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Räume schaffen für die Kultur

Florian Blaschke27. Juni 2006

In Paris tagen am 27.6. erstmals die Staaten, die die UNESCO-Konvention zum Schutz nicht-materiellen Kulturerbes ratifiziert haben - ohne Deutschland. Doch welche Güter sollen dadurch eigentlich geschützt werden?

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Die Wurzeln des Bunraku, des japanischen Puppentheaters, reichen in das 18. JahrhundertBild: AP

Die Konvention war im April 2006 mit der Ratifizierung durch den 30. Mitgliedsstaat in Kraft getreten, mittlerweile haben sich 52 Länder dem Schutz der besonderen Kulturgüter verpflichtet. Eine bereits 90 Werke umfassende Liste solcher Güter beinhaltet Sprachen, mündliche Literaturformen wie Mythen und Erzählungen, Bräuche, Tänze oder handwerkliche Fähigkeiten.

Moussem Festival in Marokko
Reiter warten auf den Start des Pferderennens beim Moussem-Festival in MarokkoBild: AP

Dazu gehören etwa das traditionelle Festival "Moussem" in Marokko, bei dem nomadische Berber Musik und Tanz aufführen, das Patum-Fest im spanischen Berga oder das japanische Marionettentheater "Ningyoh Johruri Bunraku". Doch auch ganze Kulturräume wie die Heimat der Beduinen in der Region Petra und Wadi Rum in Jordanien oder Objekte wie die Fujara-Flöte aus der Slowakei werden von der UNESCO als schützenswert angesehen.

Durchdringung des Alltags

Von Schutz möchte Dr. Gunther Hirschfelder vom volkskundlichen Seminar der Universität Bonn jedoch eher nicht sprechen: "Man kann Kultur nie wirklich unter Schutz stellen", sagt er. "Man muss ihr Räume schaffen, was aber auch nicht zu einer Folklorisierung führen darf." Räume, die durch die Globalisierung und Urbanisierung immer kleiner werden. Und das, obwohl die meisten schützenswerten Güter, die zum nicht-materiellen Kulturerbe zählen, den Alltag wesentlich stärker durchdringen als die materiellen.

Frauen bei der Hausarbeit
Traditionelles Essen ist auch in Deutschland ein schützenswertes KulturgutBild: picture-alliance/ ZB

"Denken Sie beispielsweise an die Ernährung", sagt Hirschfelder. "Da gehen Kenntnisse verloren und niemand kann sagen, in welchem Ausmaß. Hätte man mich zu meiner Schulzeit gefragt, ob ich das Essen meiner Mutter geschützt haben will, hätte ich natürlich 'Nein' gesagt. Inzwischen weiß ich, wie wertvoll solches Wissen ist." Hirschfelder geht es zunächst einmal darum, den Status Quo zu dokumentieren, eine Grundvoraussetzung für wissenschaftliche Arbeit vor allem in Deutschland, einem Land, das die Konvention bisher nicht ratifiziert hat.

Der inhaltliche Verlust ist nicht zu verschmerzen

Denn die Gefahr ist größer, als oft angenommen wird. "Der Verlust eines Territoriums, das hat die Geschichte gezeigt, ist zu verschmerzen", so Hirschfelder. "Der inhaltliche, kulturelle Verlust jedoch nicht." Dazu komme, dass die Traditionen in vielen Bereichen von einer "Eventisierung" bedroht seien, wie etwa der rheinische Karneval, bei dem zwischen den dörflichen, traditionelleren Formen und den Massenveranstaltungen der Großstädte wie Köln oder Düsseldorf gewaltige Unterschiede bestünden.

Patum-Fest in Berga, Katalonien, Spanien
Jedes Jahr im Frühling feiert Berga zu Fronleichnam mit viel Spektakel das Patum-FestBild: firesifestes/joan guasch

Doch gerade bei Bräuchen und Traditionen sieht der Volkskundler auch große Chancen für die Zukunft: "In diesem Bereich steckt eine Menge Potenzial, Wissen gerade auch an junge Menschen zu vermitteln", sagt Hirschfelder. "In einer Zeit, in der immer mehr über die Bildung der Jugend und neue Unterrichtsformen diskutiert wird, müssen wir junge Leute da abholen, wo sie zu Hause sind." Und auch eine identitätsstiftende Wirkung dürfe man bei solchen Fragen nicht unterschätzen.

Eine gesellschaftliche Diskussion anstoßen

Besonders bei den so genannten immateriellen Kulturgütern sieht Hirschfelder Handlungsbedarf. Durch die starke Verflechtung von Alltag und Tradition wird vieles zu selbstverständlich, wie er am Beispiel des Weihnachtsfestes erläutert: "Es ist inzwischen so, dass Weihnachten markttechnisch elf Wochen dauert. Der eigentliche Grund dieses Festes ist für die meisten Menschen aber nur noch Nebensache." Damit dies anderen Traditionen und Kulturgütern nicht ebenso geht, hofft Hirschfelder auf die UNESCO-Konvention.

Karneval in Köln
Trotz langer Tradition ist der Kölner Karneval inzwischen zu einem Massen-Event gewordenBild: AP

Die Teilnehmer der Konferenz haben eine schwierige Aufgabe übernommen. Sie sollen etwas schützen, das ständig in Bewegung ist, das sich ständig verändert. "Kulturelles Wissen erodiert, und dem müssen wir Einhalt gebieten", sagt Hirschfelder. Um das zu schaffen, müsse jedoch mehr Geld in die wissenschaftliche Aufarbeitung investiert werden: "Ich hoffe auf einen Mittelfluss hin zur Kultur, nicht weg davon." Zudem müsse eine gesellschaftliche Diskussion angestoßen werden, um überhaupt erst einmal ein Bewusstsein für solche Probleme zu schaffen.

Zunächst jedoch müssen die Mitglieder bei ihrer ersten Vollversammlung ein Komitee aus 18 Ländervertretern wählen. Dieses soll über die Einhaltung der Regeln sowie über neue Aufnahmeanträge entscheiden. Keine unwichtige Aufgabe, gingen bei der UNESCO doch schon recht skurrile Vorschläge ein. So wollte Österreich bereits seinen Charme unter Schutz stellen lassen, vom "Wiener Schmäh" bis hin zur Vorarlberger Gastfreundlichkeit.