapitalanforderungen für Banken und Versicherungen, die auch Kreditverbriefungen betreffen. Für Investoren seien diese Regeln entscheidend, so Hopkin. "Davon hängt ab, ob der Markt wieder wächst oder ob er weiter auf niedrigem Niveau dahindümpelt."

Die Positionen der Finanzbranche und der Europäischen Zentralbank sind hier deckungsgleich. Ein interessanter Aspekt angesichts der neuen Rolle, die die EZB ab Herbst 2014 übernimmt: Sie übernimmt dann die Aufsicht über sämtliche Großbanken in der Eurozone.

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