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Deutschlandtour

Quedlinburg – Faszinierende Fachwerkhäuser

Mal sind sie klein und schief, mal reich verziert und bunt. Fachwerkhäuser bestimmen noch heute das Bild vieler Städte. Als eine der schönsten Fachwerkstädte Deutschlands gilt Quedlinburg in Sachsen-Anhalt.

Marktplatz Quedlinburg mit Fachwerkhäusern

Marktplatz Quedlinburg

Schon von weitem grüßt der Schlossberg, der Quedlinburg überragt. Er ist oft der erste Anlaufpunkt für Touristen: Sie stehen dann staunend vor dem Domschatz und verharren ehrfürchtig am Grab des ersten deutschen Königs Heinrich I. Und wenn sie wieder ins Freie treten, schauen sie hinab auf die Altstadt, auf ein Meer von roten Dächern, auf ein Meer von Fachwerkhäusern.

Fachwerkstadt und Weltkulturerbe

Geschnitzte Verzierungen an einem Fachwerkhaus

Die geschnitzten Verzierungen der Balken sind typisch für die Renaissancezeit.

Die Altstadt von Quedlinburg hat sich seit Jahrhunderten kaum verändert und wie durch ein Wunder die Kriege unbeschadet überstanden. Die UNESCO verlieh Quedlinburg 1994 den Titel Weltkulturerbe. In Quedlinburg stehen rund 1300 Fachwerkhäuser aus sechs Jahrhunderten, so viele wie in keiner anderen deutschen Stadt. Die Balken der Fachwerkhäuser sind oft krumm und schief, so als hätten sie sich der Last der Jahrhunderte gebeugt. Oft sind sie mit geschnitzten Elementen dekoriert. Oder sie tragen Inschriften, etwa mit der Jahreszahl ihrer Erbauung und dem Namen des Zimmermanns.

„In jedem Haus steckt Zeitgeschichte. In jedem Balken, in jeder Fachausmauerung, in jeder Putzschicht. Das macht für mich die Faszination dieser Häuser aus“, sagt Claudia Hennrich, die Leiterin des Deutschen Fachwerkzentrums in Quedlinburg, einem bundesweiten Beratungszentrum für Fachwerksanierung.

Fachwerk – praktisch, preiswert, langlebig

Weiden-Lehmgeflecht und gebrannte Ziegel zwischen Holzbalken

Die ökologische Bauweise unserer Vorfahren: die Wände bestehen entweder aus einem Weiden-Lehmgeflecht oder aus gebrannten Ziegeln.

In Deutschland gibt es noch etwa zwei Millionen Fachwerkhäuser. Es war bis ins 18. Jahrhundert hinein die am weitesten verbreitete Bauweise in Mitteleuropa. Nur Burgen, Schlösser und Kirchen wurden in der Regel aus Stein erbaut. Wer sich ein Haus aus Stein leisten konnte, war im wahrsten Sinne des Wortes steinreich. Holz als Baumaterial war preiswerter und meist auch reichlich vorhanden. Egal, wie sich die Gestaltung der Fassaden im Laufe der Jahrhunderte veränderte, die Grundkonstruktion blieb immer gleich: Aus Balken, den sogenannten Ständern, wurde ein Holzskelett errichtet. Die so entstandenen Zwischenräume, die Ausfachungen, wurden entweder mit einem Weiden-Lehm-Geflecht gefüllt oder mit gebrannten Ziegeln – eine ökologische Bauweise.

Kleines weißes Fachwerkhaus mit braunen Balken.

Das Ständerhaus von 1347 – eines der wenigen erhalten Beispiele aus dem Mittelalter.

Für die Fachwerkexpertin Claudia Hennrich steht eines der interessantesten Häuser Quedlinburgs gleich neben dem Marktplatz, in der Wordgasse Nr. 3: das sogenannte Ständerhaus. Das schlichte Haus ist eines der ältesten in Quedlinburg. Es stammt aus dem Jahr 1347. „An diesem Haus sieht man besonders gut die Bauweise des Mittelalters“, sagt Claudia Hennrich. „In die sechs Meter hohen, geschossübergreifenden Holzständer wurden einfach die Deckenbalken gesteckt. Eine sehr einfache und praktische Konstruktion, die bis heute die Zeiten überdauert hat.“ Bis 1965 war das Ständerhaus bewohnt. Nach umfangreicher Sanierung ist heute hier das Deutsche Fachwerk-Museum untergebracht.

Zeitreise zwischen Mittelalter und Moderne

In Quedlinburg kann man stundenlang durch die Gassen laufen und immer wieder neue Formen von Fachwerk entdecken. Denn die Stadt hat von der Gotik bis zur Gegenwart Beispiele aus allen Stil-Epochen zu bieten: Da sind die mit reichem Schnitzwerk verzierten Häuser aus der Renaissance oder die mit verspielten Malereien geschmückten Barock-Fassaden. Selbst Fachwerkhäuser aus den 1990er Jahren gibt es. Wenn man durch die verwinkelten Gassen der Altstadt schlendert, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, man befinde sich auf einer Zeitreise.

Modernes Fachwerkhaus mit großen Glasfenstern.

Die Holzskelettkonstruktion dieses Wohnhauses stammt aus den 1990er Jahren.

Jährlich kommen rund eine Million Besucher nach Quedlinburg, angelockt von dem Etikett „UNESCO-Weltkulturerbe“. Aber der Titel ist nicht nur Auszeichnung, sondern auch Verpflichtung die historische Bausubstanz zu erhalten. Doch seit Jahren fließen immer weniger Fördergelder aus Landes-, Bundes- und EU-Töpfen in die strukturschwache Stadt, die außer dem Tourismus nur wenige Einnahmequellen hat. „Die Stadt als Denkmal zu erhalten ist bei 1300 Fachwerkhäusern eine enorme Aufgabe,“ sagt Oberbürgermeister Eberhard Brecht. „Zwar haben wir in den letzten 20 Jahren etwa 55 Prozent der Häuser in der Altstadt saniert, aber es bleiben eben noch 45 Prozent, die dringend instandgesetzt werden müssen.“

Und so stoßen Besucher sowohl auf frisch restaurierte als auch auf unsanierte Häuser und Fassaden. Vielleicht aber macht genau das den Charme von Quedlinburg aus: dass es noch nicht an jeder Ecke aussieht wie aus dem Bilderbuch. Alt und Neu stehen hier nebeneinander, so wie eh und je.