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Musik

Quasthoff nimmt Abschied

Die Meldung, dass der Ausnahmekünstler Thomas Quasthoff aus gesundheitlichen Gründen seine Gesangskarriere beendet, hat Fans und Konzertveranstalter gleichermaßen überrascht.

Der deutsche Star-Bassbariton Thomas Quasthoff lächelt am Dienstag (03.04.2007) im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin während einer Diskussionsrunde mit Kindern zum Thema klassische Musik. Der 48-Jährige beantwortete Fragen über seine Lieblingswerke und über seinen Weg zum Bühnenstar. Quasthoff wurde mit einer Conterganschädigung geboren. Foto: Peer Grimm dpa/lbn +++(c) dpa - Report+++

Klassik Bariton Thomas Quasthoff

Thomas Quasthoff hat sein Publikum mit seiner warmen, farbenreichen und voluminösen Stimme und mit seinen intensiven, energiegeladenen Interpretationen stets verzaubert. Nun will der 52-Jährige nie wieder als Sänger auftreten. In seiner Pressemeldung heißt es fast lapidar: "Ich habe mich entschlossen, mich nach fast 40 Jahren aus dem Konzertleben zurückzuziehen, weil es mir meine Gesundheit nicht mehr erlaubt, dem Anspruch, den ich immer an mich selber und an die Kunst gestellt habe, gerecht werden zu können."

Raum für Spekulationen sind mit dieser kurzen Erklärung Tür und Tor geöffnet: Ist etwa seine Kehlkopfentzündung, die ihm im vergangenen Jahr zu schaffen machte, der gesundheitliche Grund? Oder zwingt ihn seine Behinderung zum Rücktritt? Quasthoff ist ein Opfer des Medikaments Contergan, das Ende der 50er, Anfang der 1960er Jahre schwangeren Frauen als Schlafmittel verschrieben wurde, bei den Ungeborenen aber zu schweren Missbildungen führte. Dieser Grund scheint nachvollziehbar: Was hat er seinem behinderten Körper nicht alles zugemutet, ein Leben zwischen Konzertbühne, Plattenstudio, Hotel und Flughafen.

Dank an Fans und Kollegen

Quasthoff im Konzert mit Musikern (Foto: @Harald Hoffmann/ Deutsche Grammophon)

Quasthoff kann auch Jazz

Beim Kritiker Wolfram Goertz gehen die Vermutungen noch in eine andere Richtung. Er fragt sich in der Rheinischen Post, ob Thomas Quasthoff nicht vielmehr unter dem Starkult der klassischen Musikindustrie leide. Indizien dafür hat der Sänger selbst in einem Interview geliefert: Ihm sei die Klassik-Branche zu oberflächlich geworden, sagt er da: "Man hat den Eindruck, außer David Garrett gibt es niemanden mehr."

Eine Unmutsäußerung, die allerdings in seiner Rücktrittserklärung keine Rolle mehr spielt: "Ich habe dem Beruf sehr viel zu verdanken und gehe ohne Bitterkeit. Ich bedanke mich bei allen Musikerkolleginnen und -Kollegen, mit denen ich gemeinsam auf der Bühne stehen durfte, bei allen Veranstaltern und bei meinem Publikum für ihre Treue."

Der Kämpfer

Mit seiner Behinderung ist Thomas Quasthoff immer offensiv umgegangen: "Viele denken, ein Behinderter muss doch leiden, traurig und verzweifelt sein. Aber das bin ich gar nicht", sagt er. "Die Verzweiflung habe ich hinter mir, ich bin sehr lebensbejahend. Ich habe gelernt, über mich zu lachen."

Und sich durchzusetzen: Als der junge Sänger aufgrund der Behinderung zunächst nicht Musik studieren durfte, weckte das seinen Kampfgeist: Seine Stimme sei schließlich normal! Tatsächlich erwies sie sich schon bald als einzigartig.

Thomas Quasthoff am Mikrofon (Foto: @picture alliance/ Sven Simon)

Liedgesang: Quasthoffs Lebenstraum

In den 1980er Jahren machte sich der Bariton als beliebter und gefeierter Liedinterpret schnell einen Namen. Als legendär gilt seine Aufnahme von Schuberts "Winterreise". Zu seinen vielen internationalen Auszeichnungen zählen mehrere Klassik-Echos und drei Grammys. Graham Sheffield, Vorsitzender der Royal Philharmonic Society in London, attestierte dem Sänger 2011 anlässlich der Verleihung des 'Gold Medal'-Preises: "Thomas Quasthoff besitzt eine der intelligentesten und fesselndsten Stimmen klassischer Musik."

Liebe zum Jazz

Neben Opernauftritten und Liederabenden überraschte Thomas Quasthoff sein Publikum in den letzten Jahren immer wieder durch Ausflüge in den Jazz. "Vor dem Abitur ging das schon los", erzählte er. "Wir hatten natürlich auch in meiner Klasse Leute, die gerne Jazz hörten oder Blues spielten, und dann wurde bei jeder Gelegenheit, bei jedem Schulfest Musik gemacht."

Viele Kollegen Quasthoffs können bei Interpretationen außerhalb ihres Genres ihre klassische Ausbildung nicht vergessen, doch er selbst klingt auf seinen beiden Jazz-Alben ganz und gar nicht nach einem Liedersänger, der versucht, etwas anderes zu singen. Quasthoff lebt den Jazz, und seine Liebe zu dieser Musik ist in jedem Ton zu spüren: "Ich phrasiere einfach jazziger und lasse auch mal ein Vibrato weg", erklärt er. "Und ich singe halt nicht mit dieser vollen Stimme, sondern habe sehr früh gelernt, das Mikrofon auch als Soundhilfe zu nutzen. Mal ganz nah ranzugehen und fast nur zu hauchen."

Diese Technik verhelfe ihm zu einem Sound, den er als klassischer Musiker ohne Mikrofon so gar nicht herstellen könne. "Wenn ich so leise singen würde, würde mich niemand in der großen Halle hören." Und wenn Quasthoff Randy Newmans bitterbösen Song über "Short People" interpretiert, dann lernt man, diesen Song ganz neu zu hören: "Bei 1,35 darf ich wirklich von 'short people' singen. Das hat natürlich ein Stück Selbstironie. Ich nehme meine Behinderung als Faktum und kann darüber auch lachen."

Kein Abschied vom Lied

CD Cover: Quasthoff singt Haydn

Quasthoff hat zahlreiche CDs veröffentlicht

Für seine Liebe zum Lied wird Quasthoff sich weiter engagieren, weiterhin an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin unterrichten und seine Kunst in internationalen Meisterkursen weitergeben. Für ihn gehöre das Lied nun einmal zum Schönsten, was es überhaupt gäbe, erklärte er, und er fände es sehr schade, wenn diese Gattung aussterbe.

2009 rief der Sänger den internationalen Gesangswettbewerb "Das Lied" ins Leben. Dem Wettbewerb, der alle zwei Jahre in Berlin ausgetragen wird, wird sich Quasthoff auch in Zukunft widmen um jungen Menschen einen Plattform zu bieten."Es gibt im Englischen diesen wunderbaren Begriff 'encourage' – also jemanden seelisch und im Künstlersein zu bestärken," sagte er. "Und wenn wir das schaffen, dann ist doch schon sehr viel gewonnen." So bleibt Thomas Quasthoffs Talent seinen Fans zumindest indirekt erhalten.

Autorin: Marita Berg
Redaktion: Suzanne Cords

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