1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

Röhren im Sand

Richard Riediger sammelt Blitze. Genauer gesagt, er sammelt, was von den Blitzen übrigbleibt: Kleine dünne Röhren, die der Einschlag im Sand zurücklässt. Mit seiner Sammlung steht er sogar im Guiness-Buch der Rekorde.

Blitzsammler Richard Riediger (Foto: DW/Andreas Ziemons)

Blitzsammler Richard Riediger

Angefangen hat alles mit einer kleinen, etwa fünf Zentimeter langen, dünnen, grauen Röhre, die Richard Riediger vor rund 30 Jahren an einem steinzeitlichen Fundplatz entdeckte. Etwas gezackt und ausgefranst sah sie aus, war leichter als ein Stein und konnte auch kein Knochen sein. Lange Zeit wusste der damalige Landschaftsgärtner nicht, was er da in der Hand hielt. Theorien hatte er einige, aber erst der Besuch einer Mineralienbörse brachte Klarheit. Es war ein Blitz, genauer gesagt die kristallene Röhre, die der Blitzeinschlag im Sand zurückgelassen hatte. "Als ich dann wusste, was es war", sagt Riediger, "habe ich natürlich die Augen offen gehalten."

Blitzröhren in Vitrine (Foto: DW/Andreas Ziemons)

So sehen Blitzeinschläge aus

Zwar gewittert es vor allem im Sommer immer wieder mal, trotzdem aber ist es alles andere als einfach, eine gut erhaltene Blitzröhre zu finden. "Blitzröhren bilden sich nur in Quarzsand", erklärt Riediger. "Das ist auch der Rohstoff für die Glasherstellung. Aber nass muss der Sand sein, sonst funktioniert es nicht. Der Blitz schlägt ein, die Innenkörnung wird rausgeschleudert und es entsteht eine dünne Röhre." Allerdings müsse man oft jahrelang warten, bis der Wind den Sand soweit abgetragen habe, dass die Röhre zum Vorschein komme.

Mittlerweile ist Richard Riediger 76 Jahre alt und hat eine stolze Sammlung von insgesamt 30 Blitzröhren zusammengetragen. Damit steht er sogar im Guiness-Buch der Rekorde. Die meisten seiner Blitze stammen aus der Gegend, die Riediger am meisten am Herzen liegt, der Teverner Heide, einer sandigen Heidelandschaft nicht weit von Aachen an der deutsch-niederländischen Grenze gelegen. Hier ist Riediger, der sich schon als Kind vor allem für Steine interessierte, immer wieder auf Streifzug gegangen und hat so unter anderem 19 Neandertaler-Fundstätten in der Heide entdeckt, er besitzt die umfangreichste Mittelsteinzeit-Sammlung in Deutschland. Irgendwann fiel ihm dann auch sein erster Blitz in die Hände.

Zwei Meter langes Prunkstück

Museum Riediger (Foto: DW/Andreas Ziemons)

In seinem Museum stellt Riediger nicht nur Blitze aus

Im Keller seines Hauses hat Richard Riediger ein Museum eingerichtet. In die Wände des langen, schlauchartigen Raumes sind große Glasschränke eingelassen, im Gang stehen weitere Vitrinen. Hier kann man all das bewundern, was der Hobby-Archäologe in seiner Karriere zusammengetragen hat: Steine aus römischen Brunnenanlagen, Metallschmuck vom Zaumzeug eines römischen Soldaten, ein ganzer Sarkophag aus Tuffstein, mehrere Faustkeile und zwei komplette steinzeitliche Fundplätze. Die Blitzsammlung nimmt einen eher kleinen Teil im hinteren Bereich des Museums ein. Hier liegen die Röhren, die meisten zwischen drei und sieben Zentimetern groß, sauber aufgereiht in einer Vitrine.

Neben der Vitrine an der Wand lehnt ein weiterer, länglicher Holzkasten, der mit einer Glasplatte abgedeckt ist. In dem Kasten ruht das Prunkstück der Sammlung: ein gut zwei Meter langer Blitzeinschlag.

Blitzröhre in Glaskasten (Foto: DW/Andreas Ziemons)

Der längste Blitzeinschlag in Richard Riedigers Sammlung ist zwei Meter lang

"Als ich den gefunden habe", erinnert sich Riediger, "schauten die obersten fünf Zentimeter aus dem Sand heraus. Also habe ich mir Werkzeug geholt und ihn ausgebuddelt. Ich dachte, wenn er dreißig oder vierzig Zentimeter lang ist, habe ich ein schönes Fundstück. Plötzlich war ich bei zwei Metern." Mit diesem Prachtexemplar ist Riediger auch über die Grenzen seines Heimatortes bekannt geworden. Zahlreiche Ausstellungen hat er besucht, mehrere Male ist er mit dem Blitz im Fernsehen aufgetreten. "Auch in der Presse ist das Ding um die Welt gegangen", erzählt Riediger und lächelt ein wenig stolz. "Der weiteste Bericht kam sogar aus Papua-Neuguinea."

"Sie sind schlechte Staatsbürger der DDR"

Richard Riediger mit seinem Zwei-Meter-Blitz im Garten (Foto: DW/Andreas Ziemons)

"Den gebe ich nicht aus der Hand"

Alleine hat Riediger seinen Blitz aber nie reisen lassen. "Den würde ich nicht mal meiner eigenen Schwester anvertrauen", sagt er und lacht. "Entweder ich transportiere ihn selbst oder er bleibt hier." Klar, dass Richard Riediger zahlreiche Anekdoten zu erzählen hat, die ihm auf seinen Reisen mit dem Blitz passiert sind. So war er einmal auf dem Weg zu einer Fernsehsendung in West-Berlin und musste durch die damals noch existierende DDR fahren. "Als ich in Helmstedt bei der Grenzkontrolle war, fragten die Beamten: Was haben Sie denn da in dem Kasten? Mit einem Grinsen im Gesicht sagte ich: einen Blitzeinschlag!" Riediger erinnert sich noch gut, dass die Grenzbeamten daraufhin etwas ungehalten wurden, schließlich dachten sie, er wolle sie auf den Arm nehmen. Doch Riediger blieb ganz ruhig: "Meine Herren, sie müssen schlechte Staatsbürger der DDR sein", sagte er. "In Dresden hängt ein Blitzeinschlag, der ist noch viel größer als dieser hier. Das weiß im Westen jedes Kind." Deutlich peinlich berührt ließen ihn die DDR-Grenzer danach in Ruhe und er durfte weiter fahren.

Autor: Andreas Ziemons
Redaktion: Judith Hartl

Die Redaktion empfiehlt