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Lebensart

Queen of Punk: Vivienne Westwood wird 75

Vivienne Westwood hat den Punk erfunden. Und ist ihn nie wieder los geworden. Aus einer Hobbyschneiderin in einer düsteren Londoner Boutique ist eine gefragte Modesignerin geworden, die immer noch provozieren kann.

London, Anfang der 70er. In der King's Road 430 lebt ein Pärchen namens Malcolm McLaren und Vivienne Westwood. In ihrem schwarz gestrichenen abgeranzten Laden mit dem Namen "Let it Rock" steht eine Musikbox, sie verkaufen abgefahrene Klamotten, bestickte Samtanzüge, Röhrenhosen und lange Jackets. Die Musik und die Mode der Hippiebewegung geht ihnen auf die Nerven: Der Rock'n'Roll ist aus der Musik verschwunden, die Musikindustrie hat alles übernommen, die Glaubwürdigkeit der revoltierenden Jugend ist weg. Die einzigen "echten" Revoluzzer sind die "Teddy Boys", deren Bewegung ein gesellschaftliches Statement gegen die "Upper Class" ist: "Seht her, hier ist ist die 'working class' und nimmt euch eure Mode weg!"

Vivienne Westwood und Malcolm McClaren (Foto:UnitedArchives)

Traumpaar des Punk - Westwood und McLaren

Vom Rockabilly zum Fetisch zum Punk

Das gefällt Westwood und McLaren. Der Laden in der King's Road läuft und wird immer wieder umbenannt - "Too fast to live, too young to die", dann "Sex", und später "Seditonaries"; Vivienne und Malcolm entwerfen immer verrücktere Klamotten und entfernen sich dabei immer weiter vom Teddy-Look. "Gummikleidung für das Büro" ist nun angesagt. Der Laden wird umdekoriert, Gummi, Ketten und Vorhängeschlösser an den Wänden - ein solcher Fetischladen ist einzigartig in jener Zeit. Und dann bekommen die Klamotten plötzlich Löcher, Reißverschlüsse und Sicherheitsnadeln an den unmöglichsten Stellen. Vivienne und Malcolm haben immer verrücktere Ideen, sie verwenden auch Hühnerknochen, Rasierklingen und sogar Fahrradketten. Hundehalsbänder werden zu Schmuck stilisiert, auf die Stoffe grelle Farben, obszöne Sprüche und Graffittis appliziert.

Video ansehen 04:37

Punkikone im Modezirkus: Vivienne Westwood wird 75

Provokation als Mode

Als McLaren die Punkband Sex Pistols managt, schneidert sie das Bühnenoutfit der Band - und hat seitdem ihren Ruf weg: "Queen of Punk". Die Musik der Sex Pistols, von Clash, The Damned und vielen weiteren Punkbands erobert gegen Ende der 1970er Jahre eine Generation von Jugendlichen, die gerade gar nicht wissen, wo es lang gehen soll. Der Punk knallt mitten rein in diese Ratlosigkeit und gibt den Jugendlichen eine Vision: nämlich gar keine zu haben. "No Future" ist das Motto. Die Musik und die Kleidung sind ein Aufschrei gegen das Establishment, reine Provokation.

Vor dem Buckinghampalast unterzeichnen die Pistols 1977 einen Plattenvertrag (Foto: dpa)

Vor dem Buckinghampalast unterzeichnen die Pistols 1977 einen Plattenvertrag

Plötzlich interessieren sich etablierte Designer wie Gaultier und Versace für diese schrille Punkmode aus London und verarbeiten Punkelemente in ihren eigenen Kreationen. Es dauert nicht lange, und schon bekommt man Kleidung mit Ketten und Sicherheitsnadeln in jeder Boutique - weltweit. Der Punk ist im Mainstream gelandet. Für Vivienne Westwood ein Grund, sich davon zu verabschieden und woanders zu provozieren. Mit ihrer eigenen Kollektion "Pirates" (1981) erobert sie mit Models in Piratenkostümen die Laufstege. Ihren Eintritt in den Modezirkus hat sie damit in der Tasche, eine steile Karriere beginnt und heute gehört sie zu den wichtigsten Modedesignern des 20. Jahrhunderts. Das hätte sie wohl nicht gedacht, als sie damals, Anfang der 1970er, in einem ranzigen Laden in der King's Street 430 anfing, die ersten Löcher in Netzstrumpfhosen zu reißen.

Westwood in kurzem Kleid an ein Auto gelenht. (Foto: dpa)

Vivienne kann auch im hohen Alter noch Bein zeigen (Foto von 2008)

Jon Savage setzt dem Punk ein Denkmal

Wie genau "diese Zeit" aussah und wer da mit wem zu tun hatte, wie der Punk geboren und viel zu schnell wieder gestorben war, das schildert Jon Savages Buch "England's Dreaming". Geschrieben hat er es schon 1992, 2001 ist es in Deutschland erschienen, und nun gibt es eine komplette Neuauflage. Es ist eine Chronik des britischen Punk, mit tagebuchartigen Auszügen des Autors - der natürlich ein glühender Punkfan war - und vielen seltenen Fotos aller Größen der Punkszene.

Jon Savage hat alle persönlich kennengelernt und zeichnet ein genaues, wenn auch subjektives Bild. Savage ist ein bekannter britischer Musikjournalist und hat unter anderem für die Zeitschriften "Sounds" und "New Musical Express" geschrieben. "England's Dreaming" ist ein Zeitdokument und Must Have für alle, die sich für den Punk der 70er Jahre interessieren. Und mitten drin: immer wieder Vivienne Westwood, die, ob sie will oder nicht, für immer ein Teil dieser wilden, heftigen und ehrlichen Jahre bleiben wird. Den Laden in der King's Road gibt es immer noch. Er heißt jetzt "World's End".

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