Rätselhafte Männerbünde: Burschenschaften | Deutschland | DW | 03.02.2018
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Gesellschaft

Rätselhafte Männerbünde: Burschenschaften

Frauenfeindlich, rechtsextrem, ewig-gestrig: Nicht erst seit dem Skandal um ein judenfeindliches Liederbuch in Österreich stehen Burschenschaften in der Kritik. Wie extrem sind diese Studentenverbindungen?

Eines scheint sicher: Burschen singen gerne. Für ihre Mitglieder hat die österreichische Burschenschaft "Germania zu Wiener Neustadt" jedenfalls ein eigenes Liederbuch erstellt. Darin: judenfeindliche und volksverhetzenden Texte. Das Buch gibt es in der aktuellen Fassung zwar schon seit 21 Jahren, doch jetzt wurde dessen Existenz öffentlich.

Udo Landbauer (picture alliance/dpa/R. Jaeger)

FPÖ-Politiker Landbauer: Rücktritt wegen Liederbuchskandal

Ein Skandal, der hohe Wellen schlägt und schon zu einem Rücktritt geführt hat: Udo Landbauer, aufstrebender FPÖ-Politiker und bislang Germania-Vizepräsident, wurde aus allen Ämtern gespült. Und auch die Burschenschaft selbst könnte hinwegschwemmt werden. So möchte Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz die "Germania zu Wiener Neustadt" auflösen lassen."Vereine, in denen so etwas Widerwärtiges stattfindet, haben in unserem Land keinen Platz", so Kurz am Mittwoch in Wien.

Wasser auf die Mühlen von Kritikern in Deutschland, die davon überzeugt sind, dass Burschenschaften generell überwiegend rechts bis rechtsextrem sind. Was ist dran?

Verschworene Gemeinschaft

Burschenschaften sind Studentenverbindungen, die Brauchtum und Tradition sehr akribisch pflegen und dabei ein besonderes Bild von Männlichkeit haben. Nur Männer dürfen Mitglied werden. Zum Ritual gehört eine Probezeit. Wer die übersteht, darf ein Leben lang Mitglied bleiben und bei der Burschenschaft für die Karriere wichtige Kontakte knüpfen.

Burschenschaftler setzten auf eine verschworene Gemeinschaft, geben sich gegenseitig das Gefühl einem elitären Kreis anzugehören und können während des Studiums meist für eine sehr geringe Miete in prachtvollen Häusern in besten Innenstadtlagen wohnen.

Burschenschaftler mit Schmiss in Eisenach (2011) (Getty Images)

Burschenschaftler mit Schmiss in Eisenach (2011): Besonderes Bild von Männlichkeit

Auch das Fechten mit anderen Burschenschaftlern gehört zur Tradition. Bei diesen Mensuren mit scharfen Klingen sind die meisten Körperteile geschützt, aber Wangen und Schädel liegen frei - mit Absicht. Wird man getroffen, fließt meist Blut und es bleibt eine Narbe zurück. So ein Schmiss wird allerdings nicht als Zeichen der Niederlage gesehen, sondern meist mit Stolz getragen - denn so sieht jeder, dass man sich dem Kampf gestellt hat.

Alte Herren

Bei ihren bierseligen Festen wird eine uniformartige Kleidung getragen und zu Gast sind stets die "alten Herren", langjährige Burschenschaftler, die den jungen Mitgliedern jederzeit mit Rat zur Seite stehen - und oft auch beruflich weiterhelfen. Sie sind zum Teil sehr einflussreich. Dass Burschenschaften verschworene Männerbünde sind, die ungern Einblick in ihre Gemeinschaft gewähren, musste auch Michael Gehler erleben.

Studentenverbindung Albia um 1881 (picture alliance/IMAGNO/Austrian Archives)

Studentenverbindung "Albia" (um 1881): Wunsch nach Einheit

Der Geschichtsprofessor an der Uni Hildesheim hatte Ende der 1990er gemeinsam mit Kollegen ein kritisches Buch über die Geschichte der Burschenschaften geschrieben. Die Erstauflage war schnell vergriffen. "Wir haben dann erfahren, dass es von diesen Altherrenverbänden aufgekauft worden war, die nicht wollten, dass das Buch eine breitere Leserschaft gewinnt", so Gehler im Gespräch mit der Deutschen Welle.

