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Fokus Osteuropa

Rückblick: Vor 25 Jahren wurde die "Solidarnosc" gegründet

Vor 25 Jahren entstand in Polen aus einer Streikbewegung heraus die Gewerkschaft "Solidarnosc". Sie hatte entscheidenden Anteil an der politischen Wende 1989 - für viele gilt sie als Anfang vom Ende des Kommunismus.

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Flaggen der «Solidarnosc» am Tor der Danziger Werft (Foto: 8/2005)

Danzig, 31. August 1980. Lech Walesa verkündet unter dem Jubel seiner Anhänger: „Endlich haben wir eine unabhängige, selbstverwaltete Gewerkschaft. Wir haben das Recht zum Streiken, und die weiteren Rechte werden wir schon bald einfordern."

Die Werftarbeiter der Danziger Lenin-Werft mit ihrem Führer Lech Walesa hatten ihr Ziel erreicht: Die Streikbewegung Solidarnosc (dtsch. „Solidarität“) wurde als unabhängige Gewerkschaft akzeptiert. Vorausgegangen waren wochenlange Streiks und Demonstrationen, die ab Mitte August in einen Generalstreik im ganzen Land mündeten. Millionen polnischer Arbeiter und Angestellte gingen für bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln auf die Straße.

Proteste trotz Angst vor Gewalt

Der Auslöser dafür war eine relativ kleine Begebenheit. Die kommunistische Regierung hatte die Fleischpreise in der Kantine der Danziger Werft erhöht und eine Arbeiterin, die sich darüber beschwert hatte, entlassen. Das brachte das Fass zum Überlaufen und Hunderttausende auf die Straßen, immer in der Angst vor möglicher Gewalt der kommunistischen Regierung, die bereits zehn Jahre zuvor Streiks blutig niedergeschlagen hatte.

Und gerade deshalb waren sich die Organisatoren ihres Sieges alles andere als sicher, als die Regierung Ende August 1980 die 21 Forderungen der Streikenden nach Meinungsfreiheit, einer freien Gewerkschaft und dem Streikrecht im "Danziger Abkommen" unterschrieb, erinnert Bogdan Lis, einer der Mitbegründer der "Solidarnosc": „Wir haben das Recht auf eine vom Staat unabhängige Gewerkschaft bekommen, das war ein Durchbruch. Das war so unglaublich, dass wir damals nur überlegt haben, wie lange man das überstehen wird."

Polen unter Kriegsrecht

Klarheit bekamen die Gewerkschafter nach 500 Tagen. Der ehemalige Verteidigungsminister, General Wojciech Jaruzelski, war im Februar 1981 zum Regierungschef gewählt worden. Im Dezember desselben Jahres beendete er die Freiheit der Arbeiter mit dem Satz: „Ich rufe hiermit das Kriegsrecht in ganz Polen aus."

Knapp zwei Jahre dauerte der Kriegszustand und die kommunistische Regierung griff durch. Kritiker und "Solidarnosc"-Anhänger wurden in Internierungslager gesperrt, auch die Führungsriege der "Solidarnosc" um Lech Walesa. Die kommunistische Regierung versuchte das Land zu säubern. Doch der Freiheitsdrang konnte nicht mehr unterdrückt werden, so Wladyslaw Bartoszewski - damals Vorsitzender des polnischen Schriftstellerverbandes und in den 90er Jahren polnischer Außenminister - nach seiner Entlassung aus einem Internierungslager im Oktober 1982: „Die Auflösung der Gewerkschaften war ein Schritt, der nicht ohne Folgen bleiben kann. Es sind jetzt viele aus der Haft entlassen worden, aber es bleiben viele in Haft, auch namhafte Schriftsteller und Professoren. Es gibt noch viele Verhaftete und Verurteilte, auch viele Frauen. Wir Katholiken in Polen sind sehr bedrückt und in großer Sorge."

Aktionen im Untergrund

Auch Walesa wurde verhaftet und stand bis Ende 1982 unter Hausarrest. Doch die "Solidarnosc" agierte unter seiner Führung im Untergrund über Jahre weiter. Die Unruhe im Land war so nicht mehr zu stoppen und führte im Sommer 1988 schließlich zur wirklichen Wende in Polen.

Nach erneuten Streikwellen der Gewerkschaft erklärte sich Regierungschef Jaruzelski zu Runden-Tisch-Gesprächen bereit, die schließlich zu freien Wahlen führen. Lech Walesa wird 1990 zum Präsidenten gewählt. Doch schon da begann die "Solidarnosc" auseinanderzudriften. Unterschiedliche Interessen und radikale Reformen im Transformationsland Polen führten zum Verlust von Popularität und Einfluss. Auch Walesa stand wegen seiner Neigung zu Selbstherrlichkeit schnell in der Kritik und wurde 1995 auch als Präsident nicht wieder gewählt.

Geschrumpfte Bedeutung

Politisch hat die "Solidarnosc" heute keinen Einfluss mehr und hat sich wieder in eine rein gewerkschaftliche Organisation gewandelt mit noch knapp einer Million Mitgliedern und auch nur geringem Einfluss auf Vorgänge in Unternehmen. Zu besten Zeiten waren ihr mehr als zehn Millionen Menschen gefolgt. Und so begründet Lech Walesa seinen Austritt aus der Gewerkschaft zum 25. Jahrestag auch mit den heute ganz anderen Zielen der Gewerkschaft. Ihre Verdienste sieht er in der Vergangenheit: „Ohne sie gäbe es keine Wiedervereinigung Deutschlands, es gäbe keine Überwindung des Kommunismus, es sind also große Errungenschaften. Dennoch sollten wir hier zwei Sachen nicht verwechseln: Auf der einen Seite ein großer Sieg und auf der anderen schwache Ergebnisse in der Nutzung dieses Sieges. Das wird sehr oft bei uns und in Europa übersehen."

Christiane Hoffmann

DW-RADIO, 25.8.2005, Fokus Ost-Südost