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Quälerei im Wanderschuh

Melanie Last
21. September 2017

Extremsportler suchen immer neue Herausforderungen. So entstehen Trends wie jetzt der MegaMarsch. Der Initiator trifft damit den Zeitgeist und den Wunsch in der Gesellschaft, sich von anderen Sportlern abzuheben.

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Zwei Wanderschuhe mit Wanderstöcken stehen auf dem Boden (Foto: Megamarsch)
Bild: Megamarsch

Sie will ihren Körper piesacken, ihre Grenzen ausloten, zügig wandern - ja wenn es sein muss - bis der Arzt kommt, natürlich mit einem Augenzwinkern. Für den MegaMarsch Köln am Samstag (23.09.2017) trainiert Nicole Herber seit Monaten jeden Tag, auch nach der Arbeit, wenn es schwer fällt, noch einmal die Wanderschuhe zu schnüren. 50 Kilometer am Stück ist das längste, was die 41-Jährige bislang gelaufen ist - mit Muskelkatergarantie. Jetzt sollen es die 100 Kilometer in 24 Stunden sein - Wandern Tag und Nacht, auf dem sogenannten Römerkanal-Wanderweg von Brühl bis in die Eifel, gemeinsam mit weiteren 1.000 Sportlern.

Die Challenge ihres Lebens

Teilnehmerin Nicole Herber im Porträt (Foto: DW/M.Last)
Nicole Herber will 100 Kilometer in 24 Stunden wandernBild: DW/M. Last

"Ich will das unbedingt schaffen!", sagt die alleinerziehende Mutter. "Abbrechen kommt für mich nicht in Frage." Wenn sie das sagt, wirkt sie überzeugt und willensstark. Vielleicht auch, weil sie die "Challenge ihres Lebens" mit einem persönlichen Anliegen verknüpft hat. Nicole Herber läuft für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS), damit sich noch mehr Menschen bei der DKMS registrieren lassen. "Schritt für Schritt gegen Blutkrebs" steht auf dem Laufshirt der Bürokauffrau. Ihr Motto: durchhalten. Und deshalb trainiert Nicole Herber auch bei Starkregen und "macht Strecke im Wald", wie sie sagt, um gut auf den MegaMarsch vorbereitet zu sein. "Ein bisschen Krafttraining gehört dazu, genauso wie die warme Badewanne danach", erzählt die begeisterte Wanderin, die selbst bei der DKMS registriert ist.

Von der Schnapsidee zum Startup

Die Idee zum MegaMarsch hatte Marco Kamischke vor einem Jahr. Genau genommen war es eine Schnapsidee oder Idee bei Bierlaune, als er und ein paar Freunde übermütig überlegten: Was soll daran so schwierig sein, 100 Kilometer zu wandern. Das ist ja nur Gehen. Auf facebook suchte der 26-Jährige weitere Mitstreiter. Tatsächlich meldeten sich dann so viele Wanderlustige, dass Marco Kamischke damals selbst nicht mitlaufen konnte. Stattdessen war er Organisator, Verpflegungshelfer und Motivator.

MegaMarsch-Initiator Marco Kamischke (l.) sitzt auf dem Boden (Foto: Megamarsch)
Marco Kamischke (l.) hatte die "Schnapsidee" zu dem MegaMarsch.Bild: Megamarsch

Jetzt ist er Eventmanager, der vom MegaMarsch leben kann. Die Wanderveranstaltungen für das kommende Jahr sind bereits jetzt gut gebucht und werden wohl schon weit vor dem Start ausgebucht sein.

Seinen persönlich ersten MegaMarsch holt Marco Kamischke nach. "Und zwar jetzt in Köln!", sagt der Wanderfan und schnürt seine knallbunten Laufschuhe zum Training. Wie sich 60 Kilometer anfühlen, weiß er. "Die Beine werden schwer, irgendwann tut es richtig weh." Aber 100 Kilometer werden eine neue Erfahrung für ihn sein. Denn er möchte zu den Finishern gehören, die bis zum Ende durchhalten und nicht schon nach den abgesteckten 40, 60 oder 80 Kilometern aufhören.