In Deutschland gibt es mehr als 1000 Studentenverbindungen, darunter rund 120 Burschenschaften, die meisten davon in traditionellen alten Universitätsstädten wie Marburg, Heidelberg und Tübingen. Ihren Ursprung haben sie Anfang des 19. Jahrhunderts, als Deutschland von Napoleons Truppen besetzt war und noch aus vielen Kleinstaaten bestand.

Insbesondere Studenten hatten damals den Wunsch nach nationaler Einheit. Und so gründeten Hochschüler im Juni 1815 in Jena die erste Burschenschaft. Die Gründer dieser Urburschenschaft wählten die Uniformfarben einer Freiwilligeneinheit des preußischen Heeres als Erkennungszeichen: Schwarz, Rot, Gold.

Kritik an Burschenschaften

Burschenschaften werden oft als anachronistisch angesehen. Die größte Kritik aber zielt auf die angebliche rechte oder rechtsextreme Haltung von Burschenschaften ab. Sind Burschenschaften wirklich rechts? "Ja, da ist schon was dran. Klar", gibt Philipp Stein offen zu. Er ist Sprecher der "Deutschen Burschenschaft", dem mit Abstand größten und ältesten Dachverband mit rund 70 Burschenschaften und 8000 Mitgliedern. Die Frage sei nur, wie man den Begriff definiere.

Philip Stein (picture alliance/dpa/M. Reichel)

Burschenschaftler Stein: "Pendant zu einem linken Zeitgeist"

Ein Großteil der Burschenschafter sei für ein traditionelles Familienbild statt für "Gender Mainstreaming"."Die Burschenschaft steht eher für ein Leistungsprinzip", sagt Stein, und "vertritt mit dem Fechten eher ein anderes Bild von Männlichkeit." Wenn dies alles als "rechts" gelte, als "Pendant zu einem linken Zeitgeist", dann sei das "sicher nicht verkehrt." Schwierig werde es nur dann, wenn man aus rechts rechtsextrem mache, so Stein im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Mitglied bei den Burschenschaften von Steins Dachverband kann man nur werden, wenn ein Elternteil deutscher Herkunft ist und das andere Elternteil zumindest aus dem europäischen Kulturraum kommt. Zudem muss man Wehrdienst geleistet haben.

Punkte wie diese führten unter den Burschenschaftlern zu Streit, sodass es inzwischen zwei weitere Dachverbände gibt: seit 1996 die "Neue Deutsche Burschenschaft", der zehn Burschenschaften angehören, und seit 2016 die "Allgemeine Deutsche Burschenschaft", die die Interessen von 27 Verbindungen vertritt. Deren Sprecher Michael Schmidt nennt den Grund für den Austritt: Bei der "Deutschen Burschenschaft" habe man "gewisse Verhaltensweisen deutlich in der rechten, rechtsextremen und rechtsradikalen Ecke gesehen". Und das habe "mit burschenschaftlichen Grundwerten nichts zu tun".

Abnehmende Bedeutung

Die Bedeutung der Studentenverbindungen allgemein und damit auch der Burschenschaften hat über die Jahrzehnte abgenommen. "Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik waren über die Hälfte der Studierenden in einer Studentenverbindung", sagt der Sozialwissenschaftler Dietrich Heither, der über die "Deutsche Burschenschaft" promoviert hat und sich seit 25 Jahren mit dem Thema beschäftigt. "Heute bewegt sich der Anteil der Verbindungsstudenten gemessen an der Studentenzahl insgesamt bei 1,5 bis 2 Prozent".

Für Heither sind Burschenschaften ein Relikt vergangener Tage: "Sich prügelnde und saufende Akademiker passen weniger in eine Welt von Softskills und sozialen Kompetenzen, die ja in modernen, weltweit operierenden Unternehmen immer mehr gefragt werden." Trotzdem dürfe man ihre Wirkung nicht unterschätzen. Vor allem die "alten Herren" hätten gute Kontakte in Politik und Wirtschaft.

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