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Kultur

Römisches Leben unter dem Kanzleramt

Im alten Bonner Regierungsviertel wird wenige Meter unter der Erde römische Vergangenheit lebendig. Vor dem früheren Kanzleramt graben Archäologen zur Zeit die Reste einer verfallenen Römersiedlung aus.

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Ausgrabungen in Bonn

Direkt gegenüber vom alten Bonner Plenarsaal türmen sich braune Erdmassen zu einer hügeligen Mondlandschaft. Hier und da eine ausgehobene Grube, drei Bagger graben sich weiter ins Erdreich. Nora Andrikopoulou-Strack steht auf einem dieser Hügel, hat lehmverschmierte Wanderstiefel an und sieht sehr zufrieden aus. Sie ist Abteilungsleiterin beim Landschaftsverband Rheinland. Und mit dafür verantwortlich, dass aus der Bau- eine Grabungsstelle wurde: "Diese Grabungsfläche ist im technischen Sinn das größte zusammenhängende Fenster in die Geschichte eines römischen Vicus hinein, die es jemals in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben hat."

Ein Vicus ist ein römisches Dorf. Und auf genau so eins sind Baggerschaufeln in rund drei Meter Tiefe gestoßen. Eigentlich sollten hier bereits Teile des neuen UN-Kongresszentrums stehen. Jetzt herrscht aber Baustopp. Archäologen dürfen die historischen Funde - Teller, Töpfe, Knochen und Gebäudereste - frei legen und bergen.

Kratzen, waschen, nummerieren und versiegeln

Gearbeitet wird immer von grob nach fein. Und nach Bagger und Schaufel, wird in den zahlreichen Gruben die "Kratze" herausgeholt - für die Feinarbeit. "Eigentlich ist das ein Gartengerät. "Bei uns läuft das unter Kratze, das ist halt ein Gerät, mit dem man parallele Flächen putzen kann", sagt der junge Mann mit dem dreckverschmierten Overall.

Grabungen im Bonner Regierungsviertel

Gary White (l) und Peter Henrich freuen sich über die Funde

Gefunden hat das rund 50-köpfige Team in den vergangenen Wochen so einiges. Sauber gewaschen, nummeriert und versiegelt lagern Tassen, Krüge, Scherben, Haarnadeln und Knochen im Keller der verbliebenen Abgeordnetenappartements. Rund 300 Kisten sind bereits voll. Hier ist das Reich von Peter Hendrick, Leiter des Fundstücke-Innendienstes: "Ganz besondere Highlights sind zum Beispiel dieser Teller, der sieht wirklich so aus, als ob er gerade aus der Töpferei gekommen wäre. Eine hervorragende Qualität die sich über 2000 Jahre gehalten hat."

Komfortabel und modern

Neben Claudius Secundus, sein Name findet sich auf einem der Teller, müssen rund 2000 Menschen in dem Dorf gelebt haben. In stabilen Häusern, das Geschäft nach vorne raus, hinten ein Garten. Neben einer befestigten Straße, einem Tempel und einem Ziegelofen gab es offensichtlich auch ein Thermalbad für alle - mit einer Fußbodenheizung. Immer wieder überraschend, wie komfortabel und verhältnismäßig modern die Römer gelebt haben.

Doch die Funde von Hendrick und seinen Kollegen beschränken sich nicht auf diese Zeit: Sie reichen bis ins 19. und 20. Jahrhundert. Aufgrund zahlreicher Flaschenfunde und Verschlussfunde konnte etwa auch die Bonner Brauereigeschichte sehr gut nachvollzogen werden. Auch einen verrosteten amerikanischen Soldatenhelm aus dem Zweiten Weltkrieg haben die Archäologen gefunden - mit Einschussloch. Und während Hendrick die Fundstücke präsentiert und in der Hand dreht, wird Geschichte auf einmal sehr lebendig. Ob Claudius Secundus, der Römer, vor knapp zweitausend Jahren an die Zukunft dachte, während er im Thermalbad saß?

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