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Europa

Rätselraten um Gesundheit Chiracs

Frankreichs Präsident Chaques Chirac regiert das Land aus dem Krankenbett. Während der Elysee-Palast schnelle Genesung verspricht, kritisieren die Medien die Informationspolitik. In Chiracs Partei kämpfen die Nachfolger.

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Die "Grande Nation" sorgt sich um ihren Präsidenten

Frankreich spekuliert über den Gesundheitszustand seines Präsidenten Chirac. Der 72-Jährige war am Freitag (2.9.2005) in ein Militärkrankenhaus eingeliefert. Im letzten Bulletin vom Montag spricht die Chefärztin der Streitkräfte, Anne Robert, von einem "kleinen Bluterguss", der zu einer "isolierten und begrenzten Beeinträchtigung des Sehens" geführt habe. "Die klinischen Anzeichen gehen zurück und zeigen eine günstige Entwicklung an." In einigen Tagen könne Chirac die Klinik verlassen. Seitdem hieß es nur, der Genesungsprozess des Präsidenten rechtfertige keine neue Erklärung der Ärzte.

In Paris bemüht sich die Umgebung des Präsidenten um den Anschein von Normalität. Jean-Louis Debré, Präsident des französischen Parlaments und Vertrauter Chiracs, versichert, es gebe kein Machtvakuum an der Staatsspitze. Der Präsident führe die Amtsgeschäfte aus dem Krankenhaus heraus. So telefonierte Chirac am Dienstag 45 Minuten mit Bundeskanzler Schröder. Debré hat freilich seit der Einlieferung des Präsidenten noch nicht persönlich mit Chirac gesprochen.

Kritik an Informationspolitik

Unterdessen wuchs am Dienstag die Kritik an der Informationspolitik des Elysee-Palasts. "In Frankreich praktizieren wir einen Geheimhaltungskult, der den

Kreml zu Zeiten der früheren Sowjetunion stolz gemacht hätte", heißt es im Leitartikel der Tageszeitung "Le Monde".

In einem Interview mit der Tageszeitung La Croix erklärte der Vorsitzende der Ärztevereinigung L'ordre des médecins, Jacques Roland: "Die Bulletins über den Gesundheitszustand des Präsidenten kommen nicht von den Ärzten", sondern würden "in Wirklichkeit vom Patienten (Jacques Chirac), seinen Vertrauten und seinen Beratern zusammengestellt".

Auf einer gnadenlosen Karikatur über die halbe Titelseite zeigt die Pariser Zeitung "Liberation" Chirac in den allerletzten Zügen im Krankenbett. An den Bettrahmen krallen sich zwei Geier, die sich gegenseitig bösartig beäugen: Premierminister Dominique Villepin und sein Innenminister Nicolas Sarkozy, die sich für eine Kandidatur bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2007 in Position bringen.

Kampf um Nachfolge

Dabei präsentiert sich Premierminister de Villepin als Erbe Chiracs und plädiert für den "Wandel in der Kontinuität" bei den Neogaullisten. Innenminister Nicolas Sarkozy, Chiracs schärfster Konkurrent im eigenen Lager, plädiert dagegen für einen Bruch mit 30 Jahren Chiracismus. Zum zweiten Male innerhalb weniger Tage konnte Villepin Punkte sammeln. "Speedy Sarko" hatte den Parteijugend-Kongress nutzen wollen, um mit gewagten Reformvorschlägen als UMP-Chef die Regierung vor sich her treiben und Chirac und dessen Vertrauten Villepin als unbewegliche Vertreter des Gestrigen darstellen zu können. Doch dann kam alles anders. Erst präsentierte Villepin am Donnerstag (1.9.2005) ein weit greifendes Programm zur Steuer- und Sozialreform und nahm damit seinem Erzrivalen den Wind aus den Segeln. Dann verhinderte Chiracs Aufnahme ins Krankenhaus Sarkozys Plan, den "Alten" und seinen Kurs auf der Kongressbühne frontal anzugreifen. "Chirac, Chirac" rief die Parteijugend.

Erneute Kanditatur?

Im Prinzip hat auch der Präsident eine dritte Kandidatur nicht ausgeschlossen. Bisher war Chirac vor allem durch das verlorene Referendum zur EU-Verfassung politisch schwer angeschlagen. Durch die zusätzlichen Gesundheitsprobleme wird eine weitere Kanditatur gänzlich unwahrscheinlich. (os)

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