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Kultur

"Querklang": Musik kann so viel mehr sein

Musik mit klappernden Löffeln und knisternden Zeitungen - das Berliner Projekt "Querklang" rüttelt am Musikverständnis von Kindern und Jugendlichen.

"Wenn ihr nicht lacht, dann lacht auch keiner im Publikum", sagt Tobias Dutschke, Komponist und im Projekt "Querklang" auch Pädagoge an der Berliner Hector-Peterson-Sekundarschule. Die 13 Mädchen, die meisten mit Kopftüchern, und der eine Junge sind nervös, albern rum und spielen mit ihren Handys. Letzteres ist o.k., denn die Handys gehören zu ihrer Komposition. Die präsentieren sie jetzt zum ersten Mal öffentlich im Foyer des Kammermusiksaals der Berliner Philharmonie. Die Mädchen sitzen nebeneinander, schalten ihre Telefone an, 13 verschiedene Musiken erklingen. Von oben rieselt Reis auf eine im Raum stehende Metallschüssel, die Gruppe gerät in Bewegung.

Es wird noch mehr Geräusche aus dem Leben geben. Denn die Jugendlichen zwischen 14 und 15 Jahren haben sich Alltagsgegenstände aus den Bereichen "Kosmetik, Küche und Sport" gewählt und damit experimentiert. Für ihre zehnminütige Aufführung haben sie alles kombiniert. Löffel fallen auf den Steinboden, Silberschüsseln klappern und schaben über den Tisch, ein Handtuch peitscht durch die Luft, Gymnastikbälle wummern durch die große Eingangshalle.

Insgesamt fünf Berliner Schulen zeigen das Ergebnis des Projekts “Querklang“ im Rahmen von MaerzMusik, Festival der aktuellen Musik. "Querklang" will den Kindern und Jugendlichen ein breiteres Verständnis ermöglichen für das, was Musik auch sein kann: unterschiedlichste Klänge, Geräusche und Töne. Mehrere Monate haben fünf Teams, bestehend aus einem Komponisten, zwei Musikstudenten und dem Musiklehrer, mit den Kids gemeinsam an "ihrer" Komposition gearbeitet.

Für mich ist das keine Musik

Dreißig Schulen mit insgesamt über 600 Schülern von der Grundschule bis zur Oberstufe haben bis jetzt an "Querklang" teilgenommen. Initiiert wurde das Projekt von Professoren der Berliner Universität der Künste (UdK).

Es gäbe sogar schon den "Querklang-Nachhall" an einigen Schulen, berichtet Kerstin Wiehe, die selbst an der UdK unterrichtet und von Anfang an dabei war. Dass ehemalige Schüler, die jetzt Musik studieren, ihre eigenen Erfahrungen bei "Querklang" an die jungen Leute weitergeben wollen, das sei ein großer Erfolg, aber natürlich nicht die Regel. Eher sei erst mal Skepsis angesagt gegenüber musikalischen Experimenten. Je älter die Schüler und je mehr sie musikalisch vorgebildet sind, desto größer die Vorbehalte.

Man hält sich an das, was man kennt, sagt Andreas Bunckenburg, Musiklehrer der Kurt-Schwitters-Sekundarschule. Natürlich wollten die 26 Schüler der neunten Jahrgangsstufe erst mal das machen, was sie schon vorher gemacht haben. Die aus der Sambagruppe wollten trommeln, die Elektro-Freaks wollten ihre Sampler einsetzen. Das tun sie jetzt auch, aber anders als gewohnt. Im Raum verteilt schaben und kratzen sie über die Trommeln, gehen nacheinander zum Mikrophon, um mit Schlüsseln zu klappern, mit Papier zu knistern oder ein "Uah" von sich zu geben. Jedes Geräusch wird aufgenommen, geloopt und zu einem elektronischen Klangteppich verwoben.

"Kein Beat - Trommeln und Elektronik zusammen, ich war ziemlich festgefahren auf meine Musik", so beschreibt einer der Jungs seine anfängliche Skepsis. "Nur Töne, Geräusche, die man ja auf der Straße hören kann, na ja", sagt ein anderer, der klassisches Klavier lernt. Immerhin hätten sie viel von sich einbringen können, das sei gut. Und, dass sie erfahren haben, was Musik noch so sein kann.

Klingende Schüsseln

Ob das nun Musik ist oder nicht, was sie machen, die Frage stellt sich an der Hector-Peterson-Sekundarschule wohl kaum ein Schüler. Dort gibt es seit geraumer Zeit gar keinen Musikunterricht. Die meisten der Jugendlichen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Klassische Musik ist ihnen fremd, in der Philharmonie sind alle zum ersten Mal. Dass sie jetzt dort, wenn auch nur im Foyer, eine Aufführung geben, ist schon etwas Besonderes.

Audio anhören 03:06

Querklang: Wenn Jugendliche mit Geräuschen experimentieren

Es ist diese Erfahrung, die ihnen bleiben wird, sagt Tobias Dutschke. Für ihn, der ja Komponist und nicht Pädagoge ist, war die Arbeit mit den Jugendlichen eine Herausforderung. Nicht immer konnte er seine Vorstellungen umsetzen. Es sei sehr anstrengend gewesen, die pubertierenden Jugendlichen zu motivieren und "bei der Stange" zu halten. Sie hätten zwar alles ausprobiert, was an Material wie Küchenutensilien, Werkzeuge, Sportgeräte angeboten wurde, aber beim nächsten Treffen war alles wieder vergessen. Immerhin, dass schließlich ein kleines Stück entstanden ist, macht die 15- jährige Jamila Iraki dann doch ein bisschen stolz. Und sie höre Klänge jetzt anders als vorher. Dass eine Metallschüssel so ein beruhigendes Geräusch machen kann, das hätte sie nie gedacht.

"Querklang" sensibilisert

Auch wenn wohl keiner der Jugendlichen, egal ob aus der Sekundarschule oder vom Gymnasium, plötzlich zum Fan von John Cage oder Wolfgang Rihm geworden ist, das Projekt wird keiner so schnell vergessen. Gemeinsam etwas zu erarbeiten, den Spielraum haben, sich auszuprobieren, das ist im durchgetakteten Schulalltag etwas Besonderes. "Querklang" hat in den sieben Jahren, die es das Projekt jetzt gibt, zumindest einigen Schülern "die Welt der Klänge" näher gebracht. Das sei schon ein großer Erfolg, findet Kerstin Wiehe, mehr könne so ein Projekt nicht leisten. Nur die Finanzierung hätte sie gerne dauerhaft geklärt. Dieses Jahr ist der europäische Sozialfonds eingesprungen. Vielleicht findet sich für nächstes Jahr ein Sponsor mit einem "offenen Ohr".

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