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Europa

Quälende Ungewissheit

Der Nervenkrieg im Geiseldrama von Moskau hält an. Auch ein Tag, nachdem bewaffnete Tschetschenen bis zu 1000 Zuschauer eines Musicals in ihre Gewalt gebracht hatten, erzielten Unterhändler keinen Fortschritt.

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Der Theaterplatz ist weiträumig abgesperrt

Eine Gruppe von 40 bis 50 schwerbewaffneten Tschetschenen hatte am Mittwochabend (23.10.02) ein Moskauer Theater gestürmt und mehreren hundert Zuschauer sowie Schauspieler, Musiker und weiteres Theater-Personal als Geiseln genommen. Sie drohten mit der Erschießung ihrer Geiseln und der Sprengung des Theaters, sollten russische Sicherheitskräfte eine Stürmung des Gebäudes versuchen.

"Die Terroristen verlangen eines - das Ende des Krieges in Tschetschenien", sagte der Moskauer Polizeisprecher Waleri Gribakin nach einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP.

Geiseldrama in Moskau Soldaten unterwegs

Geiseldrama in Moskau Soldaten unterwegs

Der russische Präsident Wladimir Putin hat das Leben der mehr als 400 Geiseln in Moskau als die höchste Priorität der Sicherheitskräfte bezeichnet. Oberstes Ziel sei die unversehrte Freilassung der in dem Theater festgehaltenen
Menschen. Putin sagte, die Geiselnahme sei "in einem der ausländischen Terrorzentren" geplant worden. Er griff damit frühere Vorwürfe auf, wonach tschetschenische Separatisten in Georgien Zuflucht gefunden hätten.

Deutsche unter den Geiseln

Unter den Geiseln sollen auch sieben Deutsche sein. Das Auswärtige Amt in Berlin konnte bisher nur drei Geiseln bestätigen, schließt aber eine höhere Zahl nicht aus.

Eine freigelassene Geisel konnte der russischen Agentur Interfax detallierte Angaben zur Nationalität der festgehaltenen Musical-Besucher geben. Unter den Geiseln sind demnach vier US-Bürger, vier Kanadier, zwei Schweizer, zwei Österreicher, zwei Jugoslawen, sieben Deutsche, drei Franzosen, zwei Dänen, ein Bulgare und einige Dutzend Bürger aus ehemaligen Sowjetrepubliken.

Rund 100 Frauen, darunter auch zwei Schwangere, und Kinder sind nach Polizeiangaben sind bereits freigelassen worden.

Am Nachmittag ließen die schwer bewaffneten Rebellen weitere Geiseln frei, darunter einen älteren Briten, eine Frau sowie drei Kinder. Zuvor hatte das internationale Rote Kreuz erklärt, es seien neue Verhandlungen mit den Geiselnehmern aufgenommen worden mit dem Ziel, zumindest die Freilassung der Ausländer und Kinder unter
den Geiseln zu erreichen.

Angst vor Stürmung

Geiseldrama in Moskau Theater

A general view of the theater, which was seized by armed Chechens Wednesday night, is seen in Moscow, early Thursday, Oct. 24, 2002. At least 40 heavily armed Chechens held hundreds of hungry, thirsty and exhausted people hostage in a theater early Thursday and were threatening to shoot the audience and blow up the building if Russian security forces tried to storm the theater. A Soviet-era House of Culture that belonged to a ball-bearing plant, was staging a performance of the musical "Nord-Ost." The poster on the theater reads: "Nord-Ost." (AP Photo/ Maxim Marmur)

Die Geiseln haben Augenzeugenberichten zufolge große Angst vor einer Stürmung des Gebäudes durch die Polizei. Bei einem ähnlichen Fall gab es 1995 zahlreiche Tote. Damals hatten Dutzende tschetschenische Kämpfer in der südrussischen Stadt Budjonnowsk ein Krankenhaus gestürmt und mehr als 1.000 Geiseln genommen. Russische Truppen versuchten zwei Mal vergeblich das Gebäude zu stürmen. Dabei wurden mehr als hundert Menschen getötet. Schließlich einigten sich die Sicherheitskräfte mit den Rebellen darauf, dass sie die Geiseln frei lassen und dafür in die Berge fliehen dürfen. Der Anführer der Truppe, Schamil Bassajew, ist immer noch auf freiem Fuß und einer der meistgesuchten Männer Russlands.

Nach Medienberichten fuhr das neue tschetschenische Kommando mit Jeeps zu Beginn des zweiten Akts vor dem Theater vor. Als Polizei und Sicherheitskräfte das Gebäude umstellten, kam es zu einem Schusswechsel, eine Handgranate wurde geworfen, wobei sich einer der Geiselnehmer selbst verletzte und anschließend von einer Ärztin, die unter den Theater-Zuschauern ist, behandelt wurde.

"Todesbereit"

Laut einer tschetschenischen Web-Site ist der Anführer der Gruppe Mowsar Barajew, ein Neffe des im vergangenen Jahr getöteten Rebellenführers Arbi Barajew. Es handele sich um "Smertniki", todesbereite Kämpfer.

Ein Frau, die es aus dem Theater geschafft hatte, sagte dem Fernsehsender NTW in einem Live-Interview, die in Kampfanzüge gekleideten Männer hätten die Bühne gestürmt, in die Luft geschossen und gerufen: "Versteht ihr nicht, was hier vor sich geht? Wir sind Tschetschenen. Wir verheimlichen das nicht." Bei den Frauen unter den Geiselnehmern soll es sich um Witwen tschetschenischer Kämpfer handeln.

Minen im Gebäude

Die Nachrichtenagentur ITAR-TASS meldete unter Berufung auf einen Zuschauer, der die Polizei angerufen habe, dass die Bewaffneten im Inneren des Gebäudes damit begonnen hätten, Minen zu legen.

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