Auf youtube gibt der MegaMarsch-Initiator Tipps rund um das Laufevent. Dabei setzt er vor allem auf die richtige Ausrüstung. "Jedes Gramm im Rucksack fängt nach einer bestimmten Kilometerzahl an zu schmerzen." Deshalb sollten die Wanderer nur das Nötigste einpacken. Marco Kamischke rät auf jeden Fall zu einer Regenjacke oder einem Regencape. Und weil die Wanderer auch nachts unterwegs sind, sollten Navigationssystem, Handy und Taschenlampe bzw. Stirnlampe nicht fehlen, um sich im Dunkeln orientieren zu können. Die Strecke ist anspruchsvoll - klar, weil es 100 Kilometer sind. Aber anders als in Hamburg und Berlin beispielsweise führt der MegaMarsch Köln in die Eifel und dort machen die Wanderer 1.100 Höhenmeter.

Höher, schneller, weiter

In Köln vor einem Jahr gestartet, gibt es den MegaMarsch - neben Hamburg und Berlin - auch in München und Frankfurt, immer mit Teilnehmerzahlen um die 1.000 Sportler. Das Startup "MegaMarsch" bringt ganz offensichtlich frischen Wind für den deutschlandweiten Wandertourismus. Denn mit dem Slogan "Wir gehen weiter" trifft es den Nerv der Läufer. "Vielen Sportlern genügt der Marathon beispielsweise nicht mehr.", sagt Kirstin Hallmann von der Deutschen Sporthochschule Köln. "Höher, schneller, weiter ist das Motto!" Die Sportwissenschaftlerin beschäftigt sich mit dem Sportkonsumverhalten der Menschen. Sie weiß: "Aus soziologischer und psychologischer Sicht geht es vor allem darum, sich von anderen Sportlern abzuheben, etwas ganz Anderes zu machen, etwas Besonderes. Die Wahrnehmung ist, dass heute fast jeder einen Marathon läuft. Der MegaMarsch hingegen ist neu und anders." So wundert es nicht, dass sich immer mehr Sportler vor allem für extravagante Laufveranstaltungen deutschlandweit anmelden, auch wenn die Anzahl der Lauf- und Wanderevents laut Deutschem Leichtathletik-Verband mit durchschnittlich 3.500 Veranstaltungen in den vergangenen zehn Jahren recht konstant geblieben ist. 

Soziale Medien fördern Sporttrends

Soziale Plattformen wie facebook, Twitter und Instagram fördern diesen Trend der Extremläufe wie dem MegaMarsch. "Die Sportler wollen sich selbst beweisen und das öffentlich und der ganzen Welt zeigen. Schaut her: ich bin anders als die Masse.", sagt Kirstin Hallmann. So würden Fotos mit Urkunden und Medaillen gepostet, getwittert und auf Instagram präsentiert. Ähnlich wie nach dem New-York-City Marathon, wenn viele Läufer auch Tage nach dem Lauf noch stolz ihre Medaillen um den Hals tragen.

Eine Wanderin geht auf einem Weg zwischen Wiesen in der Eifel (Foto: DW/M. Last)
Extremwandern wie der MegaMarsch trifft den ZeitgeistBild: DW/M. Last

Auch Nicole Herber nutzt die sozialen Medien, allerdings für den guten Zweck. Auf Instagram wirbt die Wanderin mit "Wir besiegen Blutkrebs" für die DKMS und ihre an den MegaMarsch gekoppelte DKMS-Spendenaktion. Ob sich ihr tägliches Training auch bewährt, wird die Wanderin am Wochenende wissen. Wenigstens die Wetteraussichten sind richtig gut.